Ein Wahlkampf, den keiner wollte

Landtagswahl Salzburg - Ein Wahlkampf, den keiner wollte

Am Abend des 5. Mai wird einer der beiden Salzburger Spitzenkandidaten seinen Rücktritt erklären: ÖVP-­Herausforderer Wilfried Haslauer, ein aus der Zeit ­gefallener Politiker, dem Populismus fremd ist – oder Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, die als reuige Machthaberin zum Anfassen auftritt.

Ein Schal? Eine Kappe? Ein T-Shirt? Jeder, den die SPÖ-Wahlhelfer als Genossen ausmachen, hat sich damit zu kostümieren: „Jeder muss etwas Rotes anziehen.“ Im Congress-Saal in Saalfelden stimmt man sich ein wie auf ein Fußballmatch, die Fans sitzen nach Sektoren getrennt. Ein zerbrechlich wirkender Mann, unbemerkt vom Getriebe und ohne seine Wahlhelfer mit gelben Jacken, steht plötzlich mitten im Raum. „Nein, wir haben nicht mobilisiert. Das ist doch reines Schaulaufen“, sagt Wilfried Haslauer.

Die „Salzburger Nachrichten“ haben zur Diskussion der Spitzenkandidaten geladen und die eröffnen gleich mit Fouls. Gabi Burgstaller preist die neue Therme in Kaprun als Rezept gegen Arbeitslosigkeit. Herausforderer Haslauer kontert spitz: „Interessant, dass Sie jetzt die Therme loben. Während Planung und Ausführung waren Sie dort nie zu sehen.“ Burgstaller blickt nicht einmal seitwärts: „Der Stil, den Haslauer entwickelt, ist unerträglich.“ Der lächelt mokant.

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Die Stadt Salzburg sei von zwei Menschenkategorien bevölkert, von Geschäftemachern und ihren Opfern, meinte einst Thomas Bernhard. Im mondänen Restaurant am Mönchsberg treffen sich außerhalb der Hauptsaison eher die Geschäftemacher. Für 8.00 Uhr in der Früh hat das „Forum der Führungskräfte“ zu einem Politikerfrühstück mit Haslauer geladen. Mit freiem Blick auf schneebedeckte Berge, knallblauem Himmel und viel Barock. Man ist hier streng überparteilich. Die Glückwünsche zur Wahl werden gewispert. Haslauer, in dunkelgrünem Jackett mit Ledereinsatz an den Ellenbogen, einer Krawatte im selben Braunton und Schuhen, die handgenäht aussehen, erhebt sich, wippt vor und zurück und sagt: „Nun ja, in Salzburg wurde das Bankgeheimnis sehr ernst genommen.“ Das ist der Auftakt für seinen Krimi zu den Spekulationsgeschäften. Haslauer moduliert fein. Er sei vom Regierungspartner SPÖ verraten worden. Wenn wir nur irgendetwas geahnt hätten! Das Publikum genießt leise Schauer. Haslauer wirkt fast schon vergnügt. Einem Herrn missfällt das: „Sie sollten zumindest sagen, ich fühle mich schlecht. Die Leute denken, der muss doch auch etwas gewusst haben. Wenn Sie sich schon nicht schuldig fühlen, dann sollten Sie trotzdem in sich gehen.“ Haslauer zupft verlegen an seinem Ärmel. „Sie haben völlig Recht. Es ist wie bei einem Autounfall. Auch dort gibt es eine Gefährdungshaftung. Vielleicht war es ein Fehler, die Dinge auf den Punkt zu bringen.“ Jetzt ist das Publikum beschämt.

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Es muffelt wie in jedem Schulsportsaal. Heute bleiben die Ringe ungenutzt, in der Turnhalle der Handelsakademie drängen sich 500 Pubertierende und wetzen auf ihren Sesseln. Eine derartige Jungwähler-Ansammlung wäre vor vier Jahren ein Burgstaller-Heimspiel gewesen, in keiner Wählergruppe hatte sie einen derart deutlichen Vorsprung. Diesmal wird sie hart geprüft: „Wie gibt es das, dass Sie immer noch nicht wissen, wie viel Geld fehlt?“ – „Warum hat unser Land so viele Schulden?“ – „Warum gibt es von dem Geld, das wir nicht haben, Wahlplakate?“ – „Warum haben Sie nichts von den Spekulationen bemerkt?“, prasseln die Fragen auf Burgstaller ein. Sie streckt sich durch und spult ihre Textbausteine ab, die sie seit Wochen wiederholt: „Das Ganze wäre kein Kriminalfall, wenn wir davon gewusst hätten. Niemand, auch nicht der Rechnungshof, hat etwas entdeckt. Ich habe am 3. Dezember erstmals von den Schattenportfolios erfahren. Das Chaos ist so groß, weil mittlerweile 420 Geheimkonten bekannt sind.“ Fast verzweifelter Nachsatz: „Hätte ich zur Bank gehen sollen und fragen, ob sie ein Geheimkonto haben?“ Die Schüler, die noch zuhören und nicht am Handy spielen, schütteln skeptisch den Kopf.

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Eigentlich müsste auch gegen Haslauer Hass hochschlagen. Gegen den Politikersohn, der noch nie etwas erlebt hat, der vor allem seinem Vater, dem langjährigen Salzburger Landeshauptmann ein guter Sohn war, der sich jetzt einer wahlkampfbedingten Ochsentour hingibt und, wenn es schiefgeht, wieder als Wirtschaftsanwalt arbeiten wird. „Wenn ich durch das Land reise, kommen immer wieder Leute mit Fotos, wo sie mit meinem Vater oben sind. Er begleitet mich sozusagen. Er ist ja schon über 20 Jahre tot. Ich hatte eine sehr enge Beziehung zu ihm. Ich bin stolz, dass er solche Spuren hinterlassen hat. Es ist eine andere Zeit, aber ich sehe vieles so wie er. Würde und Respekt sind durch die Trivialisierung der Politik verlorengegangen.“

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Im größten Einkaufszentrum Salzburgs, von einer Jury zum besten Einkaufszentrum Europas gekürt, mit lichtdurchfluteten Etagen, beruhigend grünen Leitschienen gegen den Kaufrausch und imitierten Terrazzo-Böden, ist Haslauer fast schon übermutig. „Jetzt werden wir alles niederkämpfen“, sagt er und stürmt hinein in die grün-gelb-blauen Sommerfarben bei Peek & Cloppenburg, prallt zurück, als ihm bewusst wird, dass er, flankiert von den Geschäftsführern, gefolgt von einem Tross von Wahlkampfhelfern, Kameramann und Fotografen, wie ein ungebetener Eroberer wirken muss. Haslauer macht kehrt, begnügt sich damit, an der Bar jemanden anzusprechen, Verkäuferinnen einen „Glücksstern“ zu schenken und Passanten einen Folder zuzustecken.

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„Gabi, darf ich ein Foto mit Dir?“, stürzt ein junger Mann im Trainingsanzug auf Burgstaller zu, kaum dass sie vor dem Riesensupermarkt vom Fahrrad gestiegen ist. Es wird nicht das letzte Handyfoto sein, auf dem Burgstaller an diesem Nachmittag verewigt ist, so viele Attraktionen gibt es in Salzburg-Lehen sonst nicht. 15.000 Menschen, viele davon Arbeiter und Migranten, leben hier. durch die Bahngeleise von der schmucken Altstadt getrennt, teils in Sozialwohnungen aus den fünfziger Jahren. Burgstaller, die sich aus dem reichen Fundus ihrer Knallfarben-Sakkos für Neongrün entschieden hat, strahlt gegen den grauen Supermarktvorplatz an. Und erntet Zorn. „Ich war immer Sozialistin, aber die SPÖ kümmert sich seit 40 Jahren nicht um uns“, redet sich eine untersetzte ältere Frau in Rage. „Die vielen ­Ausländer da, ich muss blau wählen.“ Zustimmendes Nicken von Bierbauch- und Schlapfenträgern rundum. Temperamentbündel Burgstaller argumentiert, charmiert und verspricht, dass die Gegend bald schöner wird, weil ein Hochhaus mit Bar entsteht: „Da gehen wir zwei dann auf ­einen Drink“, sagt sie und legt der Wut­bürgerin die Hand auf den Arm. Die ist noch nicht fertig, immerhin ist der Lärm noch nicht besprochen. „Ich schicke die Lärmmessung, Ehrenwort“, beruhigt Burgstaller. Und bekommt zur Antwort: „Gewinnen S’ die Wahl.“

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Es sei „völlig unerheblich, ob man ein Jahr früher oder später Wahlen gewinnt oder verliert“, sagt Wilfried Haslauer. Er sei verraten und verkauft worden. Er habe handeln und Neuwahlen ausrufen müssen. Das gebiete die Selbstachtung. Der materielle Schaden durch die Spekulationsgeschäfte sei vermutlich groß, der immaterielle noch größer, das Selbstbewusstsein des Landes gebrochen. Sagt Haslauer und blickt versonnen vom romanischen Nonnbergkloster hinunter in die Stadt. Dass er in einer Rede von den Sozialdemokraten als einer „Bande“ gesprochen hat, tut ihm fast schon leid. Er habe nicht die SPÖ als solche damit gemeint, er sei zornig gewesen. Von Hofrat Eduard Paulus, ÖVP-Mitglied, dem Vorgesetzten von Monika Rathgeber, sei er schwer enttäuscht: „Das ist nicht die Arroganz des Bürgertums, sondern eine untragbare Amtsauffassung: sich um nichts kümmern, sich nicht verantwortlich fühlen.“ Er verstehe nicht, dass Paulus nicht schon längst suspendiert sei.

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Im Foyer des Salzburger ORF-Studios sind weiße Stehtischchen aufgebaut, es gibt ein kleines Buffet für 38 Salzburger, die nach den „Zukunftsgesprächen“, einer abendlichen Diskussion von Universitätsprofessoren, noch nicht nach Hause gehen wollten. Burgstaller war als Zuhörerin dort, geht jetzt mit ihrem Bierglas von Tisch zu Tisch und erzählt jedem einzeln von ihrer Enttäuschung über die ÖVP. „Ich bin nicht so eine klassische Parteipolitikerin, ich wollte anders regieren. Aber niemand hat mitgemacht. Viele Spitzenbeamte sind beim CV“, vertraut sie einem Besucher an. Dem nächsten: „Die ÖVP war immer in der Regierung und will nichts bemerkt haben?“ Einem anderen weiß sie zu berichten: „Ich bin ein Mensch fürs Gemeinsame. Darum verstehe ich nicht, warum die ÖVP so destruktiv ist und nicht mithilft, nach dem Finanzskandal aufzuräumen. Sie gießt Öl ins Feuer, ruft Neuwahlen aus und tut, als würde sie die Sache nichts angehen.“ Um 23 Uhr sind alle Stehtische abgeklappert.

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„Die SPÖ plakatiert ,Durchkreuzt Haslauers Machtpläne‘. Als ob ich einen Militärputsch plane, einfach lächerlich. Ich bin nicht bereit, beim selben System wieder dabei zu sein. Die Salzburger müssen entscheiden, wie sie es haben wollen.“

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„Landeshauptfrau“ steht auf dem Glasschild vor Burgstallers Büro in der Landesregierung. Der Schildertausch war einfach, alle anderen Umbauarbeiten wesentlich zäher. Wenn Burgstaller sinniert, warum in den neun Jahren, die sie hier sitzt, nur wenige Reformpläne verwirklich wurden, kommt sie rasch auf zwei Schuldige: die ÖVP und die ÖVP-getreue Hochbürokratie. „Unter den Prämissen, wie ich zu arbeiten hatte, ist es fast nicht möglich, große Reformen durchzuführen. Die ÖVP hat viel blockiert und manche in der Verwaltung haben sie dabei unterstützt“, klagt sie und denkt lange über die Antwort auf die Frage nach, ob es nach ihrem Wahlsieg 2004 klüger gewesen wäre, eine rot-grüne Regierung zu bilden. „Es ist müßig. Aber wenn ich damals gewusst hätte, wie ­destruktiv sich die ÖVP verhalten wird – dann würde ich wahrscheinlich Rot-Grün wagen.“

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70 Kilometer, eine Autostunde und ein veritables Wohlstandsgefälle liegen zwischen der Landeshauptstadt und Saalfelden. Ein typischer Ort in den Salzburger Gebirgsgauen: Skilifte, Lagerhäuser, „Zimmer frei“-Fähnchen auf Holzbalkonen. Und zornige Almbauern, die sich um Burgstaller scharen und wissen wollen, ob sie EU-Förderungen zurückzahlen müssen. „Ich bin eine Bauerntochter“, hebt Burgstaller an und verfällt in breiteren Dialekt: „Ihr habt’s das ja nicht vergeigt, ihr habt’s euch ja nicht vermessen bei den Almflächen, das war das Landwirtschaftsministerium.“ Für die SPÖ ist die Aufregung um die Neuvermessung der Almen ein unerwartetes Geschenk. 1750 Almen und 4750 Almbauern existieren in Salzburg – und Burgstaller gibt deren Retterin: „Ich habe heute wieder mit dem Kanzler telefoniert. Wir müssen alle den Druck erhöhen, damit es sich nicht die großen Bauern richten.“

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In seinem Dienstauto auf dem Weg zu einem Betriebsbesuch bei Porsche Salzburg lässt sich Haslauer mit dem Parteifreund und ehemaligen EU-Agrarkommissar Franz Fischler verbinden „Franz, Du, das ist für uns eine unangenehme Sache. Kannst du uns helfen? Kannst Du diesen Konflikt moderieren?“

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Small Talk ist eine Kunst, die nur Wenige beherrschen, Haslauer ist ein Meister darin. Ob höheres Management, Bürodamen oder ölverschmierte Automechaniker, beim Betriebsbesuch im Porsche-Werk – Haslauer plaudert sich durch die Welt, ohne Scheu vor Banalitäten. Trifft er auf einen Münchner ist ein Kalauer fällig: „Der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich ist die gemeinsame Sprache.“ - „Small Talk mach ich gern, da wird eine Chemie aufgebaut, man bekommt ein Gefühl für einen Menschen, das ist der Sinn solcher Besuche. Politisch wird da ja nicht argumentiert.“

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Der berühmte Burgstaller-Charme wurzelt in seiner Unverkrampftheit: Mit derart untrüglicher Sicherheit, wer umarmt, wer bestärkt und wer in Ruhe gelassen werden will, geht kein anderer Spitzenpolitiker auf Menschen zu. Das einzige Wahlversprechen der SPÖ ist Burgstaller – riskant, mit dem Finanzskandal wurden auch Sympathiewerte verzockt. Burgstaller funktioniert Wahlkampfeinsätze zur Sprechstunde der Konsumentenschützerin um, die sie einmal war. Wenn sie auftaucht, bilden sich Schlangen von Menschen, die ihre Probleme schildern: der Sohn, der wegen seiner Behinderung keine Arbeit findet; der Gatte, in dessen Pflegeheim zu wenig Personal ist. Burgstaller gibt Tipps, notiert Adressen. Und beendet jedes Gespräch mit: „Ich rühre mich.“

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Der Häuserkampf ist Haslauer nicht ganz geheuer. Einer seiner Mitarbeiter sagt: „Die ersten zehn Parteien, bei denen man anläutet, sind grauslich, dann geht’s.“ Haslauer scheint keine große Erfahrung damit zu haben. Seine Helferin von der JVP – bewaffnet mit einem Korb mit Keksen, Gummibärchen und den obligatorischen Kugelschreibern – belehrt ihn, dass man an der Gegensprechanlage nacheinander auf alle Knöpfe drückt, sonst komme man zu nichts. Einer werde dann schon öffnen. Es ist erst halb fünf am Nachmittag, die meisten sind noch in der Arbeit. Von einer 96-Jährigen wird Haslauer liebevoll in die Wohnung gebeten. „Ich will Sie nicht inkommodieren“, sagt Haslauer. An einer anderen Tür kreischt die Wohnungsinhaberin ungläubig: „Das darf doch nicht wahr sein. Ich kenn’ Sie vom Fernsehen und jetzt stehen Sie vor meiner Tür! Sie sehen jünger aus als auf den Plakaten.“ – „You made my day“, sagt Haslauer. Eine dritte Dame holt ihren Fotoapparat. Haslauer ist hingerissen. Der Stadtteil, in dem er an den Türen läutet, ist nicht gerade Feindesgebiet, eine ruhige Gegend, schöne Reihenhäuser mit Ausblick, Eigentumswohnungen. Die ÖVP hatte dort 2009 fast 39 Prozent.

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„Wer den Menschen im Wort ist, läuft nicht davon“, lautet ein Burgstaller-Slogan. Dabei wollte sie eigentlich schon weg sein. Der Plan, ersonnen vor Auffliegen des Finanzskandals, lautete: Die 49-Jährige übergibt das Amt heuer an ihren politischen Ziehsohn David Brenner und zieht sich zurück. „Mein Vorhaben war, bei der Wahl 2014 nicht mehr anzutreten. Denn für mich war klar, dass ich das nicht bis zur Pension mache“, sagt Burgstaller. Diese Planspiele sind Geschichte, Brenner auch. Trotzdem gibt es eine 50:50-Chance, dass Burgstaller nach der Wahl am 5. Mai Gelegenheit hat, etwas Neues auszuprobieren. Wenn sie nicht Erste wird, scheidet sie aus der Politik aus. Das hat sie versprochen. So wie Haslauer.