Bernhard Weidinger, Mitarbeiter des Dokumentationsrachivs des österreichischen Widerstandes (DÖW): „Im burschenschaftlichen
Milieu ist man irritiert.“

Bernhard Weidinger, Mitarbeiter des Dokumentationsrachivs des österreichischen Widerstandes (DÖW): „Im burschenschaftlichen Milieu ist man irritiert.“

Österreich

Politologe Weidinger: „Berufen, das Volk zu führen“

Der Politologe Bernhard Weidinger über die Frage, wie gefährlich Burschenschaften für die Demokratie sind.

Interview: Christa Zöchling

profil: Sie haben eine 600 Seiten starke Dissertation über deutschnationale Verbindungen nach 1945 verfasst, Mitteilungsblätter, Jahresberichte und Festschriften durchforstet. Was könnte eine Historikerkommission neu entdecken?
Weidinger: Es war mir etwa nicht möglich, Sitzungsprotokolle der einzelnen Verbindungen zu sichten. Ich bin skeptisch, dass sie ihre Archive jemals für einen Außenstehenden öffnen.

profil: Burschenschaften wirken wie Geheimbünde. Wenn zufällig etwas nach außen dringt, sind es rechtsradikale Vorfälle. Trügt das Bild?
Weidinger: Abschottung regt natürlich die Fantasie an, fördert die Verbreitung von Klischees. Andererseits: Wenn so ein Nazi-Liederbuch auftaucht, rückt die Wahrheit sehr nahe ans Klischee. Die Häufigkeit ähnlicher Vorfälle lässt eine Einzelfalltheorie wenig tragfähig erscheinen.

profil: Knapp 40 Prozent der FPÖ-Nationalräte gehören deutschnationalen Verbindungen an. Sie besetzen Schaltstellen in FPÖ-Ministerbüros. Ist das gefährlich für die Demokratie?
Weidinger: Eine generalstabsmäßige Unterwanderung der Republik durch braune Netzwerke sehe ich nicht. Doch die Mehrheit der Burschenschaften in Österreich hat ein problematisches Verhältnis zur Demokratie. Das beginnt beim völkischen Nationalismus mit seiner Verneinung des Gleichheitspostulats und endet bei der Idealisierung von Autorität und Gehorsam. Wer im wahrsten Sinn des Wortes eingepaukt bekommt, dass jedes Zurückweichen verwerflich ist, wird nur beschränkt zu Kompromissen fähig sein. Damit ist eine wesentliche Grundlage liberaler Demokratie infrage gestellt, die ja vom Interessenausgleich lebt. Auch hängen viele Burschenschafter der Überzeugung an, dass bestimmte männliche Eliten – nämlich sie selbst – berufen seien, den Willen des Volkes zu erkennen und das Volk zu führen. Mit diesem Elitarismus geht eine Missachtung der Masse einher, also des demokratischen Souveräns.


Einzelne Ansätze, die eigene NS-Geschichte aufzuarbeiten, wurden bisher im Keim erstickt.

profil: Die Grundlage der Menschenrechte, wonach alle Menschen gleich sind an Rechten und Würde, wird von Burschenschaften geleugnet?
Weidinger: Man bekennt sich rhetorisch zwar zur Gleichwertigkeit aller Menschen, verwirft aber reale Gleichstellung als linke Utopie. Das Primat des Völkischen zeigt sich in ihrer Volksgruppenpolitik. Hier gilt die Maxime: Der Deutsche hat immer recht. Was man in Südtirol seit jeher forderte, etwa zweisprachige Ortstafeln und Schulen, wurde in Südkärnten ebenso verbissen bekämpft.

profil: Heinz-Christian Strache hat – wie übrigens noch jeder Parteiobmann vor ihm – angekündigt, die FPÖ von „Kellernazis“ zu befreien. Betrifft das auch Burschenschafter?
Weidinger: Ich sehe bei schlagenden Verbindungen nicht generell eine Begeisterung für nationalsozialistisches Gedankengut, sondern ein Liebäugeln mit gewissen Aspekten der NS-Herrschaft und Ideologie bei gleichzeitiger, oft freilich recht verdruckster Ablehnung der NS-Verbrechen. Einzelne Ansätze, die eigene NS-Geschichte aufzuarbeiten, wurden bisher im Keim erstickt. Jene, die das wollten, wurden als Verräter gebrandmarkt.

profil: In Publikationen von Burschenschaften wurde lange vor der Flüchtlingskrise gegen „Überfremdung“ und „Vermischung“ angeschrieben. Ist Rassismus der burschenschaftlichen Ideologie immanent?
Weidinger: In ihrer in Österreich vorherrschenden völkischen Auslegung ja. Das passt zu ihrer deutschnationalen Ideologie. Der völkische Nationalismus sieht das Volk als eine Blutsgemeinschaft, der man nicht nach Belieben
angehören kann oder nicht. Personen bestimmter Herkunft wird die Integrationsfähigkeit abgesprochen – sozusagen genetisch. Es gibt eine burschenschaftliche Schrift aus dem Jahr 2012, die explizit „Unterschiede zwischen den ‚Rassen‘“ festhält. Verfasst wurde das von einem Herrn, den die FPÖ nun als Universitätsrat installieren will.

profil: Ewald Stadler hat Strache bereits für den Fall gedroht, dass er weitere Burschenschafter dem „linken Gesinnungsterror opfern“ sollte. Ist das ernst zu nehmen?
Weidinger: Im burschenschaftlichen Milieu ist man irritiert. Man nimmt die jüngsten Distanzierungen als Treuebruch und „nicht mannhaft“ wahr. Das wird wohl ein schwelender Konfliktherd bleiben. So etwas kann immer wieder passieren, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Solange die FPÖ erfolgreich ist, wird man, wie unter Jörg Haider, zähneknirschend stillhalten. Wenn allerdings die Wahlerfolge ausbleiben, stehen die Zeichen auf Konfrontation.

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  • Peter Eberl (pete7) Mo, 19. Feb. 2018 12:18

    Aber Genosse Weidinger, wenn Sie Ansätze orten, dass die Blauen bzw. hewisse Burschenschaften die Tendenz aufweisen das "Volk zu führen" dann liegen sie grund falsch - oder jede pol. Partei die dieses ja im Sinn hat birgt nationalsoz. Gedanbkengut in sich. Und erst die USA welche die ganze Welt beherrschen wollen.
    Bitte a bissl aufpassen, wenn Sie Ihr linkes Gendankengut verbreiten.Und was

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    • Peter Eberl (pete7) Mo, 19. Feb. 2018 12:22

      das Demokratieverständnis Ihrer Genossen betrifft, wo Sie fälschlich ein Defizit bei den Blauen orten - eh klar - dann sollten Sie sich einmal überlegen, wie Ihre Linken mit demokr. Entscheidungen umgehen, die nicht im Sinne Ihrer Linken sind.
      Siehe letztes Wahlergebnis.

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    • Stefan Uttenthaler
      Stefan Uttenthaler Mi, 21. Feb. 2018 15:40

      Was schreiben Sie da für einen Stumpfsinn, Herr Eberl? Erstens sind Burschenschaften keine politische Partei und daher auch nicht demokratisch legitimiert. Ihre Überzeugung, das "Volk führen" zu wollen, ist deshalb sehr wohl verwerflich und demokratiepolitisch höchst bedenklich.

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    • Stefan Uttenthaler
      Stefan Uttenthaler Mi, 21. Feb. 2018 15:45

      Zweitens: Sagen Sie mir doch bitte, welcher Umgang der "Linken" mit dem letzten (NR?)Wahlergebnis sie meinen! Hat jemand das Ergebnis angefochten oder behauptet, es sei nicht fair zustande gekommen? Die letzte Anfechtung einer Wahl, an die ich mich erinnern kann, war durch die FPÖ! Ein bisschen denken dürfen S' schon beim Schreiben, Herr Eberl!

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    • Peter Eberl (pete7) Do, 22. Feb. 2018 12:01

      Typisch links Genosse Uttenthaler..... beschimpfen aber keine Argumente. Und bitte sinnerfassend lesen. Danke.
      Natürlich will jede Partei das Volk führen bzw. bevormunden , wie Hr. Weidinger (und nicht ich) meinte - besonders Ihre Linken. Dass dies demokratiepol. bedenklich ist - da bin ich bei Ihnen. Sagen Sie dies auch Ihren Genossen Danke.
      Ihre Linken können nicht verlieren - siehe auch USA.

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