Die ziemlich schräge Männerfreundschaft zwischen Strache und Stieglietz: „Geiles Teil!!!“

Spenden an einen FPÖ-nahen Verein, ein Aufsichtsratsjob bei der staatlichen Asfinag – und eine Korruptionsanklage. Warum Strache und der Unternehmer Stieglitz demnächst vor Gericht stehen.

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Diese Geschichte beginnt mit einer profil-Enthüllung – und einer glatten Unwahrheit. Am späten Nachmittag des 23. August 2019 hatten wir eine Recherche online gestellt, deren Titel eigentlich alles erzählte: „Asfinag-Aufsichtsrat Stieglitz spendete an FPÖ-nahen Verein“. 

Drei Monate zuvor hatten „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel“ Ausschnitte aus dem „Ibiza“-Video öffentlich gemacht, die Heinz-Christian Strache auch beim Parteispendenversteckspiel zeigen. Strache spricht in dem Video  jedenfalls von einem FPÖ-nahen Verein, über welchen sich Parteispenden zwanglos am Rechnungshof vorbei organisieren ließen. Tatsächlich bestanden damals im Umfeld der Blauen gleich mehrere Vereine, und einer davon war „Austria in Motion“.

Markus Braun, der damalige Obmann dieses Vereins, hatte profil auf eine Anfrage hin bestätigt, dass unter den Vereinsspendern auch ein gewisser Siegfried Stieglitz zu finden sei. Der oberösterreichische Unternehmer, ein Freund und Bewunderer von Heinz-Christian Strache, war im März 2018 gleichsam out of the blue Mitglied des Aufsichtsrats der staatlichen Straßengesellschaft Asfinag geworden. Die Asfinag ressortiert zum Infrastrukturministerium, und dort hatte 2018 mit Ressortchef Norbert Hofer die FPÖ das Sagen.

Die profil-Recherchen hatten ergeben, dass Stieglitz in auffallender zeitlicher Nähe zu seiner Asfinag-Bestellung 20.000 Euro an den FPÖ-nahen Verein Austria in Motion gespendet hatte, verteilt auf neun Überweisungen zwischen Oktober 2017 und August 2018. Die eine Hälfte der Spenden war einige Monate vor seinem Einzug in den Aufsichtsrat eingegangen, die andere danach. 

Das roch nach einem Gegengeschäft: Spende gegen Posten – und damit konfrontierten wir 2019 auch Stieglitz. Dieser reagierte recht eigenwillig. Er bestätigte zwar einerseits eine Zahlung an Austria in Motion, bestritt aber zugleich energisch, dass es 20.000 Euro gewesen seien. Eine Summe nannte er selbst nicht: „Im Vergleich zu Herrn Haselsteiner oder Frau Horten war das eine Mickey-Maus-Spende. Ich habe vermutet, dass sich der Verein im FPÖ-Umfeld bewegt, aber das war für mich irrelevant. Direkt an die Partei habe und hätte ich nicht gespendet“, sagte Stieglitz damals.

Tatsache ist: Siegfried Stieglitz hat 2017/2018 insgesamt 20.000 Euro an Austria in Motion gespendet, was profil 2019 auch berichtete – ungeachtet seines deutlichen Dementis. 

Aber warum hat er damals die Unwahrheit gesagt?

Die Antwort darauf findet sich in einem Protokoll der Wirtschafts-und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA),die Stieglitz im Juli des Vorjahres als Beschuldigten einvernommen hatte.

Stieglitz sagte da unter anderem aus, profil (wie anschließend auch der ORF) hätten ihn damals "sekkiert": "Ich fühlte mich nicht verpflichtet, weder dem ORF oder dem profil wahrheitsgemäß Angaben zu machen. Ich habe auch die Höhe der mir vorgehaltenen EUR 20.000 gegenüber den Medien in Abrede gestellt, wiewohl ich wusste, dass es in Summe EUR 20.000 waren, die ich gespendet habe." Er fühle sich generell nicht verpflichtet gegenüber "Medien eidmäßig etwas auszusagen. Ich bin gar nicht verpflichtet, denen Auskunft zu geben."

Wie gesagt, der Mann mit dem situationselastischen Wahrheitsverständnis war damals Mitglied des Asfinag-Aufsichtsrats, einer nicht gänzlich unbedeutenden staatlichen Beteiligungsgesellschaft. Mittlerweile ist er es nicht mehr, die grüne Infrastrukturministerin Leonore Gewessler hat ihn bereits 2020 wieder abberufen.

Siegfried Stieglitz, Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Steyr, wird sich demnächst vor dem Wiener Landesgericht für Strafsachen verantworten müssen-Vorwurf der Bestechung. Mit ihm Heinz-Christian Strache, vormals FPÖ-Parteichef und-Vizekanzler-Vorwurf der Bestechlichkeit. Die Drohkulisse: sechs Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung (ursprünglich war auch gegen Norbert Hofer ermittelt worden, dieses Verfahren wurde jedoch eingestellt).

Im Kern wird dieser Strafprozess das von profil bereits im August 2019 vermutete Gegengeschäft behandeln: Stieglitz soll sich sein Asfinag-Aufsichtsratsmandat mit Spenden an den FPÖ-nahen Verein erkauft haben. Strafbar dürften wenn, dann aber "nur"

jene 10.000 Euro sein, die Siegfried Stieglitz 2018 spendete-als Strache bereits Vizekanzler und damit ein Amtsträger war. Daneben geht es auch um eine Einladung Stieglitz' zu einer Reise nach Dubai, wo der umtriebige Entrepreneur 2019 seinen 50er feierte. Er hatte nach eigener Darstellung 28 Freunde("inner circle")eingeladen, Strache war einer davon.

Strache soll zunächst zu-,dann aber wieder abgesagt haben (nach Dubai eingeladen waren laut Stieglitz übrigens auch der damalige Minister Norbert Hofer sowie die beiden heute noch amtierenden Vorstandsdirektoren der Asfinag, Hartwig Hufnagl und Josef Fiala, die ihrerseits ausgeschlagen hatten).

Der Politiker Heinz-Christian Strache und der Unternehmer Siegfried Stieglitz-das ist auch die Geschichte einer ziemlich schrägen Männerfreundschaft, die vor gut einem Jahrzehnt geschlossen wurde.

"Magst mitfliegen?"

Strache und Stieglitz hatten einander im März 2011 bei einer Geburtstagsfeier kennengelernt-standesgemäß in der Privatvilla eines Geschäftspartners von Stieglitz. Ab da habe sich die Freundschaft entwickelt, wird der Geschäftsmann zehn Jahre später in einer Einvernahme sagen. Der Immobilienspezialist hatte damals Probleme, eine prestigeträchtige Position als Honorarkonsul von Mazedonien in Österreich formell anzutreten. Strache habe ihm einen potenziell hilfreichen Kontakt in Richtung ÖVP vermittelt, die Chemie zwischen den beiden passte.

Aber wer ist eigentlich dieser Siegfried "Sigi" Stieglitz?

Der Oberösterreicher werkt seit Mitte der 1990er-Jahre im Immobilienbereich. Er entwickelt Gewerbeimmobilien und macht damit-allem Anschein nach-eine Menge Geld, das er gerne ausgibt. Ein langjähriger Freund sagte als Zeuge aus, Stieglitz verbringe die Wintermonate gerne in Dubai. "Im Sommer ist er mehr in Frankreich oder in Italien."

2018 kaufte Stieglitz ein Anwesen an der Côte d'Azur. "Hab Haus tolles in Südfrankreich! (Neben St Tropez) samt Auto dort und 2 Häuser in Italien", schrieb er seinem Freund HC unmittelbar nach dessen Abgang aus der Politik im Mai 2019: "Anwesen (ist ein halber Berg) hat 140.000m2 und tolles Steinhaus! Optimal zum Untertauchen wenn ich meine Ruhe haben will!!!"

Kommt Stieglitz nach Wien, pflegt er im Hotel Intercontinental abzusteigen. Als Ermittler 2020 dort eine Hausdurchsuchung vollzogen, hatte er in der Nobelherberge zwei Zimmer gebucht und drei Autos abgestellt: einen schwarzen Bentley Continental, einen silbernen Maserati Quattroporte und einen schwarzen Ferrari.

Ein bisschen etwas von diesem Savoir-vivre wollte Stieglitz offenbar auch seinem Freund Strache gerne gönnen. Im Sommer 2012 urlaubte man gemeinsam in Südfrankreich. In den folgenden Jahren lud Stieglitz Strache wiederholt ein: "Hab im Juni/Juli/August und September jeweils-eine Woche ein sehr schönes traditionelles Landhaus-Platz für 10 Personen-mit großem Garten direkt in St. Tropez gemietet",schrieb Stieglitz etwa im Juni 2013. "Boot inkl. Skipper-steht zur Verfügung!"

2014 plante Stieglitz eine Reise zur Fußball-WM nach Brasilien. Er schrieb an Strache: "Magst mitfliegen-oder Nachkommen? Hab auch noch 2 Matchkarten frei!!Wäre echt Super wennst kommst!!"

In den meisten Fällen blieb es bei Einladungen. Stieglitz zufolge gab es nach 2012 keinen weiteren gemeinsamen Urlaub mehr. Ungeachtet dessen hielt man regen Kontakt, es menschelte sehr.

Im Wahlkampf 2013 zum Beispiel gratulierte Stieglitz seinem Freund Heinz-Christian zu dessen Physis (im Nachgang zu einem Bericht der Zeitung "Österreich", der Strache und Frank Stronach mit nacktem Oberkörper gezeigt hatte): "HC hat den klar besseren Body!"

Als Strache einmal kränkelte, versorgte Stieglitz ihn nicht nur mit Genesungswünschen, sondern auch mit medizinischer Selbsterfahrung ("Neocitran", "Dexalgin", "Parkemed", "viele Liter Johannisbeersaft mit Wasser und echtem Zitronensaft").

Dann kam das Jahr 2017 mit einer Nationalratswahl, bei der für die FPÖ und deren Chef alles möglich schien und schließlich auch einiges möglich wurde.

"Machen wir einen Gang Bang Bus draus"

Die FPÖ schlug tatsächlich einen erfolgreichen Wahlkampf, und das hatte zumindest ein bisschen mit Siegfried Stieglitz zu tun. Neben vielen schönen Dingen auf Rädern besaß er damals auch ein richtig großes: einen vollwertigen Iveco-Reisebus (außen schwarz, innen weißes Lounge-Gestühl, Küchenzeile, Nasszelle, Toilette und viel blaues Licht).Und diesen stellte Stieglitz Strache für den Wahlkampf 2017 zur Verfügung.

Anfang Juni 2017 lud Strache Fotos des Reisebusses in eine gemeinsame Chatgruppe mit Johann Gudenus, Harald Vilimsky und Herbert Kickl. Dazu schrieb Strache: "Das kann unser NR-Wahlbus werden. Sigi Stieglitz stellt ihn kostenlos zur Verfügung Außenbeklebung natürlich durch uns möglich!"

Vilimsky reagierte damals als Einziger, der Chat ist längst ikonisch. Vilimsky: "Geiles Teil!!!" Strache: "HC-Team-Bus:-)"

Vilimsky: "Nach dem 15. Oktober machen wir dann einen Gang Bang Bus draus" Strache: "Du böser!"

Es deutet einiges darauf hin, dass Stieglitz den Bus tatsächlich kostenlos zur Verfügung stellen wollte. Das zumindest gab FPÖ-Bundesgeschäftsführer Hans Weixelbaum später bei einer Zeugeneinvernahme an. Stieglitz habe den Bus "im Grunde gratis" zur Verfügung stellen wollen, was Weixelbaum aber abgelehnt habe: "Ich sagte, das geht nicht bzw. klärte ihn auf, dass dann eine derartige Zuwendung an den Rechnungshof zu melden wäre."

Man habe schließlich mündlich vereinbart, dass Stieglitz der Partei nach der Wahl eine Rechnung für die Vermietung des Wahlkampf-Busses schicken werde. Doch Stieglitz schickte wochenlang keine. "Ich habe einige Male bei Herrn Stieglitz urgiert. Er hat wieder gemeint, er möchte spenden", gab Weixel baum zu Protokoll. "Daraufhin habe ich ihm gesagt, wenn er dies möchte, dann wird sein Name und der Betrag der Spende dem Rechnungshof gemeldet. Wir haben uns dann unterhalten, wie das mit den Stückelungen ist, damit ich gesetzeskonform nicht zu einer Meldung an den Rechnungshof verpflichtet bin. Darüber hinaus habe ich ihm gesagt, dass es auch die Möglichkeit gibt, über einen Verein zu spenden. Wenn ich gefragt werde, was für einen Verein ich gemeint habe, gebe ich an, eben diesen Verein, Austria in Motion'."

Stieglitz hingegen sagte aus, er habe niemals vorgehabt, den Bus kostenlos zur Verfügung zu stellen.

So oder so: Im April 2018, fast sechs Monate nach der Wahl, schickte eine von Stieglitz' Firmen schließlich eine Rechnung an die FPÖ, die diese auch beglich: 10.000 Euro für zehn Wochen Busmiete, dazu 2041,80 Euro Mautkosten und Umsatzsteuer, 14.450,16 Euro insgesamt.

Stieglitz saß da bereits im Asfinag-Aufsichtsrat und hatte Austria in Motion die ersten 10.000 Euro überwiesen.

"Einer seiner besten Freunde"

Aber wie wird man nun Aufsichtsrat einer Staatsfirma? Jahrelang war der Kontakt von Stieglitz zur FPÖ-Spitze exklusiv an Heinz-Christian Strache geknüpft gewesen. Doch just in der-für die vorliegende Causa-entscheidenden Zeit wurde aus der Zweierfreundschaft eine Ménage-à-trois.

Am 22. November 2016 lernte Stieglitz Norbert Hofer kennen-und zwar im Parlament. Das sagte der Unternehmer und legte der WKStA unter anderem ein Foto vor, das ihn mit Strache und Hofer zeigt. Die Stimmung war schon beim ersten Kennenlernen gelöst. Laut Stieglitz saß man in Straches Büro. "Ich wurde Herrn Ing. Hofer von Herrn Strache als einer seiner besten Freunde vorgestellt",gab der Unternehmer im Vorjahr zu Protokoll. "Es kam dann zu einer längeren Unterhaltung zwischen uns dreien, wobei auch zwei Flaschen Wein und Bier konsumiert wurden."

Ein gutes Jahr später war Norbert Hofer FPÖ-Infrastrukturminister und damit Eigentümervertreter in einer Reihe von Staatsbeteiligungen, allen voran ÖBB und Asfinag.
 

"Abmachungen sollten eingehalten werden"

Spätestens an diesem Punkt dürfte die Männerfreundschaft die Reste ihrer Unverfänglichkeit verloren haben.

Im Jänner 2018-wenige Wochen nach Start der türkisblauen Regierung-schrieb Stieglitz an Strache, nunmehr Vizekanzler: "Zuletzt hat mir Norbert in einer persönlichen Besprechung zugesichert-mich in einen Aufsichtsrat zu entsenden. So wie von uns-Norbert-Dir und mir-im Sommer besprochen und geplant. Weißt Du schon näheres?"

Drei Tage später folgte eine Einladung in das Event-Restaurant "Palazzo": "Hallo Christian Meine Palazzo Einladung wartet auf Dich-Deine Frau-Norbert und seine Frau!" (den gemeinsamen "Palazzo"-Besuch dürfte es dann nicht gegeben haben).

Anfang Februar 2018 wurde Stieglitz unrund. Er schrieb Strache: "Konntest Du mit Norbert in meiner Sache schon reden? Abmachungen sollen eingehalten werden".Der damalige Vizekanzler antwortete: "Ja, werde mit ihm reden. Kontaktiere du ihn auch!"

Kurz darauf sollte es dann endlich klappen mit dem Avancement. Stieglitz wurde von Minister Norbert Hofer am 2. März 2018 im Aufsichtsrat der Asfinag installiert. Der Unternehmer bedankte sich bei Strache für die Entsendung, worauf der FPÖ-Chef antwortete: "Sehr gerne!!!Du bist auch ein exzellenter Jurist und Unternehmer!"

Detail am Rande: Stieglitz ist-mangels Studienabschluss-gar kein Jurist. Umso stolzer führt er einen "Dr. h. c."einer Privatuniversität in Skopje.

"Wie ich die Bahnhöfe entwickeln werde"

Doch die Asfinag allein war für das Ego des Strache-Freunds offenbar nicht groß genug. Ursprünglich hatte er die Hoffnung gehegt, ÖBB-Aufsichtsrat zu werden. Den Ermittlern erzählte Stieglitz freimütig, er habe schon "geträumt wie ich die Bahnhöfe entwickeln werde".Im Herbst 2018 witterte er dann offenbar die Chance, doch noch bei den Bundesbahnen zum Zug zu kommen. Doch letztlich bot man ihm keinen Sitz im Kontrollgremium der ÖBB-Holding, sondern nur in jenem der Tochterfirma Postbus. Das war Stieglitz wiederum zu wenig. Er schrieb an Strache: "Als Ersatz zur ÖBB Holding hätte ich zum Beispiel am AR der OMV schon Interesse". Strache antwortete nonchalant: "Verbund, OMV, BIG, Casino irgendwo kann es eine Möglichkeit geben!"

Was kostete die Welt, wenn man in der Bundesregierung saß?

Die Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 40/2021 - hier als E-Paper.

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Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Investigativ- und Wirtschaftsjournalist bei profil und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

ist stellvertretender Chefredakteur, Leiter des Wirtschaftsressorts und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)