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Operation Glaskugel: Konjunkturprognosen in Trump’schen Zeiten

Weil der Iran-Krieg völlig unberechenbare Folgen für die heimische Wirtschaft hat, errechnete das Wifo gleich drei Konjunkturprognosen statt nur einer. Prognose-Verantwortlicher Markus Scheiblecker erzählt, warum es heuer ein bisschen schlimm oder ganz schlimm wird.

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„Ein Herr Trump ist für uns nicht prognostizierbar“, sagt Markus Scheiblecker, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Bis Dienstag, als er die letzte Korrektur im aktuellen Konjunkturbericht des Wifo vornahm, hatte er aber genau das versucht: den US-Präsidenten und die Folgen seiner Handlungen  vorherzusagen. Doch wie erstellt man eine Konjunkturprognose in Trump’schen Zeiten?

Am Freitag haben die beiden führenden Wirtschaftsforschungsinstitute – Wifo und das Institut für Höhere Studien (IHS) – ihre Frühlingsprognosen vorgestellt. Genauer gesagt: vier Konjunkturprognosen. Je nach Dauer und Intensität des Kriegs im Iran bewegt sich die heimische Wirtschaft irgendwo zwischen moderatem Wachstum und Rezession. Die erhoffte wirtschaftliche Erholung ist damit vorerst jedenfalls abgesagt.

Das IHS hat im Vergleich zu seiner Dezemberprognose den Konjunkturausblick halbiert und rechnet heuer nur noch mit 0,5 Prozent BIP-Wachstum und einer Inflation von 2,9 Prozent. Das Wifo wiederum kalkulierte gleich drei verschiedene Szenarien für die heimische Wirtschaft und sieht das BIP-Wachstum heuer irgendwo zwischen 0,2 Prozent und 1,1 Prozent. Die Wifo-Prognose wird nach Brüssel notifiziert und ist die Grundlage für das Doppelbudget, das Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) bis Juni verhandeln muss. Immerhin: Was das Budgetdefizit betrifft, sind beide Institute am Freitag zumindest nicht pessimistischer als noch vor ein paar Monaten. Dieses soll bei 4,2 Prozent (IHS) oder – je nach Szenario – zwischen 4,0 und 4,4 Prozent (Wifo) liegen.

Es ist das erste Mal, dass das Wifo nicht eine, sondern drei Konjunkturprognosen durchrechnet. Im ersten Pandemiejahr gab es zwei – mit und ohne Lockdowns. Aber offenbar erfordern die jetzigen Zeiten noch mehr konjunkturforscherische Flexibilität. Scheiblecker ist der verantwortliche Ökonom am Wifo für die diesjährige Frühjahrsprognose. Er musste also jene Annahmen über die Zukunft treffen und eingrenzen, auf deren Basis die Konjunkturmodelle berechnet werden. In ruhigen Zeiten sind Prognosen wie diese fast Selbstläufer. Diesmal hat Scheiblecker jedoch ein optimistisches, ein Haupt- und ein pessimistisches Szenario gerechnet.

Mann mit kurzem Haar und Bart trägt ein dunkelblaues Hemd und lächelt vor neutralem Hintergrund.
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„Ein Herr Trump ist für uns nicht prognostizierbar“, sagt Markus Scheiblecker, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Er ist Hauptverantwortlicher der Frühjahrsprognose des Wifo. 

Wie lange wird dieser Krieg noch dauern? Wann können die Energiefrachter die nach wie vor blockierte Meerenge von Hormus im  Persischen Golf wieder ungehindert passieren? Wann werden die Öl- und Gaspreise sinken? Oder steigen sie weiter? Auf all diese Fragen hat derzeit niemand eine Antwort, also rechnen die Ökonominnen und Ökonomen drei mehr oder weniger wahrscheinliche Szenarien durch.

„Wir mussten Annahmen über den Ölpreis, den Gaspreis und den Wechselkurs von Euro und US-Dollar treffen“, erklärt der Ökonom. Je nachdem, ob der Ölpreis schnell wieder sinkt und sich heuer bei 73 US-Dollar pro Barrel der Sorte Brent einpendelt (optimistisch), um die 88 US-Dollar liegt (realistisch) oder das ganze Jahr jenseits der 100-Dollar-Marke verharrt (pessimistisch), gibt es in Österreich einen leichten Aufschwung oder gar kein Wachstum. „Mit dem optimistischen Szenario rechne ich gar nicht mehr“, meint Scheiblecker. Dafür sei die Lage im Nahen Osten zu fragil und der Waffenstillstand zwischen den USA, Israel und dem Iran noch zu brüchig.

Österreich an der fossilen Leine

Dass Österreich so sensibel auf die Verwerfungen auf den Energiemärkten reagiert, liegt daran, dass wir nach wie vor sehr viel Energie importieren, vor allem fossile Brennstoffe. Wir kaufen 63 Prozent unseres Energiebedarfs im Ausland zu – fast ausschließlich Öl und Gas. Seit Beginn des Iran-Kriegs sind die Preise dieser beiden Energieträger aber um 60 Prozent gestiegen. Solange diese Abhängigkeit hoch bleibt, haben auch Preisausschläge bei Öl und Gas große Auswirkungen auf die Inflation hierzulande. Eine gute Nachricht gibt es dennoch: Seit Russlands Angriff auf die Ukraine und dem damaligen großen Energiepreisschock sind die Energieimporte, auch die fossilen, gesunken. Gab Österreich damals noch 4,5 Prozent seines BIP für fossile Einfuhren aus, sind es heute „nur“ noch 2,9 Prozent.

So oder so: Selbst im optimistischen Szenario hat der Iran-Krieg heuer schon zweieinhalb Milliarden Euro an Wohlstand gekostet. Noch Anfang des Jahres waren IHS und Wifo von 1,0 beziehungsweise 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum ausgegangen.

Drei Szenarien mit unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten erleichtern jedenfalls nicht die laufenden Verhandlungen über das Doppelbudget, das Finanzminister Marterbauer im Juni vorlegen muss. Kurz vor Ostern wusste das Finanzressort schon, dass die Ökonomen am Wifo an drei unterschiedlichen Szenarien rechnen, die je nach Kriegsverlauf und -dauer ganz unterschiedliche Annahmen für die heimische Wirtschaft treffen. Grundlage für die Budgeterstellung und für die Konjunkturmeldung nach Brüssel ist hierzulande die Wifo-Prognose. Marterbauer, der vor Jahren selbst solche Prognosen gerechnet hat, kann aber nicht drei Budgets verhandeln und drei unterschiedliche Annahmen über den Konjunkturverlauf nach Brüssel melden.

Also wird das Finanzressort auf Basis des Hauptszenarios in die Budgetverhandlungen gehen und muss hoffen, dass der Worst Case nicht eintritt. Dass die Wirtschaft also nicht nur um magere 0,3 Prozent wächst und die Inflation nicht auf 4,1 Prozent steigt. „Das Ministerium sollte eher vorsichtig budgetieren“, warnt Scheiblecker. Zwar geht der Ökonom aus heutiger Sicht davon aus, dass das Hauptszenario in seinen Prognosen das wahrscheinlichste ist, aber Trump ist eben unberechenbar.

Außerdem muss Österreich, das nach wie vor in einem EU-Konsolidierungsverfahren ist und mit 4,2 Prozent ein zu hohes Budgetdefizit hat, heuer mindestens zwei Milliarden Euro einsparen. Noch mehr zu sparen und strukturelle Reformen etwa im Gesundheitsbereich anzugehen, wäre jedenfalls besser – darin sind sich die Chefs der beiden Institute, Gabriel Felbermayr (Wifo) und Holger Bonin (IHS), einig. „Diese Prognose bewegt sich, wie die Mondmission, auf der dunklen Seite des Mondes. Drei Milliarden sind auf jeden Fall besser als zwei“, sagte IHS-Chef Bonin vor Journalisten. The Dark Side of the Moon – der Soundtrack für das nächste Sparpaket steht jedenfalls.

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.