Mein Leben danach: Warum ich aufgehört habe, bei Amazon zu bestellen

Inaktivitätsprotokoll von Amazon

Inaktivitätsprotokoll von Amazon

Schon wieder macht Amazon negative Schlagzeilen. Dabei würde Ingrid Brodnig doch so gerne beim Onlinehändler bestellen. Ein Dilemma.

„In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige“, schrieb der Satiriker Karl Kraus. Ein solcher zweifelhafter Fall ist Amazon. Als Kunde steht man vor der Entscheidung: Soll man oder soll man nicht bei dem Onlinehändler einkaufen? Kann man das mit dem eigenen Gewissen vereinbaren, und falls nicht: Gibt es ernstzunehmende Alternativen zu Amazon?

Mich beschäftigt das seit Längerem immens, so auch neulich. Da sprach die deutsche Gewerkschaft ver.di sogenannte „Inaktivitätsprotokolle“ an. Ein Dokument zeigt, wie Amazon die Arbeit seiner Mitarbeiter minutiös (im wahrsten Sinne des Wortes) überwacht. Selbst Päuschen von kaum mehr als einer Minute wurden vermerkt. Daneben der Hinweis, der Mitarbeiter habe seine „arbeitsvertragliche Pflicht zur Erbringung der Arbeitsleistung verletzt“.


Wer nicht spurt, fliegt raus

Der Onlinehändler nennt dies einen fehlerhaften Einzelfall, der aus dem Vorjahr stamme. Die Gewerkschaft sagt, ihr seien mehrere solche Fälle bekannt, hier würde speziell Druck auf jene Mitarbeiter ausgeübt, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten. Amazon ist ganz sicher kein bequemer Arbeitgeber zu den „Pickern“, „Packern“ und „Stowern“, die in den Versandzentren im Schnelltempo schuften. Der Stower räumt die Ware in die Regale ein; der Picker marschiert durch die riesigen Hallen, die oft 17 Fußballfelder ausmachen. Am Tag legt so ein Picker bis zu 25 Kilometer zurück, bringt die Ware zum Packer, der sie dann versandbereit macht. Viele von ihnen haben befristete Verträge. Sie wissen: Wer nicht spurt, fliegt raus.

Ein anstrengender Job, ungebührend honoriert zumal. Amazon zahlt nicht den branchenüblichen Tarif des Versandhandels. Auch Urlaubsgeld erhalten die Mitarbeiter keines. Nicht gerade nett vom Marktführer unter den Onlinehändlern, der im Vorjahr allein in Deutschland 11,9 Milliarden Dollar umsetzte. Steuern zahlt Amazon übrigens nur in homöopathischer Dosierung.
Gewiss: Es ist Amazons gutes Recht, nicht nur nett zu sein. Ich als Konsumentin habe aber auch das Recht, zu entscheiden, ob ich das mittragen möchte.


Seit fast einem Jahr habe ich kein Paket mehr bei Amazon bestellt

Mein Dilemma ist, dass ich das nicht will. Es fehlen jedoch gute Alternativen, die ein Leben ohne Amazon bequem machen.
Seit fast einem Jahr habe ich kein Paket mehr bei Amazon bestellt und kann sagen: Leicht fiel mir das nicht. Zwar kann man Bücher oder Gadgets auch anderswo im Netz ordern, ausgefallene Produkte findet man außerhalb des Amazon-Imperiums aber oft erst nach intensiver Suche.

Wer glaubt, Amazon reüssiert nur deswegen, weil es billig ist, der irrt. Der Laden ist das Symptom einer weit verbreiteten Zivilisationskrankheit: Bequemlichkeit. Es geht flotter, im Gemischtwarenladen von Firmengründer Jeff Bezos zehn unterschiedliche Waren zu bestellen, als auf zehn verschiedenen Seiten jeweils die eigene Adresse sowie Zahlungsdaten anzugeben, und tagelang zu warten, bis die Produkte endlich kommen (die Amazon-Picker, Packer und Stower leisten tatsächlich einen beeindruckenden Job).

Mag sein, dass dies nur Luxusprobleme von Internetfreaks wie mir sind und vernünftige Menschen einfach im Laden ums Eck einkaufen. Es ist aber nicht allein mein Dilemma: Sonst würde Amazon nicht so viel Umsatz machen, sonst würden nicht so viele Menschen bei Amazon bestellen, obwohl sie dabei ein schlechtes Gewissen haben.
Ziel von Amazon ist, dass Konsumenten die Seite nicht mehr wegdenken können. Bezos fährt eine aggressive Expansionsstrategie, beliefert immer mehr Märkte, bietet immer mehr Dienstleistungen an, damit sein Konzern zu einer ubiquitären Institution im Internet wird. Mittlerweile produziert Amazon sogar eigene Fernsehserien.


Widerstand ist nicht ganz zwecklos

Vergleichbare Konkurrenten mit ähnlichen Ambitionen fehlen in Europa und den USA. Die Mitarbeiter von Amazon haben oft wenig Wahl, sie leben häufig in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit, da ist man selbst über einen schlecht bezahlten Job froh. Amazon setzt auf das Modell „Tina“, kurz für: There is no alternative. Es gibt keine Alternative.

Oder gibt es die vielleicht doch? Dazu eine Anekdote, die viel über die Unternehmenskultur verrät. Im Sommer 2011 brütete über Allentown in Pennsylvania eine Hitzewelle. Im örtlichen Amazon-Lager stieg die Temperatur über 40 Grad Celsius. Statt in teure Klimaanlagen zu investieren, orderte man lieber Rettungswägen vor die Tür, die jene Mitarbeiter wegführten, die kollabiert waren. In Deutschland wurden mittlerweile, nachdem es heftige Kritik und Streiks gab, Klimaanlagen in allen Versandzentren eingebaut. Das ist ein kleiner, vielleicht nur winziger Erfolg, aber er zeigt, dass Widerstand doch nicht ganz zwecklos ist.

Es lohnt sich, immer wieder über die Missstände bei Amazon zu sprechen und in zweifelhaften Fällen die richtige Entscheidung zu treffen. Die richtige Entscheidung ist nur eben oft jene, die ziemlich unbequem ist.

+++ Lesen Sie hier: ver.di-Gewerkschaftssekretär Stefan Najda erklärt, was er Amazon genau vorwirft und wieso er keinerlei Angst hat, dass Amazon seine Standorte ins billigere Ausland verlegt. +++