Ingrid Brodnig: Scheißedebatte

Ingrid Brodnig: Scheißedebatte

Der „Spiegel” beschrieb das Unbehagen in Europa angesichts der Macht amerikanischer IT-Konzerne.

Die Lage muss ernst sein, zumindest wenn man Jeff Jarvis glaubt, einem namhaften amerikanischen Journalismusprofessor, der auch als Internetexperte gilt. Er warf deutschen Medien vergangene Woche "Vorkriegspropaganda“ vor und meinte, sie würden Google und Facebook aus ökonomischem Kalkül als Sündenbock nutzen und das Volk gegen US-Internetkonzerne aufhetzen.

Jarvis befindet sich schon länger in einem rhetorischen Feldzug gegen deutschsprachige Medienhäuser, die er als fortschrittsfeindlich empfindet und ihnen "Eurotechnopanik“ unterstellt.

Gerät er in Wut, erfindet Jarvis gerne neue Worte. Vergangene Woche war er wohl so richtig verärgert. Er hatte das Titelbild des Magazins "Der Spiegel“ entdeckt, das Firmenchefs wie Mark Zuckerberg (Facebook) und Sergey Brin (Google) abbildete. Daneben stand die Zeile: "Die Weltregierung. Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert.“ Daraufhin kam Jarvis so richtig in Fahrt. In einem viel zitierten Blogeintrag unterstellte er dem "Spiegel“ sogenannte "Prewar Propaganda“. Der Text sei, meinte der Professor, der ein bisschen Deutsch kann, eine "Scheißebombe“.

Eines muss man Jarvis lassen, er ist zumindest ein leidenschaftlicher Typ, auch wenn diese Wuteruption wohl kaum gerechtfertigt war.


Eine richtige Scheißedebatte sozusagen

Die Titelgeschichte des "Spiegel“ war keineswegs so technikfeindlich, wie Jarvis anklingen ließ. Sie beschrieb vielmehr einen schwelenden Kulturkonflikt - das Unbehagen in Europa angesichts der Macht amerikanischer IT-Konzerne, die sich häufig nur einen feuchten Dreck um bestehende Gesetze kümmern. Der Transportdienst Uber zum Beispiel ignorierte schon vielerorts Gesetze oder Gerichtsentscheidungen. Der "Spiegel“ fragte nun: "Müssen wir uns diesen neuen Welteroberern entgegenwerfen? Oder ist es genauso albern, sich gegen Uber zu stellen, wie es vor 100 Jahren lächerlich war, die Pferdedroschken vor der Autoindustrie schützen zu wollen?“

Das sind berechtigte Fragen und keine Propaganda, auch wenn dies der Journalismusprofessor so darstellt. Sein Blogeintrag zeigt, wie aggressionsgeladen die ganze Debatte rund ums Netz geworden ist. Eine richtige Scheißedebatte sozusagen.

Jeff Jarvis wirft den deutschen Verlegern Propaganda vor, er selbst schleudert aber ebenfalls mit Kampfbegriffen um sich. Sein Lieblingswort, die "Eurotechnopanik“, eignet sich beispielsweise hervorragend, um jede noch so berechtigte Kritik als pure Panikmache zu verunglimpfen.

Die Lage ist ernst. Was wir nun brauchen, sind nicht noch mehr Kampfbegriffe. Im Gegenteil, es braucht vor allem rhetorische Abrüstung.