„Böse Zeiten der Gewalt“
Österreich

Marlene Streeruwitz: „Böse Zeiten der Gewalt“

Die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über die Opferrolle der FPÖ und Angst als Instrument der Herrschaft.

profil: Haben Sie mit einem so engen Wahlergebnis gerechnet?
Marlene Streeruwitz: Eine solch genaue Teilung der Wählerschaft in die eine Richtung und in die andere konnte ich mir so nicht vorstellen. Aber das ist nun nachgelernt.
profil: Illustriert das Kopf-an-Kopf-Rennen der Wahl die Zerrissenheit Österreichs?
Streeruwitz: Es zeigt, dass die Vergangenheit die ­Zukunft regiert. Wenn ich mir ansehe, wie die FPÖ sich die Opferrolle angeeignet hat und damit eine Identifikationsschablone für alle anbietet, die sich zu kurz gekommen fühlen, dann ist das idealtypischer Populismus.
profil: Handelt es sich bei dem Ergebnis um einen Rechts- oder Linksruck?
Streeruwitz: Es geht um mehr als um Rechts oder Links. Es geht um die Frage, ob weiterhin eine ­Demokratie des vertragstheoretischen Modells in Österreich implementiert bleibt, also alle Bürger und Bürgerinnen gleich sind, oder eine Republik mit Apartheidgesellschaft gelebt werden muss, in der von einer Erhebung der Muttersprache aus das Recht auf Staatszugehörigkeit erhoben wird.

profil: Der kürzlich verstorbene Historiker Fritz Stern sprach von einem bevorstehenden „Zeitalter der Angst“. Teilen Sie diese Besorgnis?
Streeruwitz: Angst ist ein wichtiges Instrument des Überlebens. Die Frage ist nur, wie eine Kultur dieses Instrument in Gebrauch nimmt oder einsetzt. Viel von der Angst heute kommt aus den Umständen der neoliberalen Globalisierung. Ich nehme aber an, dass die in den Familien weitergegebenen Ängste auch noch aus ganz anderen Zeiten herüberkommen. Wenn Angst zum Instrument der Herrschaft wird, dann beginnen böse Zeiten der Gewalt. Das ist besorgniserregend und traurig.

profil: Stern beklagte auch das „feine Schweigen“, die Weigerung weiter Teile der Bevölkerung, am Meinungsstreit teilzunehmen und das Feld den Lauten und Fanatischen zu überlassen. Haben Österreichs Eliten versagt?
Streeruwitz: Eliten versagen nie – sie sind ja oben. Wenn das Establishment nichts mehr von den Lebenswelten weiß, dann wird es hinweggefegt. Das war immer schon so. Die Enttäuschten und Wütenden können ihre Wut und Enttäuschung nur gegen das Establishment richten – oder aber sich selbst zur Verantwortung ziehen. Die Bundespräsidentwahl war wohl die Wahl der ersteren Möglichkeit. Stillgehalten wurde ja lange genug. Die Eliten werden sich arrangieren. Das Establishment wird ausgetauscht.

profil: Der deutsche Soziologe Heinz Bude spricht von grassierender „Statuspanik“. Kommt die diffuse Angst vor sozialem Abstieg und Kaufkraftverlust auch deshalb vor allem einer Bewegung wie der FPÖ zugute, die Österreich gleichsam unter einen Glassturz stellen möchte?
Streeruwitz: In einem Interview meinte ein Mann, dass sich mit Hofer alles verändern werde: die Arbeitsplätze und das mit dem Geld. Das zeigt, dass das Zerbrechen der Lebenswelten sehr wohl als Abstieg empfunden wird und die Hoffnung auf eine Fürsorge besteht, die es wieder „gut“ machen soll. Die FPÖ verspricht mit der Rückkehr zu einem Österreich der Einheimischen, in dem die Ausländer Ausländer bleiben sollen, eine Scheinsicherheit, die auch eine wirtschaftliche Dummheit ist. Die sich benachteiligt Fühlenden bekommen auf diese Weise ein Ventil. Außerdem geht es um eine verfehlte Geschlechterpolitik, die den Männern vorgegaukelt hat, sie seien immer noch die Familien-Erhalter. Das sind sie aber längst nicht mehr. Da hat die Wirtschaft mehr an der Geschlechterkonstruktion gewerkelt als die Politik. Jetzt treten die Inkongruenzen schmerzlich zutage. Mann oder frau sollte die Wähler und Wählerinnen halt nicht belügen.

Zur Person: Marlene Streeruwitz, 65, zählt zu Österreichs wichtigsten Schriftstellerinnen. Im September erscheint ihr neuer Roman „Yseut.“.

Kommentar verfassen
  • Christa Gutmann
    Christa Gutmann Fr, 27. Mai. 2016 00:19

    ...sich zu kurz gekommen fühlen,
    ...die Arbeitsplätze und das mit dem Geld
    ...die sich benachteiligt Fühlenden

    Lassen diese Beschreibungen im Text nicht eher auf Neid schließen? Neid, dass man sich um die Fremden mehr kümmert als um mich, den Österreicher - und Ähnliches...?



    Melden
  • Helmut Plattner (begin2wonder) Do, 26. Mai. 2016 18:02

    „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.” (J.-C. Juncker, Spiegel 52/1999)
    Der hat VdB ein Herzchen auf sein Gratulationsschreiben gemalt.

    Melden
  • Helmut Plattner (begin2wonder) Do, 26. Mai. 2016 17:56

    Frau Streeruwitz, was ist Ihnen lieber? - Plutokratie oder Populismus?
    Das frägt Sie einer, der am 22.05. genau vor dieser Frage stand: Plutokratie oder Populismus, Pest oder Cholera?
    Sie bevorzugen anscheinend die Plutokratie. Soll sein.
    Mir wäre am liebsten die Demokratie, wenn's die noch gäbe...

    Melden
  • Markus Bast (bamark) Do, 26. Mai. 2016 15:49

    50:50
    Hr.Schroeger's und Franz Meier's Kommentare sind stimmige Repräsentanten dieser Wahlentscheidung.
    Zwischen Staatsform "Perversion" und "Forumszensur" klafft wohl ein tiefer Graben.

    Melden
  • Silvester Schröger Do, 26. Mai. 2016 12:42

    Auch Streeruwitz verschweigt, dass Stammeskulturen, die wenig flexibel sind, was die Annahme unserer kulturellen Spielregeln betrifft, nicht integrierbar sind. Siehe Berlin. Die meisten dieser Migranten sehen in unserer demokratischen, säkularen Staatsform eine Perversion. Ihr Leben wird völlig von ihrer Religion bestimmt. Der Islam ist nicht reformierbar. Er gehört daher weder zu D, noch zu Ö.

    Melden
    • Franz Meier (profil2015) Do, 26. Mai. 2016 12:57

      Ich bin verwundert, daß die Forumszensur diese Meinung durchgelassen hat!

      Melden
    • Helmut Plattner (begin2wonder) Do, 26. Mai. 2016 17:31

      Dazu kommt noch die fast triviale Tatsache, dass Integration jenen, die sich integrieren sollen, umso sinnloser erscheint, je größer ihre Zahl verglichen mit der der Einheimischen in ihrem Umfeld ist. Siehe Molenbeek, Banlieues von Paris. Wenn Sie weder in der Apotheke, im Lebensmittelmarkt, in der Quästur mit Europäern konfrontiert sind, schwindet subjektiv der Sinn von Integration.

      Melden
    • Helmut Plattner (begin2wonder) Do, 26. Mai. 2016 17:47

      Ergänzung:
      per 1.1.2014:
      15. Bezirk: 49% Bewohner mit ausländ. Herkunft, 37% Bewohner über 16 J. und nicht mit österr. Staatsbürgerschaft.

      To be continued.

      Quelle: https://www.wien.gv.at/menschen/integration/grundlagen/daten.html

      Melden