Sarah Wiener im EU-Parlament
Tauwetter

Sarah Wiener: „Ich greife die Landwirtschaftslobbyisten an, nicht die Bauern“

Die grüne EU-Abgeordnete Sarah Wiener über das geplante Pestizidverbot, Klärschlamm-Buletten und Sportautos, mit denen man sie nicht bestechen kann.

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Als TV-Köchin war sie sich der Sympathien sicher, als Politikerin wurde sie für viele zur Buhfrau. Sarah Wiener, Abgeordnete der österreichischen Grünen im EU-Parlament, macht sich als Pestizidgegnerin viele Feinde in der Bauernschaft. Die EU-Kommission will chemische Pestizide auf den Feldern bis 2030 halbieren. Wiener geht das als Verhandlungsführerin des EU-Parlaments nicht weit genug.

In der aktuellen Tauwetter-Folge erzählt sie Franziska Dzugan und Christina Hiptmayr von ihrer eigenen Biolandwirtschaft in der Uckermark und von Grabenkämpfen mit der Agrarindustrie.

In Brüssel gibt es mehr als 10.000 Lobbyistinnen und Lobbyisten. Wie oft haben Vertreter der Agrochemie-Branche in letzter Zeit bei Ihnen angeklopft?
Wiener
Sehr oft. Die Reduktion von Pestiziden ist natürlich für die gesamte Agrarbranche ein Hauptschlachtfeld.
Was sind deren Anliegen?
Wiener
Das ist unterschiedlich. Normalerweise wissen die Menschen ja, welche Meinung ich habe und dass sie mich nicht überzeugen werden, dass wir mehr Pestizide brauchen. Sie gehen in die Detailarbeit, möchten bestimmte Aspekte berücksichtigt wissen oder ausloten, ob sich manche Dinge nicht vornehm verwässern lassen. Es ist nicht so konkret, wie man sich das vielleicht vorstellt. Da kommt keiner und sagt: „Hey, ich geb dir ein schickes Sportauto, und du lässt deine Ideen fallen.“ Bei den Grünen wäre das eher keine gute Taktik.
Die EU-Kommission will den Einsatz der Pestizide bis 2030 halbieren. Eigentlich ein Meilenstein. Warum sind Sie damit nicht zufrieden?
Wiener
Die Kommission will eine 50-prozentige Reduktion, über ganz Europa verteilt. Das heißt nicht, dass jeder Bauer oder jedes Land so viel einsparen muss. Es geht um eine Reduktion zwischen 35 und 65 Prozent, je nachdem, was ein Land schon geleistet hat. Ich bin mit diesem Ziel sehr einverstanden. Es gibt aber noch ein Nebenziel. Da geht es um hochgefährliche Pestizide, sogenannte Substitutionskandidaten. Seit 2015 sollte diese Gruppe aus dem Verkehr genommen werden, weil sie entweder Krebs erregt, neurotoxisch ist oder Wasserorganismen tötet. Für diese Gruppe, die schon verboten sein sollte, habe ich das Ziel ausgegeben, sie statt um 50 um 80 Prozent zu reduzieren. Ich finde, diese Forderung ist recht und billig.
Ihre Forderung überschneidet sich mit jener der europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten“, die maßgeblich von der Umweltschutzorganisation Global 2000 mitinitiiert wurde. Ist das nun ein Ergebnis der Lobbyarbeit der Umweltschutzorganisationen bei Ihnen?
Wiener
Nein, denn diese Initiative geht ja über meine Forderung hinaus und möchte 80 Prozent aller Pestizide bis 2030 reduzieren. Ich als Biobäuerin sage, wir müssen aufpassen, dass wir alle mitnehmen. Ich glaube, es ist sehr einfach, 50 Prozent Reduktion mit den richtigen agrarökologischen Mitteln zu erreichen. Ich halte chemische Pestizide für ein Auslaufmodell, weil wir mittlerweile wissen, wie schädlich sie sind. Nicht nur für die Umwelt und für die Biodiversität, sondern auch für unsere eigene Gesundheit. Dass sie sich anreichern im Körper, im Trinkwasser, im Blut. Ich selbst habe meine Haare untersuchen lassen, und da fanden sich noch immer Spuren von DDT (einem in den 1970er-Jahren verbotenen Insektizid, Anm.). Insofern weiß ich die Zivilgesellschaft auf meiner Seite, weil wir einfach kein Gift in unserer Lebensmittelkette haben wollen.

Wollen wir in Zukunft Fleisch aus Laboren, dem 3D-Drucker oder, um es überspitzt zu formulieren, Klärschlamm-Buletten essen?

Alle Produkte, die im Supermarkt landen, sind streng kontrolliert. Trauen Sie den Behörden für Lebensmittelsicherheit nicht?
Wiener
Diese Pestizide sind dazu gemacht worden, um Leben zu vernichten. Je giftiger die Pestizide sind, desto mehr hat es natürlich auch einen Effekt auf die Umwelt. Ob das jetzt Mikroorganismen sind, die getötet werden, oder auch Nützlinge. Wie ich sehe, wird von der EU und der Behörde für Lebensmittelsicherheit vieles zugelassen, was im Nachhinein dann als gefährlich oder schädlich reklamiert und letztendlich wieder verboten wird.
Die Landwirtschaft argumentiert, weniger Pestizide würden die Ernährungssicherheit gefährden. Diese Gefahr sehen Sie nicht?
Wiener
Das Gegenteil ist der Fall. Die Wissenschaft sagt: Wir brauchen eine Pestizidreduktion, weil wir sonst keine Ernährungssicherheit mehr gewährleisten können. Wir brauchen die Biodiversität und eine Vielfalt, um in Krisen resilient zu sein. Derzeit setzen wir auf energieintensiv erzeugte Mineraldünger, Pestizide und auf monopolisierte, patentierte Samen. Und am Ende haben wir degenerierte und überdüngte Böden. Damit kommen wir in eine Mangelsituation. Es sei denn, wir wollen in Zukunft Fleisch aus Laboren, dem 3D-Drucker oder, um es überspitzt zu formulieren, Klärschlamm-Buletten essen.
Biolandwirtschaft geht meist mit weniger Ertrag einher. Nun stöhnen alle unter der Teuerung, der Ukraine-Krieg hat zu einer Lebensmittelverknappung geführt, die Klimakrise macht sich in Form von Dürren bemerkbar. Und da wollen Sie die Situation für Bauern und Konsumenten noch weiter verschärfen?
Wiener
Wir haben keine Lebensmittelkrise, wir sind eine Überflussgesellschaft. Die Polen und Ungarn haben die Einfuhr von ukrainischem Getreide verboten, weil ihre Länder damit überschwemmt werden. Dieses Getreide ist wichtig für ärmere afrikanische Länder, die jetzt am Rande von Hungersnöten stehen, weil sie auf den Import angewiesen sind. Wir haben eine ganz andere Situation. Wir stecken 60 Prozent unseres Getreides in Tiertröge und noch mal 20 Prozent in den Tank. Nur 20 Prozent landen auf unseren Tellern, 20 bis 30 Prozent all unserer Lebensmittel im Müll. Wenn jemand argumentiert, wir hätten eine Ernährungsunsicherheit, dann stimmt das nicht.

Die Landwirtschaftslobbyisten sind nicht die Bauernschaft, auch wenn sie vorgeben, diese zu vertreten.

Sie haben sich kürzlich den Zorn vieler Landwirt:innen zugezogen, indem Sie sie mit Süchtigen verglichen haben, weil sie von Pestiziden abhängig sind. Sollten Sie die Bauernschaft nicht ins Boot holen, anstatt sie sich zum Feind zu machen?
Wiener
Vielen Dank für diese Vorlage, denn das habe ich nie gesagt. Das ist ein falsches Zitat. Ich habe den Landwirtschaftsausschuss und die Lobbyisten als Süchtige bezeichnet, die an diesem System festhalten, weil sie daran verdienen. Die Landwirtschaftslobbyisten sind nicht die Bauernschaft, auch wenn sie vorgeben, diese zu vertreten. Immer, wenn man die Agroindustrie kritisiert, sagt sie: „Aha, du greifst die Bauern an?“ Nein, dich greife ich an. Du bist der Verursacher. Die Bauern sind der Kollateralschaden. Man hat ihnen gesagt, das bringt euch mehr Geld, das macht euch freier, da werdet ihr mehr Wohlstand haben. Das muss jetzt dringend korrigiert werden.
Viele Landwirte fürchten, durch die neue Verordnung in Existenznöte zu geraten.
Wiener
Für die Transformation braucht es finanzielle Hilfe. Damit die Bauern unabhängiger werden, wir eine größere Ernährungssouveränität haben und uns unabhängiger von den wenigen Playern machen, die uns den Preis diktieren.
Durch strengere Auflagen in der EU wird es wohl zu vermehrten Importen aus Drittstaaten kommen. Damit würde es für die heimischen Bauern zu einer noch stärkeren Konkurrenzsituation auf dem globalen Markt kommen.
Wiener
Das könnte sein, und das müssen wir verhindern. Mir geht es um eine komplette Transformation des Landwirtschaftssystems, die uns eine wirklich wunderbare Zukunft eröffnen kann. Mit Vielfalt, mit regionalen Spezialitäten, mit mehr Geschmack und mit einer größeren Unabhängigkeit und fairen Lebensmittelpreisen. Denn wenn man sagt, Lebensmittel dürfen nichts kosten, heißt das am Ende, die Bauernschaft soll nichts daran verdienen. Das wird sich nicht ausgehen.
Momentan schaut es nicht danach aus, als würden Sie im Europaparlament eine Mehrheit für die Pestizidreduktion hinter sich haben.
Wiener
Es teilt sich die Furt sehr stark nach links und rechts, und in der Mitte ist wenig. Die Königsmacher werden die Liberalen sein, die aber auch gespalten sind. Als Berichterstatterin bin ich dazu da, Kompromisse und eine Mehrheit zu finden. Das wird schwierig, und am Ende werden viele wütend sein. Letztens wurde mir auch gesagt, ich solle an die Arbeitsplätze in der Pestizidindustrie denken. Aber Arbeitsplätze zu bewahren, kann doch keine Argumentation sein, dass wir uns weiter vergiften.
Das weltweit am meisten verbreitete Pflanzenschutzmittel Glyphosat sollte in der EU verboten werden. Zuletzt aber wurde die Zulassung immer wieder verlängert. Aktuell warten wir auf eine neue Bewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Glauben Sie, dass das Verbot nun doch nicht kommt?
Wiener
Das soll Ende des Jahres entschieden werden. Wo die Mehrheit hingeht, das weiß man nicht. Es gibt sicher einige, die die Zulassung vielleicht boykottieren werden, andere wollen sie unbedingt haben. Ich denke, man muss sich auf die Wissenschaft verlassen. Und diese sagt, Glyphosat hat viele Risiken, die zum Teil nicht absehbar sind.
Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO sagt, dass das Krebsrisiko von Glyphosat gleichzusetzen ist mit jenem durch Verzehr von rotem Fleisch. Eine Gefahrenklasse höher rangieren Wurst, Rauchen und Alkohol. Grundsätzlich ist Glyphosat sehr gut untersucht und möglicherweise das geringere Übel. Was ist, wenn Bauern auf andere Mittel ausweichen, die weniger gut erforscht sind?
Wiener
Es geht nicht nur um das Krebsrisiko, sondern vor allem auch um den Schaden, den Glyphosat in der Biodiversität anrichtet. Das darf man nicht vergessen. Es gibt ja eine Landwirtschaft, die zeigt, dass es sehr wohl ohne Glyphosat und ohne synthetische Pestizide geht. Und das ist die ökologische Landwirtschaft.
Im Biolandbau verbrauchen die Landwirte weniger Pestizide. Aber auch dort werden Mittel eingesetzt, die nicht unbedingt umweltfreundlich sind, zum Beispiel Kupfer im Obst- und Weinbau. Gehört das auch verboten oder ist das aus Ihrer Sicht ein legitimes Pestizid?
Wiener
Kupfer gehört tatsächlich in die Gruppe hochgefährlicher Pestizide. Auch der Ökolandbau muss sich weiterentwickeln.
Sie betreiben selbst eine Biolandwirtschaft in der Uckermark. Wie halten Sie es da mit dem Pestizideinsatz?
Wiener
Ich betreibe den Hof mit Partnern und bin nur Minderheitsbeteiligte. Wir haben Angus-Rinder, eine Schlachterei, eine Fleischerei, und wir produzieren Getreide. Ich habe unseren Hofleiter gefragt, wie viele für den Biolandbau zugelassene Pestizide in den vergangenen Jahren pro Hektar versprüht worden sind. Seine Antwort war: „Null Komma null.“ Es gibt Kulturen, da braucht man keine Pestizide. Wir können übrigens gut davon leben, weil wir eine Direktvermarktung haben und weil wir keine teuren Hilfsmittel wie Mineraldünger und Pestizide brauchen.
Wird Ihr Getreide an die Rinder verfüttert?
Wiener
Nein, unsere Kühe fressen hauptsächlich Gras. Unser Getreide geht in den Lebensmittelhandel und an eine Bäckerei in Berlin.
2024 stehen die EU-Wahlen an. Werden Sie wieder antreten?
Wiener
Das ist eine Frage, die ich mit der grünen Bewegung und mit der grünen Spitze in Österreich klären muss. Ich habe in den letzten Jahren Feuer gefangen, obwohl das wirklich ein steiniger Weg war. Als Fernsehköchin bekommt man mehr Sympathien entgegengebracht, man hat nettere Themen auf der Agenda und weniger Streit.
Sie hätten also Lust, noch einmal zu kandidieren?
Wiener
Ich würde weitermachen, wenn es gewünscht wird. Eine Kampfkandidatur würde ich aber nicht machen.

Dies ist die gekürzte Printversion der aktuellen Tauwetter-Folge.

Franziska   Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort und ist Moderatorin von tauwetter, dem profil-Podcast zur Klimakrise.

Christina   Hiptmayr

Christina Hiptmayr

ist Wirtschaftsredakteurin und Moderatorin von tauwetter, dem profil-Podcast zur Klimakrise.