Erdgaspreise: Der nächste Winter wird hart

Industrie, Stromerzeugung, Heizen: Wie sicher ist die Versorgung? Und was bedeutet der Konflikt für Österreichs Unternehmen?

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Wenn zu Hause die Heiztherme anspringt oder das Handy an der Steckdose auflädt, verwendet man kaum einen Gedanken daran. Aber die dahinterstehende Wärme und der Strom kommen zu bedeutenden Anteilen aus russischem Erdgas. In Westsibirien aus der Erde geholt, fließt es mit der ungefähren Geschwindigkeit eines Radfahrers gen Westen. Mit Erdgas werden in Österreich knapp eine Million Häuser und Wohnungen beheizt. Darüber hinaus kommen zehn bis 15 Prozent der Elektrizität hierzulande aus der Verbrennung von Erdgas. Und in Branchen wie der Papier- und Glasindustrie ist es ebenfalls von großer Bedeutung.  

85 Prozent der österreichischen Erdgas-Importe stammen aus Russland (der Rest kommt aus Deutschland und Norwegen). Diese Energieabhängigkeit ist nicht erst ein Problem, seit Russland die Ukraine überfallen hat. Aber jetzt mehr denn je.

Denn es stellt sich die Frage: Was geschieht, sollte Russland die Lieferungen stoppen? Dies ist zwar niemals zuvor 
geschehen, nicht einmal im Kalten Krieg. Allerdings ist auch die politische Situation angespannt wie noch nie seit dem Kalten Krieg.

Die EU hat soeben Sanktionen erlassen, die Russlands Finanz-, Energie- und Transportsektor hart treffen werden. Eskaliert der Konflikt weiter, ist es gut möglich, dass Russland infolge der Invasion gar vom internationalen Finanzsystem Swift abgeschnitten wird. Als Racheakt könnte es die Gasversorgung für Europa kappen. 

Dmitri Medwedew, Vize-Chef des russischen Sicherheitsrats, droht schon einmal auf Twitter: „Welcome to the brave new world where Europeans are very soon going to pay €2.000 for 1.000 cubic meters of natural gas!“ (Das entspräche einem Preis von zwei Euro je Kubikmeter, was den ohnehin schon stark gestiegenen Gaspreis noch einmal verdoppeln würde).

Am vergangenen Donnerstag, dem Tag der Invasion, schoss der Gaspreis sogleich um 40 Prozent nach oben, auf 117 Euro pro Megawattstunde. Dabei ist der Preis bereits in den vergangenen Monaten in Rekordhöhen gestiegen. Für diese Preissprünge verantwortlich waren die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise (die mit mehr Energieverbrauch einherging) ebenso wie die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine. Könnten sich die Preisanstiege fortsetzen in einer echten Versorgungskrise für Österreich und Europa?

„Die Gasversorgung läuft gemäß unseren Verträgen mit Gazprom weiter“, heißt es auf profil-Anfrage von der teilstaatlichen OMV. Das Unternehmen habe „einen Krisenstab im Einsatz, der die Situation kontinuierlich analysiert und bewertet“. Auch Österreichs Regulierungsbehörde e-Control beruhigt. „Wir rechnen weder mit einem Lieferstopp noch mit exorbitanten Preissteigerungen“, sagt Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung. Österreichs Haushalte würden keine Gasknappheit zu spüren bekommen. Millgramm rechnet damit, dass die Preise auf hohem Niveau stagnieren werden. 

Selbst wenn die Invasion weitergeht und sich ausweitet – zumindest in den kommenden Wochen und Monaten dürfte keine große Gaskrise auf Österreich zukommen. Die Heizsaison ist bald vorüber; und auch in der Stromversorgung spielt Erdgas eine desto kleinere Rolle, je wärmer es draußen wird. Dazu sind Österreichs voluminöse Gaslager derzeit zu immerhin 18 Prozent gefüllt.

Selbst wenn Russland also in Kürze das Gas vollständig abdreht – wonach es noch nicht aussieht –, Österreich käme einigermaßen durch. 

Ganz anders im nächsten Winter 2022/2023. Bereits heute lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Krise bis dahin nicht ausgestanden ist. Die Folgen der Invasion der Ukraine werden in der einen oder anderen Form andauern; harte Sanktionen werden wohl in Kraft sein. „Es kann angesichts dessen durchaus passieren, dass Russland im nächsten Winter die Lieferungen stoppt“, sagt Georg Zachmann vom Brüsseler Thinktank Bruegel. Immerhin habe Russland gerade internationale Verträge gebrochen und Panzer ins Nachbarland geschickt – wer einmal so weit gegangen ist, schreckt auch vor weiteren radikalen Schritten nicht zurück.

Laut EU-Parlament stammen 40 Prozent des in die EU importierten Erdgases aus Russland (in Österreich und Deutschland sind die Zahlen noch deutlich höher). Die Lücke infolge eines russischen Boykotts wäre also gewaltig. Sie ließe sich teilweise füllen, indem die EU stärker andere Lieferanten anzapft. Die Hoffnung ruht vor allem auf jenen, die Flüssigerdgas („Liquefied Natural Gas“, LNG) produzieren, etwa den USA und Katar.

Flüssiggas, das auf Schiffen transportiert wird, ist zwar deutlich teurer als konventionelles Erdgas aus Pipelines. Aber angesichts einer drohenden Versorgungskrise müsste Europa dies wohl in Kauf nehmen. Würde man voll auf Flüssiggas setzen und alle anderen Liefermöglichkeiten maximal ausnutzen, ließe sich Europas Gasbedarf zu 80 bis 85 Prozent decken, schätzt Bruegel-Experte Zachmann. 

Und der Rest? „Er müsste aus einer Art Notprogramm kommen.“ Stillgelegte Atom- und Kohlekraftwerke könnten wieder hochgefahren werden – wobei die Folgen von Letzterem für das Klima desaströs und mit entsprechendem Widerstand der Klimabewegung zu rechnen wäre. Zusätzlich müssten im Rahmen eines Sonderprogramms Erneuerbare Energien wie Wind- oder Solarkraft schnellstens ausgebaut werden. „Und abgesehen davon bleibt uns nur, auf einen milden Winter zu hoffen“, sagt Zachmann.

Was die Erneuerbaren Energien betrifft, offenbart die Krise auch die immensen energiepolitischen Versäumnisse in Europa im vergangenen Jahrzehnt. „Wenn es noch ein Argument gebraucht hat, die Erneuerbaren massiv auszubauen, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen – jetzt haben wir es“, sagt Karina Knaus von der Österreichischen Energieagentur (AEA) in Wien. Die Erneuerbaren garantieren nicht nur besagte Versorgungssicherheit, sie sind auch noch klimafreundlich. 

Stattdessen findet sich Europa heute in einer Situation wieder, in der es sich – möglicherweise bald abgeschnitten von russischem Gas – glücklich schätzen kann, wenn es wenigstens an genug teures Flüssiggas herankommt.

Trotz alledem hat die EU, langfristig betrachtet, im Gaskonflikt mit Russland die besseren Karten. Russland ist eine Rohstoffnation, bei der Erdgas und Erdöl zusammen fast die Hälfte der Exporte ausmachen – und der überwiegende Großteil davon geht in Richtung Europa. Das Land ist vom Export dieser Rohstoffe mindestens ebenso abhängig, wie Europa deren Import braucht. Stoppt Russland tatsächlich die Gaslieferungen, muss es mit finanziellen Einbußen rechnen, die den Staat früher oder später an den Rand des Ruins bringen werden. Wirtschaft und allgemeiner Wohlstand wären in Russland deutlich mehr in Mitleidenschaft gezogen als in der EU.

Dennoch wird eine mögliche Gasversorgungskrise auch in Europa garantiert kein Spaziergang. Vor allem nicht im nächsten Winter. 

Raiffeisen International und sein Spagat

Der Krieg in der Ukraine stellt nicht nur die Gasversorgung auf die Probe. Gerade Österreichs Unternehmen haben ab den 2000er-Jahren kräftig in der Region investiert: in Russland, in der Ukraine und auch in Belarus, das mittelbar in den Konflikt involviert ist – und nun gleichwohl internationale Sanktionen gewärtigen muss.

In Russland sind laut Wirtschaftskammer rund 650 Unternehmen aktiv (Investitionen: rund 4,6 Milliarden Euro), in der Ukraine sind es mehr als 200 Firmen (Investitionen: 1,5 Milliarden Euro) und in Weißrussland knapp 100 (Investitionen: 300 Millionen Euro). Der Krieg und die Sanktionen werden das Geschäft reihum belasten, aber dem größten Druck ist aktuell wohl die Raiffeisen Bank International ausgesetzt: Die RBI-Gruppe ist nämlich in Russland, in der Ukraine und in Belarus mit Tochterbanken vertreten – zusammen trugen diese Märkte in der Vergangenheit immerhin mehr als 40 Prozent zum Konzerngewinn bei. Siehe den Aktienkurs: Seit Mitte Februar fiel dieser um 37 Prozent auf zuletzt knapp 17 Euro (den tiefsten Stand seit Ende 2020). Rechnerisch wurden innerhalb weniger Tage 3,3 Milliarden Euro Börsenwert vernichtet.

„Europäer werden sehr bald 2000 Euro für 1000 Kubikmeter Erdgas bezahlen müssen.“

Dmitri Medwedew

Vize-Chef des russischen Sicherheitsrats

Dass das operative Bankgeschäft in einem Land, das im Rahmen eines Angriffskrieges überrollt wird, massiv leidet, bedarf keiner weiteren Erläuterung. In der Ukraine wird mit hohen Ausfällen zu rechnen sein. Schwieriger einzuschätzen sind die Folgen für das Geschäft in Russland, von dem dieser Krieg ausgeht. Sollten sich die Sanktionen des Westens breit auf die wirtschaftliche Lage im Land auswirken, wird sich dem auch die RBI kaum entziehen können. Dazu kommt allerdings noch, dass der Finanzsektor selbst stärker zum direkten Ziel von Sanktionen werden könnte, als dies bisher der Fall ist.

Banken tun üblicherweise gut daran, sich in derlei Dingen nicht mit den USA anzulegen. Wer Dollar-Transaktionen durchführen will, kommt letztlich an den Vereinigten Staaten nicht vorbei. Hier zum Paria zu werden, kann kein Geldinstitut riskieren. Raiffeisen und seine Russland-Connections sind bereits in den vergangenen Jahren in den USA mitunter auch kritisch beäugt worden. Die Bank hat diesbezügliche Vorwürfe immer zurückgewiesen.

In der Vergangenheit zeigte man sich unter dem Giebelkreuz durchaus stolz darauf, trotz Rubelkrise 1998 – im Unterschied zu anderen westlichen Banken – in Russland geblieben zu sein. Nun könnte eine noch größere Bewährungsprobe bevorstehen.

Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Investigativ- und Wirtschaftsjournalist bei profil und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

ist stellvertretender Chefredakteur, Leiter des Wirtschaftsressorts und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)