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Suisse Secrets
02/20/2022

Suisse Secrets: Die dunklen Geheimnisse der Credit Suisse

Ein Datenleck enthüllt: Die Schweizer Großbank betreute jahrzehntelang Vermögen von Leuten mit zweifelhaftem Background. Credit Suisse führte Konten für Menschenhändler, Drogenbarone, Waffenschieber, Folterknechte und korrupte Politiker. profil war Teil eines internationalen Rechercheprojekts.

von Michael Nikbakhsh, Stefan Melichar

  • Projekt „Suisse Secrets“: 163 Journalistinnen und Journalisten aus 39 Ländern werteten geleakte Kontodaten der international tätigen Schweizer Großbank Credit Suisse aus: Es handelt sich um Datensätze zu insgesamt rund 18.000 Bankkonten.
  • Das Material wurde ursprünglich der „Süddeutschen Zeitung“ anonym zugespielt, die „SZ“ teilte es anschließend mit der Investigativ-Plattform Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und 46 weiteren Medienhäusern, darunter „New York Times“, „The Guardian“, „Le Monde“, „La Stampa“, NDR und WDR. Aus Österreich war profil an den Recherchen beteiligt.
  • Die Datensätze dokumentieren Geschäftsverbindungen von Credit Suisse zu tausenden Kunden aus rund 120 Ländern. Die ältesten Einträge stammen aus den 1940er Jahren, die jüngsten aus der vergangenen Dekade. Das darin abgebildete Vermögen übersteigt umgerechnet 100 Milliarden Euro.
  • Die Daten führen zu Konten von Staats- und Regierungschefs, Monarchen, Ministern, Oligarchen und Kardinälen.
  • Die Daten führen schließlich auch zu Drogen- und Menschenhändlern, Waffenschiebern, korrupten Staatsdienern und Geheimdienstchefs.

Es ist ein Kriminalfall erster Güte, der dieser Tage vor dem Schweizer Bundesstrafgericht Bellinzona im Kanton Tessin verhandelt wird: Auftragsmorde, Kokainschmuggel, Millionen von Bargeld in Koffern, Offshore-Konstruktionen, Geldwäscherei. Und mittendrin: Credit Suisse (CS), eine Schweizer Institution, Gründungsjahr 1856, eines der ältesten, größten und zugleich elitärsten Bankhäuser Europas.

Annähernd 49.000 Menschen stehen weltweit im Sold der CS-Gruppe, deren Stammsitz am Zürcher Paradeplatz auch als Grandhotel herhalten könnte. Nur, dass dort keine Menschen absteigen, sondern eben deren Geld. Credit Suisse verwaltet für Kundinnen und Kunden aus aller Welt ein riesiges Vermögen: umgerechnet rund 1500 Milliarden Euro.

In Bellinzona wird seit 7. Februar ein vergleichsweise kleiner Betrag behandelt: 55 Millionen Schweizer Franken, die zwischen 2004 und 2007 auf Konten und in Schließfächern der Credit Suisse gelandet waren. Das Geld wird einem bulgarischen Drogenring um den Paten Evelin B., genannt „Il Nonno“, der Opa, zugerechnet. Das Kartell soll einst Berge von Kokain aus Südamerika nach Europa verfrachtet und Erlöse daraus über Konten bei Credit Suisse gewaschen haben.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat darob zwei Bulgaren, eine ehemalige Mitarbeiterin von Credit Suisse und die Bank selbst wegen Geldwäscherei angeklagt. Credit Suisse muss sich organisatorische Mängel vorwerfen lassen. Laut der Anklage soll die Bank „nicht alle erforderlichen Maßnahmen“ ergriffen haben, um zu verhindern, dass die mutmaßlich schmutzigen Millionen ins Haus kamen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Credit Suisse wies die Vorwürfe bereits mit aller Vehemenz zurück. Es handle sich um eine „vergangenheitsbezogene Angelegenheit“, wie das Management die Schweizer „Sonntagszeitung“ zum Prozessauftakt wissen ließ. Die Bank verweist zudem auf Gutachten, wonach ihre Organisation im fraglichen Zeitraum sehr wohl den damals geltenden Regularien entsprochen habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass CS Erklärungsbedarf hat. In den vergangenen zwei Dekaden wurde der Name Credit Suisse mit einer Reihe von Affären rund um den Globus in Verbindung gebracht; immer wieder ging es auch um den allzu sorglosen Umgang mit Sorgfaltspflichten; die Bank musste teils empfindliche Strafen bezahlen.

Und auch der Prozess vor dem Bundesstrafgericht Bellinzona ist nicht das Ende der Geschichte.

Der Whistleblower und die „schändliche Rolle“

Willkommen bei „Suisse Secrets“: Das ist der Name eines Projekts, an welchem 163 Journalistinnen und Journalisten aus 39 Ländern monatelang arbeiteten. Ausgangspunkt war ein riesiges Datenleck. Ein anonymer Whistleblower hatte der „Süddeutschen Zeitung“ vor mehr als einem Jahr tausende Datensätze aus dem Innersten von Credit Suisse übermittelt. Diese führten zu mehr als 30.000 Kundinnen und Kunden der Bankengruppe, die dort im Laufe der Zeit ein Vermögen von umgerechnet mehr als 100 Milliarden Euro bunkerten. Die Quelle verschickte dazu auch eine Botschaft: „Ich glaube, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist.“ Der Vorwand, die finanzielle Privatsphäre zu schützen, sei lediglich „ein Feigenblatt, um die schändliche Rolle der Schweizer Banken als Kollaborateure von Steuerhinterziehern zu verschleiern“, schrieb der Whistleblower.

Die „SZ“ holte in weiterer Folge die Investigativ-Plattform Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) an Bord, die eine internationale Kooperation von schlussendlich 48 Medienhäusern aus aller Welt aufsetzte – darunter „SZ“, WDR und NDR aus Deutschland, die „New York Times“, der britische „Guardian“, „Le Monde“ aus Frankreich, „La Stampa“ aus Italien, „Aftenposten“ aus Norwegen und SVT aus Schweden. Aus Österreich war profil Teil des Kollektivs.

Nach „Ukio Leaks“, „Akte Meinl“, „FinCen Files“, „Pandora Papers“ https://www.profil.at/pandora-papers und „CumEx-Files“ ist dies das sechste internationale Rechercheprojekt, an welchem profil seit 2019 beteiligt war.

Mehr als 18.000 Konten

Die Datensätze fügen der zuletzt nicht eben glanzvollen Geschichte von Credit Suisse ein weiteres glanzloses Kapitel hinzu. Die zweitgrößte Bank der Schweiz hat über Jahre hinweg Geschäftsverbindungen zu Schurken aller Art unterhalten: Drogenbarone, Menschenhändler, Autokraten, Waffenschieber, korrupte Staatsdiener, Geheimdienstoffiziere.

Das vom Recherchekollektiv ausgewertete Material zu insgesamt mehr als 18.000 Konten deckt einen langen Zeitraum ab. Die ältesten Kontoeinträge stammen aus den 1940er Jahren, die jüngsten aus den 2010er Jahren, wobei mehr als zwei Drittel der Konten nach dem Jahr 2000 eröffnet wurden. Wie viele davon heute noch aktiv sind, geht aus den Datensätzen nicht hervor. Auffallend viele Kunden in dem Leak kommen aus Ländern, denen Kapitalflucht keineswegs fremd ist: Venezuela, Ägypten, Ukraine, Kasachstan und Thailand.

Soweit es Credit Suisse betrifft, geben die Daten einmal mehr Anlass zu der Frage, ob die Bank ihre Kunden (und die Herkunft deren Gelder) stets mit der gebotenen Sorgfalt überprüft hat.

In einer Stellungnahme wies Credit Suisse die Vorwürfe zurück, ein Großteil der Konten sei längst geschlossen worden. Auf detaillierte Fragen erhielten die beteiligten Medien mit Hinweis auf Verschwiegenheits- und Sorgfaltspflichten allerdings keine Antwort.

Credit Suisse legt jedoch Wert auf die Feststellung, „höchste Verhaltensstandards“ einzuhalten: „Die Credit Suisse hält bei der Ausübung ihrer Geschäftstätigkeit die geltenden globalen und lokalen Gesetze und Bestimmungen ein.“

Abgesehen davon wertete die Bank die Anfragen mehrerer beteiligter Medien als „konzertierte Aktion“ mit dem einzigen Zweck, den Schweizer Finanzplatz „in Verruf“ zu bringen.

Auch die Bösen brauchen Konten

Die „Suisse Secrets“ führen unter anderem zu einem auf den Philippinen verurteilten Menschenhändler: Dieser war ebenso ein Kunde der CS-Gruppe wie ein ägyptischer Mörder, Folterknechte aus dem arabischen Raum und ein 2008 wegen Bestechung in Deutschland verurteilter früheren Siemens-Manager. Dieser hatte einst die Interessen des Konzerns in Nigeria vertreten (dazu später).

In Daten finden sich auch Vertreter der ukrainischen Elite, darunter ein Oligarch, dem die einstige Hypo Alpe-Adria Millionen Euro an Schulden erlassen hatte.

Daneben servicierte Credit Suisse zahlreiche Staats- und Regierungschefs, Minister, Oligarchen, Kardinäle.

In den Datensätzen tauchen unter anderem der jordanische König Abdullah II, der ehemalige irakische Vizepremier Ayad Allawi, der algerische Autokrat Abdelaziz Bouteflika und der armenische Ex-Präsident Armen Sarkissjan auf.

Sarkissjan war seit 2018 Staatspräsident Armeniens gewesen, ehe er am 23. Jänner dieses Jahres überraschend zurücktrat. Kurz davor hatte ihn eine Anfrage der „SZ“ zu seinen Konten bei Credit Suisse erreicht. Sarkissjan erklärte in einer Stellungnahme, er habe alle CS-Konten geschlossen, bevor er verpflichtet gewesen sei, sein Vermögen zu deklarieren.

Schlappe Hüte, volle Konten

Die „Suisse Secrets“ dokumentieren gleich mehrere bemerkenswerte Verbindungen ins geheimdienstliche Milieu. So etwa zum Jordanier Said Bashir Saad Kheir, der zwischen 2000 und 2005 den jordanischen Geheimdienst GID geleitet hatte und später zum Sicherheitsberater von König Abdullah II aufgestiegen war. Kheir galt lange Zeit als einer der einflussreichsten Männer Jordaniens, zugleich lasteten schwere Foltervorwürfe auf seinem Geheimdienst. 2003 hatte Kheir ein Konto bei Credit Suisse eröffnet, auf welchem in den sieben darauffolgenden Jahren rund 28 Millionen Schweizer Franken aufliefen. Kheir starb im Dezember 2009 – in Wien, wo er ein Zimmer im Hotel Imperial bezogen hatte. Eine Hausangestellte fand die Leiche des damals 56-jährigen. Offizielle Todesursache: Herz-Kreislaufversagen.

Auch die Familie des einst berüchtigten ägyptischen Geheimdienstchefs Omar Suleiman eröffnete 2003 zumindest ein Bankkonto in der Schweiz, auf dem wenig später mehr als 63 Millionen Schweizer Franken verbucht wurden. Suleiman, ein Verbündeter des US-Geheimdienstes CIA, war ab den 1990er Jahren Chef des ägyptischen Geheimdienstes Muchabarat und galt seinerseits als Mann ohne Skrupel. In den Wochen und Monaten nach dem 11. September 2001 sollen Suleiman und seine Leute Terrorverdächtige in ägyptische Verliese gesperrt und auf Wunsch der Amerikaner systematisch gefoltert haben.

Nur eine Woche bevor Mitglieder von Suleimans Familie 2003 Kunden der Credit Suisse wurden (oder einer später aufgekauften Bank; dies geht aus den Suisse-Secrets-Daten nicht eindeutig hervor), hatte die CIA in Mailand einen aus Ägypten stammenden Imam entführt und nach Ägypten verbracht, wo er von Suleimans Männern gefoltert worden sein soll.

Suleiman verstarb im Juli 2012 im Alter von 76 Jahren in den USA – während einer medizinischen Untersuchung. Das Schweizer Konto war noch bis mindestens 2016 geöffnet. Suleimans Familie wollten sich auf Anfrage nicht zur Herkunft des Geldes äußern.

Ghaleb al-Qamish stand dem jemenitische Geheimdienst mehr als drei Jahrzehnte vor, zwischen 1999 und Februar 2011 war er auch CS-Kunde. Soweit sichtbar sammelte sich auf seinem Konto ein Guthaben von annähernd fünf Millionen Schweizer Franken an. Auch Al-Qamish soll ein Freund der Folter gewesen sein. 2014 wurde er vom jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi entlasen.

Der frühere venezolanische Geheimdienstchef Carlos Luis Aguilera Borjas, genannt „Der Unsichtbare“, war ab 2011 Kunde der Credit Suisse. Ihm konnten zwei Konten zugerechnet werden, die auf ihrem Höchststand rund 13 Millionen Schweizer Franken schwer waren. Die Konten existierten noch 2015, als gegen Borjas laut spanischen Zeitungen schon wegen Geldwäsche ermittelt wurde.

Auch ein ehemaliger Offizier der ostdeutschen Stasi ist in den Daten zu finden. Anfang 2010 lagen auf einem ihm zuzurechnenden Konto mehr als 200 Millionen Franken.

Laut den Datensätzen führte Credit Suisse im Laufe der Jahrzehnte Konten für zumindest ein 15 Geheimdienstleute – vorwiegend aus dem arabischen Raum. Unter diesen auch Kalaf al-Dulaimi, der nach OCCRP-Recherchen jüngst verstorbene Finanzchef des irakischen Geheimdienstes zu Zeiten von Diktator Saddam Hussein. Oder der 2019 verstorbene ägyptische Geheimdienstler und Waffenhändler Hussein Salem. Oder der bereits 1988 verstorbene pakistanische General Akhtar Abdur Rahman.

Spitzelaffäre im eigenen Haus

Da passt es irgendwie auch ins Bild, dass die Bank erst in jüngerer Vergangenheit von einem Spitzelskandal erschüttert wurde. Zwischen 2016 und 2019 hatte die Bank mehrere Personen – Mitarbeiter und Dritte – im In- und Ausland von Detektiven beschatten lassen. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe trat der damalige CEO Tidjane Thiam im Februar 2020 zurück (wenngleich ihm keine direkte Involvierung in die „Beschattungsaffäre“ nachgewiesen werden konnte).

Überhaupt hatte die Bank zuletzt nicht viel Glück mit dem Personal. Erst im Jänner dieses Jahres hatte António Horta-Osório den Dienst als Präsident des Verwaltungsrat quittieren müssen. Er hatte gegen Covid-Quarantäneauflagen verstoßen.

2009, 2014 und 2021 hatte die Bank in den USA empfindliche Strafen gewärtigen müssen. 2009 waren es 536 Millionen US-Dollar – weil die Bank dem Mullah-Regime im Iran bei der Umgehung von US-Sanktionen behilflich gewesen war. 2014 waren es dann gleich 2,6 Milliarden US-Dollar Strafe – weil Credit Suisse US-amerikanischen Kunden beim Steuerverkürzen geholfen hatte. Und im Oktober 2021 akzeptierte die Bank eine 475 Millionen US-Dollar schwere Buße – in Zusammenhang mit der so genannten Mosambik-Affäre. Zwischen 2013 und 2016 hatte Credit Suisse zusammen mit anderen Banken Milliardenkredite nach Mosambik verliehen. Das Geld sollte unter anderem für den Aufbau einer Thunfisch-Fangflotte verwendet werden, doch hunderte Millionen US-Dollar verschwanden in dunklen Kanälen. Drei CS-Banker gestanden später eine Mitverantwortung ein.

Selbst die für ihren gemäßigten Ton bekannte Schweizer Finanzaufsicht Finma befand Ende des Vorjahres: „Die Credit Suisse hat im Zusammenhang mit Kreditgeschäften aus dem Jahr 2013 mit Staatsunternehmen aus Mosambik schwer gegen das Organisationserfordernis und die geldwäschereirechtliche Meldepflicht verstoßen.“

Der Fall Rudolf Elmer

An den Recherchen zu „Suisse Secrets“ war übrigens kein Schweizer Medium beteiligt. Das eidgenössische Bankengesetz stellt Verstöße gegen das „Bankkundengeheimnis“ unter schwere Strafe. Und das könnte auch Journalisten treffen, die geleakte Kontodaten veröffentlichen.

Über das Geld anderer Leute sprechen Schweizer Bankiers grundsätzlich nicht. Wer es doch tut, bricht gleichsam den Kodex und wird zum Paria. Wohin das führt, zeigt das Beispiel des Whistleblowers Rudolf Elmer.

Der heute 66-jährige Schweizer hatte rund zwei Jahrzehnte in den Diensten der Zürcher Privatbank Julius Bär gestanden, ehe er 2002 entlassen wurde.

Ab 1994 hatte Elmer in einer Bär-Dependance auf den Cayman Islands gearbeitet, zunächst als Buchhalter, zuletzt als stellvertretender Direktor. Vor seiner Entlassung hatte er nach eigener Darstellung die Bankführung in der Schweiz darüber informiert, dass auf den Cayman Islands problematische Geschäfte liefen. Die Bank soll dazumals vermögenden Kunden bei der „Steueroptimierung“ dienlich gewesen sein – mittels komplexer Offshore-Konstruktionen.

Elmer verlor seinen Job – und ging schließlich an die Öffentlichkeit. Er gilt auch als der Mann, der Wikileaks großmachte. 2008 veröffentlichte die Plattform erstmals Kundendaten von Julius Bär, die Rudolf Elmer zur Verfügung gestellt hatte. Doch damit hatte er nicht nur seinen früheren Arbeitgeber herausgefordert, vielmehr den gesamten eidgenössischen Geldsektor, der die Veröffentlichung von Kundendaten als eine Art Kriegserklärung gegen den Finanzplatz auffasste. Die Antwort: Repressalien. Erst versuchte man Wikileaks abzudrehen (was nicht gelang), dann wurde Elmer strafrechtlich verfolgt.

Er saß insgesamt mehr als 200 Tage in Schweizer Untersuchungshaft und musste sich wegen der Verletzung des Bank- und Geschäftsgeheimnisses (und anderer Delikte) in langwierigen Gerichtsverfahren verantworten, ehe er schließlich 2018 freigesprochen wurde.

In einem ausführlichen profil-Interview 2017 fasste Elmer seine Zeit bei Julius Bär so zusammen: „Ich war Teil des Systems. Ich war für die Geschäfte verantwortlich und habe sie auch betrieben. Ich wusste, dass ich die Schweizer Steuerbehörden wahrscheinlich täuschte.“ (Nr. 5/17).

Elmer ist heute als Autor, Vortragender und Berater im Bereich der Geldwäscheprävention tätig. Zur Rolle von Whistleblowern sagt er: „Whistleblowing ist gefährlich, es zerstört die Vertrauensbasis in unserer Wirtschaft. Anderseits lässt es sich oftmals nicht vermeiden, Missstände solcherart öffentlich zu machen.“ (Nr. 17/18).

Vieles ist besser, aber nichts ist gut

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich im Kampf gegen schmutziges Geld so einiges getan, keine Frage. Gesetze wurden nachgeschärft, die Banken zu größerer Sorgfalt im Geldverkehr verpflichtet, der internationale Informationsaustausch verbessert. Das gilt natürlich auch für die Schweiz und Österreich. Beide Länder durften sich noch bis vor einigen Jahren so einiges auf ihr jeweiliges „Bankgeheimnis“ einbilden, wobei das der Eidgenossen eine globale Trademark war, gleichauf mit Rolex, Breitling und Toblerone.

Das Schweizer „Bankkundengeheimnis“ ist nach wie vor stark, wurde aber (wie auch das österreichische) aufgeweicht: Seit 2017 nimmt die Schweiz am internationalen Informationsaustausch teil, das heißt sie teilt die Daten ihrer Kunden mit ausländischen Steuerbehörden (Österreich ist seit 2018 dabei, insgesamt beteiligen sich mittlerweile mehr als 100 Länder).

Es ist vieles besser geworden im Bereich der Geldwäscheprävention. Aber es ist längst nicht alles gut. Nicht annähernd alle Schlupflöcher wurden geschlossen, der Informationsaustausch ist lückenhaft, weil gerade Entwicklungs- und Schwellenländer kaum daran teilnehmen (und die USA mehr nach Tagesverfassung), die Offshore-Industrie blüht und gedeiht. Siehe dazu auch unsere umfangreiche Berichterstattung zu den unglaublichen „Geldwäscheverdachtsmeldungen“ des US-amerikanischen Bankensystems: Projekt „FinCen Files“, das wir 2020 veröffentlichten. 

Der Fall Siemens

Scheinrechnungen, vorgeschobene Beraterverträge, Schwarze Kassen und letztlich Bestechungszahlungen für Aufträge aus dem staatlichen und staatsnahen Bereich – das ist der Stoff, aus dem der 2006 aufgeflogene Siemens-Skandal gestrickt ist. Im Rahmen der „Suisse Secrets“ taucht ein wesentlicher Proponent diese korrupten Systems auf: Eduard S. war einst Manager von Siemens in Nigeria. Dort hat er in großem Stil Schmiergeld verteilt. 2008 wurde S. wegen der „Bestechung ausländischer Amtsträger“ in 22 Fällen verurteilt. Die Strafe fiel durchaus erträglich aus: ein Jahr Haft auf Bewährung und eine Geldbuße von 240.000 Euro.

Doch nun folgt die große Überraschung: Der Name von S. taucht in den Suisse-Secrets-Daten in Zusammenhang mit einem Konto auf, das gleich in zweierlei Hinsicht spannend ist. Erstens sollen im Frühjahr 2006 darauf Vermögenswerte von rund 54,5 Millionen Schweizer Franken gelegen haben. Und zweitens war den deutschen Siemens-Ermittlern – Recherchen der „SZ“ zufolge – das Konto bisher nicht bekannt.

S. taucht übrigens auch in den eingangs erwähnten „Pandora Papers“ auf, einer riesigen Sammlung geleakter Daten, die dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) zugespielt wurden. profil ist auch an diesem Projekt beteiligt. In den „Pandora Papers“ scheint S. samt Frau und Tochter als Eigentümer einer 2008 erworbenen Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands auf. Diese Firma erwarb 2009 einige Immobilien in Dubai – eine davon auf der Luxus-Insel „The Palm“.

Der ehemalige Siemens-Manager bestritt auf „SZ“-Anfrage entschieden, von „Siemens Geld gestohlen“ beziehungsweise „aufgrund korrupter oder krimineller Verhaltensweisen in Nigeria“ erhalten zu haben. Schon 2007 erklärte er in seiner ersten Einvernahme beim Bundeskriminalamt in München, sich niemals selbst bereichert zu haben – „in keinem Fall“ und zwar „weder direkt noch indirekt“.

Schwarze Kassen haben es an sich, dass auch jene hineingreifen können, die sie anlegen. Schließlich ist das Geld vorher absichtlich jeglicher Kontrolle entzogen worden. Ein Teil kann zum Beispiel für Schmiergelder aufgewendet werden, ein anderer Teil jedoch auch für Kickbacks in die eigene Tasche.

In Österreich wurde im August 2018 ein ehemaliger Siemens-Manager vom Wiener Straflandesgericht zu zwei Jahren teilbedingter Haft verurteilt. Wie eine Gerichtssprecherin auf profil-Anfrage bestätigte, wurde das Strafmaß im Mai 2020 vom Oberlandesgericht Wien letztlich auf 18 Monate – davon sechs Monate unbedingt – reduziert. Dem nunmehr rechtskräftigen Urteil zufolge veruntreute der Mann rund eine Million Euro von Siemens. Das Geld wurde über einen Scheinvertrag ausgeschleust und landete nach einigen Umwegen auf einem Konto, das dem Manager selbst zuzurechnen waren.

Die systematische Speisung klassischer schwarzer Kassen konnte dem österreichischen Siemens-Manager demnach nicht nachgewiesen werden. (Zu diesbezüglichen Vorwürfen, die sich ursprünglich insgesamt auf 17 Millionen Euro summiert hatten, gab es Freisprüche.) Die eine Transaktion, die zur Verurteilung führte, lief aber ausgerechnet über ein Firmenvehikel, das gemäß Anklage auch in Zusammenhang mit Siemens Deutschland für die Abwicklung von Geldströmen gedient haben soll.

Diese Zahlungen gingen in früheren Zeiten jedoch nicht direkt an diese Firma, sondern es wurde ein Anwalt als Treuhänder zwischengeschaltet. Der Verdachtslage nach sollte dafür gezielt ein Anwalt aus Österreich eingespannt werden. Der Grund: Damals galt hierzulande noch ein strenges Bankgeheimnis. Einmal mehr zeigt sich: Je geheimer der Bankplatz, umso zwielichtiger sind mitunter die Kunden und ihre Anliegen.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Auf dem österreichischen Markt war Credit Suisse einige Jahre mit einer Zweigniederlassung vertreten, im Vorjahr gab die Bank allerdings deren Schließung bekannt.

In Schweden betreibt Credit Suisse weiterhin eine Repräsentanz. Dort versuchten Kollegen der öffentlich-rechtlichen Fernsehgesellschaft SVT im Zuge der Recherchen einen Manager vor die Kamera zu bekommen. Auf Anfrage wollte Credit Suisse allerdings auch dort keinen weiterführenden Kommentar zu Kundenbeziehungen abgeben. Als SVT (nach vorangegangener Ankündigung) dennoch die CS-Filiale Stockholm aufsuchte, standen die Journalisten vor verschlossenen Türen; niemand schien da zu sein, das Festnetztelefon wurde nicht abgehoben, E-Mails blieben unbeantwortet.

So kann man ein Problem natürlich auch behandeln.

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