Die Seuche und die Folgen
Im März 2025 brach die Maul- und Klauenseuche in Ungarn und der Slowakei aus. Üblicherweise lässt sich ein „Seuchenzug“ einigermaßen klar bis zu seinem Ursprung verfolgen. Diesmal tauchte das Virus aber mitten im seuchenfreien Gebiet auf: Am 7. März wurde die Maul- und Klauenseuche zuerst auf einem Hof in Györ festgestellt. Bis heute ist nicht klar, wie das Virus dorthin gekommen ist. Für die weitere Verbreitung sorgte ein Besamungstechniker. Insgesamt waren fünf Höfe in Ungarn und sechs in der Slowakei betroffen, alles große Rinderbetriebe.
Auch der Hof von Paul Meixner war betroffen. Alle 3000 Tiere mussten auf Anordnung der Veterinärbehörden gekeult werden. Lkw-Ladung um Lkw-Ladung wurden die Kadaver hierher ins Grenzgebiet gebracht und zusammen mit Stroh und ungelöschtem Kalk in eine Grube gekippt. Der Feldweg musste mit Schotter verstärkt werden, weil die Trucks im Schlamm stecken geblieben waren.
Der Hof von Paul Meixner war der zweite in Ungarn, den es damals erwischt hat. Am 25. März entdeckte einer von Meixners Söhnen bei einem Tier Schaum rund um das Maul, ein mögliches Anzeichen für die Seuche. Der amtliche Veterinär war gerade am Hof, um die Tiere zu testen. Am nächsten Tag lieferte das Labor den Nachweis und damit das Todesurteil für die 3000 Rinder in Meixners Betrieb. „Ein Fleischer hat die Rinder getötet, daneben stand ein Tierarzt, der das überwachen musste und den Schussapparat lud. Die haben beide geweint wie kleine Kinder.“ Es dauerte mehr als zehn Tage, bis alle Tiere getötet und in der Grube bei Hegyeshalom verscharrt waren.
Die Maul- und Klauenseuche (MKS) ist ein Virus, das Paarhufer befällt: Büffel, Rinder, Schafe, Schweine, Ziegen, aber auch Wildtiere wie Rehe und Wildschweine. Die Tiere bekommen entzündete Bläschen um das Maul und an den Klauen und Eutern. Das Virus ist extrem ansteckend. Weniger als fünf Prozent der Tiere sterben daran. Für den Menschen ist es unbedenklich. Im Nahen Osten, Asien und Afrika ist die Seuche endemisch. Europa ist dank rigoroser Kontrollen MKS-frei. In der EU ist die Impfung gegen das Virus seit 1991 verboten. So kann sichergestellt werden, dass jedes positiv getestete Tier auch tatsächlich infiziert ist – und nicht bloß Antikörper durch die Impfung gebildet hat. In Großbritannien gab es 2001 und 2007 Ausbrüche, in Österreich das letzte Mal im Jahr 1981.
Lockdown der Landwirte
Das Virus kann sich in Gülle, Streu und sogar in gefrorenem Fleisch halten. Deswegen sind die Maßnahmen zur Eindämmung eines Ausbruchs kompromisslos. Ein einziger positiver Fall bedeutet, dass alle Tiere auf dem jeweiligen Hof gekeult werden, die für das Virus empfänglich sind. Rund um die betroffenen Betriebe werden Schutzzonen eingerichtet. Jeder Kontakt muss rekonstruiert werden. Vieh und tierische Produkte dürfen das Risikogebiet nicht verlassen. Paul Meixners ungarischer Betrieb liegt so nah an der Grenze, dass die Sperrzone 2025 bis nach Österreich reichte. Mehr als 1000 Betriebe im Burgenland und in Niederösterreich mussten ständig kontrolliert werden. Wochenlang bangten die Bauern im Dreiländereck Österreich-Ungarn-Slowakei um ihre Existenz, bis endlich klar war, dass die Seuche eingedämmt war und keine Ansteckungsgefahr mehr bestand.
Paul Meixner, die vier Söhne und ihre Mitarbeiter waren mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Damals, im April 2025, hingen auch bei Meixners Betrieb Schilder mit der Aufschrift „Betreten strengstens verboten“. Die Stallungen mussten mehrmals gereinigt und desinfiziert werden. Streu und Futter wurden vernichtet. „Es war psychisch eine sehr belastende Zeit“, sagt Paul Meixner. Wie er sie überstanden hat? „Es war so viel zu tun, da fällt man am Abend ins Bett und hat gar nicht erst die Zeit zu grübeln.“ Ohne Vieh keine Milch. Ohne Milch keine Einnahmen. Meixner: „Jeder Monat hat 120.000 Euro Verlust bedeutet.“
Jerseyrinder auf Kredit
Dazu kam die Ungewissheit: Wie viel vom Schaden wird ersetzt? Und wann? Es dauerte am Ende Monate. Sicher war nur, dass es weitergehen würde. Paul Meixner ist 67 Jahre und eigentlich schon in Pension. „Aber die Söhne haben sofort gesagt, dass sie weitermachen wollen“, so der Altbauer. In der Landwirtschaft kann ein Neustart schnell in der Zahlungsunfähigkeit enden. Bis der Betrieb hochgefahren ist, fehlen die laufenden Einnahmen.
Die erste Lieferung von Jersey-Jungtieren kam im Oktober, bezahlt mit den Erlösen aus der Maisernte. Beim Zuchtverband in Dänemark wurde aus Solidarität anderen Interessenten gesagt, man wäre ausverkauft, damit Meixner genügend Tiere für den Neuanfang bekommen konnte. Wenige Tage später gab es endlich Klarheit von den ungarischen Behörden: 70 Prozent des Marktwertes der gekeulten Tiere übernahm der Staat. Die Meixners nahmen einen Kredit über 1,5 Millionen Euro auf und lukrierten noch einmal 1,5 Millionen Euro durch den Verkauf von Grundstücken. Ende Februar kam der letzte Lkw aus Dänemark. Jetzt sind wieder rund 3000 Rinder in den Stallungen, die erste Generation hat bereits gekalbt. Die Tiere wirken entspannt, Jerseyrinder gelten als besonders sanftmütig.
Momentan werden nur 600 Kühe gemolken. Im Normalbetrieb werden es 2000 sein, die Milch geben. Das Geschäft ist nichts für Ungeduldige. „Wir haben zehn Jahre gebraucht, bis wir Gewinne geschrieben haben“, sagt Paul Meixner. Und zehn Tage, bis alles verloren war. Sollte in der Gegend wieder einmal eine ansteckende Krankheit kursieren, sind die Meixners besser darauf vorbereitet. Der gesamte Hof ist mittlerweile von einer Betonmauer umgeben, die Kontaktpunkte mit Besuchern von außerhalb sind auf ein Minimum reduziert. Auf der Zufahrt ist ein großer Stahlrahmen installiert. Jedes Fahrzeug muss durch dieses Tor und wird wie in einer Waschstraße mit Desinfektionsmittel besprüht.
Den Milchbetrieb führt heute Sohn Milan Meixner. Wenn alles gut läuft, wird der Vater vielleicht doch noch etwas Neues versuchen. Einen Greißler mit Produkten aus der Region könnte die Ortschaft Levèl vertragen, findet Meixner. Dort könnten sich die vielen Pendler wie in einem Drive-in in der Früh auch gleich ihr Mittagessen mitnehmen. Ein geeignetes Grundstück hat er bereits.
Eine andere Möglichkeit steht aber auch noch im Raum: Paul Meixner könnte endlich seinen aufgeschobenen Urlaub nachholen.