Schreibkrämpfe
Österreich

Schreibkrämpfe

Das Schreiben mit der Hand verschwindet im Zeitalter von iPhones und WhatsApp zunehmend aus unserer Alltagskultur. Experten warnen jedoch davor, die Kulturtechnik aus dem Schul- und Bildungssystem zu verdrängen. Denn die Handschrift hilft Kindern mehr, als man annehmen könnte.

In einer ersten Klasse der Volksschule Hanreitergasse in Wien-Floridsdorf biegen die Taferlklassler hochkonzentriert Draht zu Kreisen oder Herzen. Auch Muttern und Schrauben kommen hier im Unterricht zum Einsatz, sie kullern dann auf den Tischen herum, die Schüler sollen sie auf- und zudrehen. Diese Übungen dienen dazu, ihre Handmuskulatur zu trainieren. Erst in den folgenden Wochen werden sie mit Schreibversuchen von einzelnen Buchstaben konfrontiert werden. Die verlangsamte und schrittweise Annäherung an die Kulturtechnik des Schreibens soll späteren Frustrationserlebnissen entgegenwirken.

"Kinder haben beim Schreiben heute weitaus größere Schwierigkeiten als früher. Deswegen fördern wir zuerst ihre Motorik, damit sie sich dann entsprechend leichter tun“, erklärt ihre Lehrerin Susanne Peros. Seit mehr als 30 Jahren unterrichtet Peros. Während dieser Zeit haben sich auch die Fingerfertigkeit und motorischen Fähigkeiten der Volksschüler massiv verändert. Was nicht nur an der Digitalisierung liegt, sondern auch an ganz simplen Entwicklungen in der Alltagskultur: Knöpfe werden in der Kinderbekleidung zunehmend durch weitaus leichter zu handhabende Klettverschlüsse und Zipps ersetzt, viele Türen öffnen automatisch, Wasserarmaturen werden mit Hebelwirkung betätigt, Kochen mit den Eltern, bei dem geschnitten, geknetet und geformt wird, ist eine immer seltener praktizierte Kulturtechnik. Die Wisch- und Tippbewegungen, die den Umgang mit Smartphone und Tablets bestimmten, ersetzen die Anforderungen an die Motorik der Kinder nur bedingt: Sie beanspruchen nur gewisse Segmente der Handmuskulatur.


Informationen, die wir mit dem Stift niedergeschrieben haben, bleiben nachhaltiger in unserem Gedächtnis.

Dennoch stellt sich die Frage, ob dieser Kulturkampf in den Klassenzimmern überhaupt noch sinnvoll ist. Schließlich schreiben die meisten von uns zunehmend seltener mit der Hand. Bestenfalls bei Antragsformularen in Ämtern wird im täglichen Leben Handschriftliches gefordert. Wer hat zuletzt einen Brief tatsächlich auch niedergeschrieben? Wer kritzelt Notizen oder Aufgabenlisten noch in ein Büchlein und tippt sie nicht viel eher in sein Smartphone? Während die zwischenmenschliche Kommunikation zunehmend der Digitalisierung anheimfällt, existiert im Unterrichtssystem gleichzeitig der nostalgische Wunsch, die Lehr- und Lernmethoden weiter im "Old School“-Modus zu halten und einen Schutzwall vor den neuen Technologien zu errichten. Aber ist das ein realistischer Zugang? Und vor allem: Welche Form des Schreibens erweist sich als sinnvoll und lernfördernd für unsere Kinder?

Neue Untersuchungen beweisen, dass es - abgesehen vom Nostalgiefaktor - einen ganz wesentlichen Grund für den Erhalt des händischen Schriftverkehrs gibt: Informationen, die wir mit dem Stift niedergeschrieben haben, bleiben nachhaltiger in unserem Gedächtnis.

Diese These wurde 2014 von einer Studie untermauert, die in einer Kooperation der Universitäten Princeton und der University of California, Los Angeles durchgeführt wurde. In drei verschiedenen Untersuchungen mussten Studierende Notizen bei einem Vortrag machen - die einen per Hand, die anderen am Laptop. In jedem dieser Settings stellte sich heraus, dass sich die Studierenden dann besser an den Inhalt erinnern konnten, wenn sie ihn händisch mitgeschrieben hatten. Deswegen trägt die Untersuchung den bezeichnenden Titel "The Pen Is Mightier Than the Keyboard“ - die Feder ist mächtiger als die Tastatur. Eine Erklärung für die Macht der analogen Methode: Per Handschrift sind die meisten Studierenden langsamer als auf der Tastatur: Da sie nur einen Teil niederschreiben und nicht alles gedankenlos abtippen können, müssen sie die Information bereits beim Zuhören herausfiltern, was wiederum der Erinnerung hilft.


Das Schreiben mit der Hand ist nicht nur eine Stilfrage und ein Mittel, unsere Merkfähigkeit zu steigern, sondern animiert auch unseren Seh- und Tastsinn.

Ein europäisches Land scheint diese Erkenntnis nicht zu tangieren: Finnland schaffte im August die Schreibschrift ab - sie wird Schulanfängern nun nicht mehr unterrichtet. Die Reform sorgte weltweit für Aufregung, wobei dieser drastisch anmutende Schritt auch missinterpretiert wurde. Denn die finnischen Erstklassler lernen weiterhin mit der Hand zu schreiben - allerdings nur Druckschrift, also nur in jenen Groß- und Kleinbuchstaben, wie man sie auch am Computer oder in Zeitungen verwendet. Die schnörkelhafte "Schreibschrift“, deren Buchstaben miteinander verbunden werden, wird im sonst oft als Bildungs- und Pädagogik-Vorreiterland hoch gelobten Finnland nicht mehr gelehrt.

In den finnischen Volksschulen wird dafür schon ab der ersten Klasse der Computer benutzt. "Flüssiges Tippen ist eine wichtige nationale Kompetenz“, begründete Minna Harmanen vom finnischen Bildungsministerium in der Zeitschrift "Helsinki Times“ diesen Schritt, der die Verfechter der Feder fassungslos macht. "Ein Akt reiner Barbarei“, zeigte sich der deutsche Schriftsteller Martin Walser in der "taz“ dazu empört.

Doch das Schreiben mit der Hand ist nicht nur eine Stilfrage und ein Mittel, unsere Merkfähigkeit zu steigern, sondern animiert auch unseren Seh- und Tastsinn. Im Gehirn passieren sehr unterschiedliche Vorgänge, wenn man einen Stift benutzt. "Wenn wir händisch schreiben, kommt der visuell-motorische Teil des Gehirns zum Einsatz: Wir führen Handbewegungen durch, wir nutzen den Seh-, den Tastsinn. Dabei werden Regionen unseres Hirns aktiv, die vorteilhaft für das Lernen sind. Es stellt sich hingegen heraus, dass beim Tippen auf der Tastatur weit weniger Hirnregionen beansprucht werden“, erklärt die Neuropsychologin Audrey van der Meer gegenüber profil. Sie ist eine der Autorinnen einer neuen Studie, die die Technisch-Naturwissenschaftliche Universität Norwegen durchführte, um die neurologischen Konsequenzen des Niederschreibens von Informationen festzumachen. Interessanterweise wurde das Forschungsprojekt von Microsoft finanziert.


Heute haben mehr Kinder als früher Probleme, sich eine gut lesbare, flüssige Schrift anzueignen. (Christian Marquardt)

Wie wir in Zukunft unseren Schriftverkehr gestalten werden, ist eine Frage, die über den finanziellen Erfolg oder Ruin vieler Unternehmen entscheiden kann. "2014 haben wir 1600 Studierende und Schüler befragt: Sieben von zehn nutzen täglich Stifte. Diese Gewohnheit versuchen wir auch in unseren Produkten zu integrieren“, sagt Alexander Linhart, der bei Microsoft Österreich die Leitung des Geschäftsbereich Windows innehat. Seit vier Jahren hat Microsoft seine Tablet-Computer "Surface“ im Angebot, die einen Stift inkludieren. Das Gerät ist somit auch wie ein Notizblock benutzbar, aber alle Aufzeichnungen werden digital gespeichert. "Ich habe selbst einen Sohn im Schulalter. Vielleicht schaffen wir es eines Tages, den Kindern diese Schlepperei von kiloschweren Schulbüchern und Heften zu ersparen“, hofft der Microsoft-Manager. Andere Hersteller locken ebenfalls mit digitalen Schreibgeräten: Moleskine bietet ein "Smart Writing Set“ an. Es sieht wie ein normaler Notizblock mit Kugelschreiber aus, doch der Stift ist im Inneren mit Sensoren ausgestattet, und per App kann jede Notiz digital gespeichert werden.

Das Lamento über den Niedergang der Handschrift ist also verfrüht: Selbst große IT-Konzerne wollen weiterhin mit der "Old School“-Technik Geld machen.

Eine Gefahr bleibt unleugbar: die schwindenden motorischen Fähigkeiten der Kinder. "Heute haben mehr Kinder als früher Probleme, sich eine gut lesbare, flüssige Schrift anzueignen“, so der deutsche Motorikexperte Christian Marquardt, der das Schreibmotorik-Institut berät und mit diesem Schulungen für Lehrer anbietet. Da Buben und Mädchen seltener basteln oder malen und weniger mit kleinteiligem Spielzeug wie Murmeln oder Lego spielen, fehle ihnen die Geschicklichkeit und Muskelkraft, um Buchstaben präzise und flüssig zu zeichnen. Das damit entstandene Frustrationserlebnis verstärkt in weiterer Konsequenz den Drang, an der Tastatur zu arbeiten.


Man muss schreiben können, ohne sich dabei zu verkrampfen. (Christian Marquardt)

Doch daraus einen Kulturkampf abzuleiten, hält Marquardt für falsch: "Es ist nicht zielführend, die Technik zu verteufeln oder den Computer gegen die Handschrift auszuspielen. Vielmehr geht es darum, jedem Kind zu helfen, eine gut lesbare und flüssige Handschrift zu entwickeln. Man muss schreiben können, ohne sich dabei zu verkrampfen.“ Er warnt vor einer drastischen Reform wie in Finnland, denn das Schreiben von Druckbuchstaben würde zu Verkrampfung führen und mehr Zeit fordern. Allerdings rät er, die Schreibschrift, die momentan unterrichtet wird, zu vereinfachen und effizienter zu gestalten.

Beim Blick auf die Kinder in der ersten Klasse der Volksschule Hanreitergasse, die gerade Kreise auf Papier zeichnen, wirkt diese sanfte Reformanregung durchaus plausibel. Während der Unterricht mit seinen feinmotorischen Übungen durchaus zeitgemäß wirkt, ist die staatlich vorgesehene Schreibschrift schon mehr als 20 Jahre alt: 1995 wurde sie zuletzt erneuert und entschnörkelt. Eine weitere Vereinfachung könnte Kindern nicht nur helfen, das Schreiben leichter zu erlernen, sondern damit auch Freude und Spaß zu assoziieren.

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