ams OSRAM: Hunderte Millionen, ein wütender Whistleblower und Sorgen um Premstätten
Eigentlich hätte der österreichisch-deutsche Chip- und Sensorhersteller ams OSRAM Potenzial, zumindest eine Nebenrolle in der neuen Industriestrategie der Bundesregierung zu spielen. Gute 2,6 Milliarden Euro sollen bis 2029 in Schlüsselbereiche wie künstliche Intelligenz, Quanten-, Energie- und Umwelttechnologien fließen. Und die ams OSRAM AG mit ihrer hochmodernen Halbleiterfertigung im steirischen Premstätten passt durchaus ins volkswirtschaftliche Portfolio.
Allein: Der Konzern ist hoch verschuldet. Im Hintergrund laufen Spekulationen über einen möglichen Teilverkauf an den deutschen Chip-Konzern Infineon. Das Management sieht sich mit Vorwürfen rund um die Teilauflösung einer Pensionsrückstellung konfrontiert – samt Anzeige bei der Finanzmarktaufsicht und der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA), die profil vorliegen. Und der Wirtschaftsminister macht sich Sorgen um den Standort. Aber der Reihe nach.
Im Jahr 2020 übernahm das heimische Halbleiterunternehmen ams AG den deutlich größeren deutschen Lichtkonzern OSRAM, der auf komplexe Lichtsysteme und Sensoren spezialisiert war. Seit der Fusion firmiert ams OSRAM in München und im steirischen Premstätten. Der Schuldenberg des Unternehmens betrug zuletzt rund zwei Milliarden Euro. Deshalb kündigte das Management am 30. April 2025 an, Unternehmensteile zu verkaufen, um die Schulden zu reduzieren. Mehr als 500 Millionen Euro sollten so lukriert werden.
Verkäufe geplant
Ende Juli 2025 kaufte der japanische Konzern Ushio die Speziallampensparte um 100 Millionen Euro. Nun steht der Verkauf des Werks in Premstätten an den deutschen Chipriesen Infineon zur Debatte. Infineon betreibt selbst eine Niederlassung in Villach und beschäftigt rund 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein in Österreich. Die medial kolportierten Verkaufsgespräche mit Infineon werden von beiden Seiten nicht kommentiert.
Doch Medienberichte und das hartnäckige Gerücht, der Standort Premstätten mit 1300 Beschäftigten könnte geschlossen werden, riefen am Wochenende nicht nur die Gewerkschaft, sondern auch den Wirtschaftsminister auf den Plan. Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) verwies auf die bestehende Standortgarantie, die im Rahmen der Übernahme vor fünf Jahren abgegeben wurde. „Es gibt im gegenständlichen Fall eine Standortgarantie bis 2037, und wenn diese nicht erfüllt wird, wenn das Werk abwandert oder geschlossen wird, wird jeder Fördereuro zurückgefordert“, sagte er im Ö1-Mittagsjournal. Und Förderungen zur Sicherung der Halbleiterindustrie sind reichlich geflossen.
Was ams OSRAM nun aber zu einem Fall für die Finanzmarktaufsicht machen könnte, sind nicht die geplanten Teilverkäufe, sondern die Teilauflösung einer Rückstellung für deutsche Betriebspensionen aus der Zeit vor der Übernahme, über die zuerst das Handelsblatt berichtete. Kurz gesagt: Das Unternehmen hat einen Teil seiner Pensionsrückstellungen aufgelöst. Wie profil aus involvierten Kreisen erfuhr, sollen so rund 400 Millionen Euro an Liquidität ins Unternehmen geflossen sein. Auf Nachfrage bestätigte ams OSRAM die Teilauflösung. 100 Millionen Euro habe man im Unternehmen belassen – für etwaige weitere Forderungen rund um Mitarbeiteransprüche und zur rechtlichen Absicherung. Mit dieser Lösung seien die Mitarbeiterpensionen jedenfalls auch besser gegen die Inflation abgesichert, heißt es. Einfach erklärt: Durch die Auflösung dieser Rückstellungen bekommt das Unternehmen kurzfristig Cash und kann das Geld für andere Dinge ausgeben. Langfristig bleiben aber Pensionsforderungen der Mitarbeiter bestehen. Wobei Pensionsforderungen von ams OSRAM in Deutschland grundsätzlich durch den Pensions-Sicherungs-Verein abgedeckt sind.
Wütende Whistleblower
Warum sich nun die heimische FMA damit beschäftigen muss? Laut einer anonymen Whistleblower-Meldung bei der Aufsichtsbehörde, die profil vorliegt, wäre diese Teilauflösung vom 23. Dezember mitteilungspflichtig gewesen – oder ad-hoc-pflichtig, wie es im Finanzsprech heißt. „Da dem Markt und somit den Verkäufern der Anleihen der Zufluss von 400 Millionen Euro verschwiegen wurde, könnte großer Schaden entstanden sein“, heißt es in der Whistleblower-Meldung.
Dies wird in Zusammenhang mit einem erst kürzlich erfolgten Anleihenrückkauf gebracht. Erst am Montag soll das Unternehmen Anleihen aus einer 2020 begebenen Emission, die 2027 fällig wird, im Volumen von rund 200 Millionen Euro zurückgekauft haben – laut Whistleblower-Meldung zu 96 Prozent des Nennwerts. Eine entsprechende Sachverhaltsdarstellung wurde auch bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) eingebracht, die solche Fälle grundsätzlich nicht kommentiert.
ams OSRAM beteuert auf Nachfrage, dass die Teilauflösung der Rückstellungen jedenfalls nicht ad-hoc-pflichtig gewesen sei. „Unsere Gremien haben eine grundsätzliche Veröffentlichungspflicht geprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser Schritt nicht ad-hoc-pflichtig war. Dass es auf die Nachricht keine signifikante Kursreaktion gab, bestätigte die Annahme, dass es sich für die Investoren nicht um einen kursrelevanten Vorgang handelte“, schreibt ein Sprecher. Auch der Kurs der Anleihe werde nach Ansicht von ams OSRAM durch andere Faktoren wie etwa das Zinsumfeld beeinflusst.
Aus der FMA heißt es gegenüber profil lediglich: „Hinweisen auf Verstöße gegen die Ad-hoc-Publizitätspflicht geht die FMA jederzeit nach. Ob solche Hinweise in einem konkreten Einzelfall vorliegen, geben wir nicht bekannt. Dies erfolgt aus Gründen der Unschuldsvermutung und zum Schutz möglicher Ermittlungen.“
Die für den Standort deutlich wichtigere Frage – nämlich wie es mit der Fertigung in Premstätten weitergeht – dürfte jedenfalls bald beantwortet werden. Und hier gibt sich der Konzern vorerst wenig auskunftsfreudig: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns dazu derzeit nicht äußern können. Bei allem, was wir tun, ist uns die langfristige Sicherung des Standorts Premstätten wichtig.“