Marlene Streeruwitz im Interview über die schwarz-blaue Regierung

Marlene Streeruwitz im Interview über die schwarz-blaue Regierung

Österreich

Marlene Streeruwitz: "Es herrscht biestige Ernsthaftigkeit"

Gespräche über Hardcore-Ideologie und Hyperneoliberalismus, Sebastians Kurz’ Konfirmandenanzug und die Frage, wie sich 2000 und 2018 politisch unterscheiden. Teil. I: Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über das ÖVP-FPÖ-Bündnis einst und jetzt.

Interview: Wolfgang Paterno

profil: Worin unterscheidet sich Schwarz-Blau II von Schwarz-Blau I?
Streeruwitz: Es ist heute ernst. Haider hatte, neben dem Negativen, das er darstellte, etwas Spielerisches, für das wir in Kärnten bis heute buchstäblich zahlen dürfen. Er war vom Geist des Schauen-wir-was-geht beherrscht. Heute herrscht dagegen biestige Ernsthaftigkeit, was auch an den intellektuellen Fähigkeiten der Beteiligten liegt. Haider musste sich noch nicht derart grimmig dem Ideologischen widmen.

profil: War der Widerstand 2000 ebenfalls spielerischer?
Streeruwitz: Viele sagen, der Aktivismus der 2000er wäre naiv gewesen. Stimmt nicht. Wir waren poetisch. Besagtes Jahr stellt den Abschluss der Nachkriegszeit dar, der aber 17 Jahre gedauert hat. Es ist Leistung genug, dass wir das in der Welt angedrehte Räderwerk des digitalen Hyperneoliberalismus so lange hinauszögern konnten.

profil: Was hat sich seit jener Zeit gesamtgesellschaftlich geändert?
Streeruwitz: Es gibt Privatfernsehen und Gratiszeitungen. Lange, differenzierte
Sätze sind in diesen Massenmedien abgeschafft. Die Linke wie die konservative Mitte hat es bis heute nicht erreicht, sich andere Informationskanäle zu verschaffen.


Bei Haider ging es noch nicht darum, aus Österreich ein großes Dschungelcamp zu machen.

profil: Und was hat sich politisch so gravierend verändert?
Streeruwitz: Bei Haider ging es noch nicht darum, aus Österreich ein großes Dschungelcamp zu machen. Die FPÖ will Menschen aber inzwischen Schmerzen verursachen, sie in Lager sperren, sie außer Landes schaffen. Das schmerzhafte Leben der wenigen soll der Mehrheit zu wohligem Schauer verhelfen. Das komfortable Gefühl aber, diesmal nicht von Strafe und Sanktionen getroffen zu sein, weil es eben den Nachbarn erwischt hat, hält natürlich nicht vor, weil es am Ende auch die angeblich Verschonten treffen wird. Die ÖVP möchte den neoliberal zugerichteten Menschen die Wirtschaft übergeben. Das ist scheußlich genug. Die FPÖ möchte die Person selbst bearbeiten, ihr Schmerz zufügen und den sadistischen Gewinn in Form von Wählerstimmen einkassieren.

profil: Wie beurteilen Sie das Auftreten der neuen Regierung?
Streeruwitz: Strache stellt in intimisierender Inbesitznahme die Regierungserklärung in trachtiger Hausjacke vor, während Kurz im Konfirmandenanzug seine Jugendlichkeit ausstellt. Niemand ist bereit, Repräsentation zu übernehmen, es geht allein um Selbstdarstellung. Es soll alles abgedeckt werden, ohne sich zu entscheiden, was man wirklich sein will.

profil: Ist Kurz der bessere Dompteur des blauen Regierungspartners?
Streeruwitz: Kurz ist ein Geschöpf Schüssels. Aus ihm kann ganz schnell auch ein Herr Grasser werden, der Kurz’ Vorgängermodell ist. Diese Regierung hat Angst. Das zeigt sich einerseits an ihrem Auftreten, andererseits in den stetigen Beteuerungen, alles richtig machen zu wollen. In der Regierungserklärung wird fast schon suchtartig wiederholt, dass sich die Koalition selbstredend um europäische Werte und innerösterreichische Demokratisierung bemühen werde. Das ist verdächtig, weil es selbstverständlich ist, dass Menschenrechte und die Verfassung eingehalten werden. Gewählt ist gewählt, also an die Arbeit. Stattdessen fühlen sich Kurz und Strache wie ertappte Schüler bemüßigt, zu betonen, wie brav sie sein werden.

profil: Zeichnen sich schon Fernziele der neuen Regierung ab?
Streeruwitz: Rechte Politik will den Staat konsequent minimieren und kaputtschlagen, um restlos der neoliberalen Wirtschaft zuarbeiten zu können. Staatlich gedacht ist bei Schwarz-Blau II nichts mehr.

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