Michael Nikbakhsh: Hase und Igel

Michael Nikbakhsh: Hase und Igel

Da sitzt du also mit deiner bald zweijährigen Tochter und lauscht andächtig dem Märchen vom Hasen und vom Igel.

Ist auf einer CD drauf, welche dir die Bank an irgendeinem Weltspartag aufgedrängt hat (aus einer Zeit aber, da man an Weltspartagen noch nicht dankbar sein musste, wenn die Bank einmal im Jahr wenigstens ein Werbegeschenk springen lässt, auf das gottlob noch keine Kapitalertragsteuer eingehoben wird).

Der Igel fordert den Hasen also zum Wettlauf und setzt ein Goldstück (!) und eine Flasche Schnaps (!). Nona steigt der Hase darauf ein. Und nona verliert er, schließlich hat Herr Igel ja Frau Igel. Weil klein und schlau und niedlich schlägt stark und arrogant und blöd. So sagt man’s den Kindern. Weil’s irgendwie bekömmlicher klingt als die Geschichte eines Sport- und Wettbetrugs: Igel geht mit Hase eine Wette ein, die er unmöglich gewinnen kann. Folglich muss er seinen Kontrahenten bescheißen und schreckt auch nicht davor zurück, das engste Umfeld (hier: die Ehefrau) zu Beitragstätern zu machen. In einer frühen Version des Märchens läuft der Hase übrigens so lange erfolglos hin und her, bis er tot umfällt. Der Igel geht also über Leichen, um zu gewinnen.

Sollte dich die Tochter eines fernen Tages fragen, wie zum Beispiel der Finanzmarkt funktioniert, wirst du ihr das Märchen vom Hasen und Igel noch einmal vorspielen. Für den Igel gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

michael.nikbakhsh@profil.at