Bodensatz: Lokalaugenschein in der illegalen Wiener Glücksspielszene

Beton und Hohn. Mitten im Wiener Prater wird ein illegales Glücksspiellokal betrieben. Die Finanzpolizei stößt bei ihrer Razzia auf einbetonierte Automaten.
Beton und Hohn. Mitten im Wiener Prater wird ein illegales Glücksspiellokal betrieben. Die Finanzpolizei stößt bei ihrer Razzia auf einbetonierte Automaten.

Beton und Hohn. Mitten im Wiener Prater wird ein illegales Glücksspiellokal betrieben. Die Finanzpolizei stößt bei ihrer Razzia auf einbetonierte Automaten.

Illegales Glücksspiel ist ein lukratives Geschäft. Ein Lokalaugenschein in einem der Etablissements zeigt: Die Finessen der Betreiber reichen von einbetonierten Automaten bis hin zu undurchsichtigen Firmenkonstruktionen.

Einladend ist das Lokal nicht gerade: von außen verspiegelt, bietet es keinen Hinweis darauf, was sich im Inneren verbirgt. Und doch: Die Eingangstür lässt sich öffnen. Zwölf Glücksspielautomaten stehen da in einem kleinen, düsteren Raum, der mit rotem Teppichboden ausgelegt ist. Auf gepolsterten Barhockern sitzen drei einsame Gestalten, mit leerem Blick starren sie in die Geräte. Wie Lemminge drücken sie immer wieder auf die Start-Taste. Fenster oder Uhren gibt es keine, kleine Deckenlampen werfen ein schummriges Licht. Hier, mitten im Wiener Prater, gleich neben dem Autodrom, wird Anfang Dezember des abgelaufenen Jahres ein illegales Glücksspiellokal betrieben.

Der Automat verschlingt zehn Euro, er beginnt zu blinken und zu tönen. Früchte und Dollarzeichen walzen den Bildschirm nach unten und bleiben wie willkürlich stehen. Nichts gewonnen, neues Spiel. Die hell leuchtenden, bunten Symbole wirken hypnotisierend, die dunkle Umgebung verstärkt den Effekt. Start-Button, wieder nichts. Es dauert keine fünf Minuten, schon ist das Geld verspielt. Was für eine Abzocke! Im hinteren Bereich des Raumes steht ein verwahrloster Kaffeeautomat, gleich daneben sitzt ein junger Mann hinter einem Schalter. Er zahlt allfällige Gewinne aus, viel hat er nicht zu tun. Das Glück scheint auch den anderen Spielern nicht eben gewogen zu sein.


Der Humor vergeht den Beamten, als sie feststellen, dass die Automaten einbetoniert sind.

Offiziell sind Glücksspielautomaten streng reglementiert. In Wien, Salzburg, Tirol und Vorarlberg dürfen sie überhaupt nur in vom Bund genehmigten Casinos betrieben werden, in den übrigen Bundesländern gibt es für maximal drei Betreiberfirmen Konzessionen. Doch das Geschäft ist derart lukrativ, dass alleine in der Bundeshauptstadt noch immer etwa 600 illegale Automaten stehen. In ganz Österreich sollen es mehr als 3000 sein, wie das Beratungsunternehmen Kreutzer, Fischer und Partner erhob. Dagegen helfen selbst die hohen Strafdrohungen nichts. Denn die Betreiber der illegalen Geräte haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, mit immer neuen Finten narren sie die Behörden.

Im Prater hat es sich inzwischen ausgespielt. Eine Woche nach dem Lokalaugenschein greift die Finanzpolizei Mitte Dezember auf das Lokal zu. Ohne Hektik betreten die Beamten den Raum. "Na, wie läuft’s, haben Sie Glück?“, fragt ein Ermittler einen Spieler, der sich von der Razzia nicht stören lässt und einfach weiterspielt. Der Humor vergeht den Beamten, als sie feststellen, dass die Automaten einbetoniert sind. "Das ist eine Frechheit, das ist der Versuch, den Rechtsstaat auszuhebeln“, grummelt ein Ermittler. Eisenbohrer und Brechstange kommen zum Einsatz, doch die Automaten sind gut verankert und bleiben, wo sie sind. Der geplante Abtransport wird abgesagt. Die illegalen Betreiber mischen aber nicht nur Beton, sie beherrschen auch die feine Klinge: In einem der Automaten ist wie zum Hohn ein "Mensch ärgere dich nicht“-Spielbrett versteckt.

Glücksspiel-Razzia im Wiener Prater

Die illegalen Betreiber haben in den letzten Jahren verschiedenste Tricks ausgeheckt, um den Behörden die Arbeit zu erschweren. Da gibt es Automaten, die Pfefferspray versprühen, wenn sie aufgebrochen werden, Lokale, die nur mit Zahlencodes zu betreten sind, Fernbedienungen, mit denen die Spielgeräte über Funk stromlos geschalten werden können, und Hinterzimmer in Lokalen, die hinter Kästen versteckt sind. In Niederösterreich wird ein Automatensalon gar in einem blauen Baucontainer entdeckt, der auf einem Tankstellengelände steht.

Beim Aufspüren der illegalen Einrichtungen greift den Ermittlern ausgerechnet ein Glücksspielunternehmen unter die Arme: Der Novomatic-Lobbyist Gert Schmidt beschäftigt zahlreiche Privatdetektive, die gezielt nach illegalen Spielgeräten suchen und seitenweise Fotodokumentationen liefern, die in der Folge an die Finanzpolizei weitergereicht werden. Denn weniger illegale Konkurrenz bringt den konzessionierten Spielhallen der Novomatic und anderer Betreiber mehr Ertrag.


Wir haben es mit Leuten zu tun, die sich wirklich an gar nichts halten.

Seit 2010 dezimiert sich die Zahl der gesetzwidrigen Automaten um zwei Drittel, insgesamt führt die Finanzpolizei im Jahr 2015 zwar knapp 1000 Kontrollen durch, bei denen mehr als 2000 Geräte konfisziert werden, doch der Medusa wachsen stetig neue Köpfe nach. Bereits Anfang September beschlagnahmt die Finanzpolizei im Lokal im Prater ein Dutzend illegaler Spielgeräte. Kurze Zeit später stehen neue Automaten parat, diesmal mit Betonfundament. Kein Einzelfall, sondern tägliche Polizeipraxis, wie Wilfried Lehner, Chef der Finanzpolizei, erzählt: "Es gibt Lokale, wo wir bis zu sieben Mal hintereinander beschlagnahmt haben.“

In Wien lässt die Landespolizeidirektion als zuständige Behörde die Geräte üblicherweise nach erfolgter Kontrolle abtransportieren. In anderen Bundesländern heißt Beschlagnahmung meist nur, dass die Automaten mit einem Siegel versehen werden, das nicht selten kurz darauf von den Betreibern aufgebrochen wird. "Wir haben es mit Leuten zu tun, die sich wirklich an gar nichts halten. Denen kann man nur mit rigorosen Methoden ankommen“, sagt Lehner, der sich auch außerhalb der Bundeshauptstadt eine härtere Vollzugspraxis der Bezirkshauptmannschaften wünscht. Das heißt: Geräte einziehen und, im Wiederholungsfall, den Betrieb schließen.


Das große Geld streift letztlich der ein, der am Anfang der Nahrungskette steht.

Neuerdings verstecken sich die illegalen Betreiber hinter ausländischen Firmenkonstruktionen und entziehen sich damit der österreichischen Finanz. Im Fall des Praterlokals führt die Spur des aufwendigen Geflechts allerdings zu einem österreichischen Unternehmen: Die Parzelle steht im Eigentum der Prater Wien GmbH, einem Unternehmen der Stadt Wien, und wird verpachtet. Der Pächter vermietet die Lokalität an einen Untermieter, der wiederum die Standplätze für die Automaten weitervermietet - an ein Unternehmen mit Sitz in Wels. Das große Geld streift letztlich der ein, der am Anfang der Nahrungskette steht, die Geräte und deren Software produziert, dafür eine fixe Monatsmiete kassiert und kaum ein Risiko trägt, sind doch Produktion und Weiterreichung nicht verboten.

Etwa 2500 Euro bringt jeder Automat pro Monat ein, schätzt Kreutzer, Fischer und Partner. Die Finanzpolizei geht sogar von mindestens 4000 Euro aus, bis hin zu fünfstelligen Beträgen. Die Maschinen selbst kosten rund 7000 Euro, sind aber meist gebraucht und nur mehr einen Bruchteil davon wert. Die Rechnung für die Betreiber der einarmigen Banditen ist demnach denkbar einfach: Ihr einziger Spieleinsatz sind die Automaten selbst, die im worst case eingezogen und verschrottet werden. Nach Berechnungen von Andreas Kreutzer von der gleichnamigen Consultingagentur amortisiert sich ein Gerät nach etwa zwei Monaten. Die Finanzpolizei muss also mit ihren Razzien schnell sein, will sie verhindern, dass die Hintermänner hohe Gewinne lukrieren, die sie in ähnlich geartete Investments pumpen können.


Die Automatenaufsteller verpflichten sich, allfällige Gerichtskosten für den Inhaber des Gastronomiebetriebes zu decken.

Das Lokal im Prater wurde nun dichtgemacht. Der Gastronom, der die Standplätze für die Automaten vermietete, muss sich aber wenig Sorgen machen. In der Welt des illegalen Glücksspiels ist es üblich, dass abseits der Mietverträge über die Standplätze Nebenvereinbarungen getroffen werden.

Die Automatenaufsteller verpflichten sich darin, allfällige Gerichtskosten für den Inhaber des Gastronomiebetriebes zu decken, wie ein profil vorliegendes Schriftstück belegt: "Wenn es zu Strafen kommen sollte, werden diese von uns übernommen.“

Je nach Rechenart setzen die 3000 illegalen Automaten zwischen 7,5 und zwölf Millionen Euro pro Monat um. Den lukrativen Markt in Österreich teilt sich laut Einschätzungen von Branchenkennern ein kleiner Zirkel von etwa 20 bis 30 Personen auf. "Ein gewisser Bodensatz“ an illegalen Automaten werde sich deshalb wohl immer halten, glaubt Lehner von der Finanzpolizei.