Rot eingefärbtes Haus im Burgenland, in dem mehrere ungarische Scheinunternehmer einen Firmensitz angemeldet haben
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Per Briefkasten in den Sozialstaat: Scheinunternehmer aufgeflogen

In burgenländischen Geisterbüros in Grenznähe haben Hunderte Ungarinnen und Ungarn ein Gewerbe angemeldet. Wie profil-Recherchen zeigen, dürften es viele davon auf die Sozialversicherung abgesehen haben: Familienbeihilfe und Krankenhausbesuche inklusive.

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Als Máté D. vor mehr als 20 Jahren ein altes Landhaus am Rand der südburgenländischen Gemeinde Markt Neuhodis kaufte, dürfte der ungarische Staatsbürger geahnt haben, dass sich damit einmal Geld verdienen lässt. Heute dient der graue Hof nahe der ungarischen Grenze als „Büro Zentrum“, wie es auf einem großen Schild an der Außenfassade heißt.

Am Dienstagvormittag sollte in dem L-förmigen Bau eigentlich Hochbetrieb herrschen. Denn hier haben Gabor, Gyula, Istvan und 14 weitere ungarische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ein Gewerbe angemeldet. Ihre Namen scheinen nicht nur im Firmenbuch auf, sondern sind auch auf einer langen, weißen Tafel an der Hausmauer aufgeklebt.

Ist dieser alte Hof ein rustikaler Co-Working-Space?

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Anders als man es an einem Werktag vermuten würde, ist beim profil-Lokalaugenschein niemand da. Die Rollos der beiden straßenseitigen Fenster sind heruntergelassen. Das dunkle Holztor ist mit einem Vorhängeschloss versperrt.

Blick ins Innere des „Büro Zentrum“

Wie es drinnen aussieht, konnte profil durch ein Video der Betreiber rekonstruieren: Dicht an dicht stehen in einem kleinen Raum mehrere Schreibtische, die so schmal sind, dass ein Laptop gerade darauf Platz finden würde. Über den Tischen wurden A4-Zettel mit Bezeichnungen wie „Arbeitsplatz 16“ oder „Konferenzraum“ aufgeklebt. An der Wand hängt ein Kreuz, auf den Tischen liegen Prospekte der Wirtschaftskammer, in einem Regal: leere Aktenordner.

Der Raum wirkt nicht so, als könnte hier ernsthaft jemand einer Arbeit nachgehen. Vielmehr versprühen Fassade und Innenausstattung die Anmutung einer Bürokulisse.

Mitarbeiter einer Behörde haben laut profil-Infos eine Woche lang alle zwei bis drei Stunden vorbeigeschaut. Zu jeder Zeit versperrte das Vorhängeschloss das Eingangstor von außen. Falls jemand im Objekt gewesen sein sollte, dann war er eingesperrt.

Es kann nicht sein, dass das Ausnützen unseres Sozialsystems so einfach möglich ist.

Joachim Radics

Bürgermeister von Markt Neuhodis (Bezirk Oberwart)

Joachim Radics sitzt 400 Meter weiter in seinem Büro im Gemeindeamt und schüttelt den Kopf. Der ÖVP-Bürgermeister von Markt Neuhodis mit seinen 640 Einwohnern kennt das „Büro Zentrum“ nur zu gut.

Hat er Gabor, Guyla, Istvan und den Rest aus der Bürogemeinschaft schon einmal gesehen, die als Werbemittelverteiler, Meinungsforscherin oder Inhaber eines Schreibbüros dort angemeldet sind? „Ich kenne keine der Personen, die hier angeblich ihren Sitz haben“, sagt der Bürgermeister, „das Objekt wirkt nicht frequentiert, das Vorhängeschloss hängt permanent.“

Ein Geisterhaus.

„Wir haben als Gemeinde null von dem Standort. Die zahlen keine Kommunalabgabe, weil sie keine Angestellten haben. Mir stößt das ziemlich sauer auf, ich kann aber als Gemeinde nichts machen. Als Staatsbürger sage ich: Es kann nicht sein, dass das Ausnützen unseres Sozialsystems so einfach möglich ist. Für mich ist nicht verständlich, warum das so lange zugelassen wurde.“

Das Geschäftsmodell der Geisterbüros

Tatsächlich dürften Máté D. und sein Sohn Benjamin zu jenen Menschen gehören, die einen ausgeprägten Sinn dafür haben, die Schlupflöcher aufzuspüren, die jedes System zwangsläufig hat.

Das System, das die beiden Ungarn geknackt haben, ist der österreichische Sozialstaat. Máté und Benjamin D. haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, anderen eine Eintrittskarte zu vermitteln. Ihr Vehikel ist das graue Landhaus mit seinen zwölf Briefkästen, die jeweils von mehreren Personen geteilt werden.

Wie das Business abläuft, erklären die Betreiber des „Büro Zentrum“ in Markt Neuhodis auf ihrer ungarischen Website ganz offen:

Josef Redl

Josef Redl

ist Redakteur im Wirtschafts-Ressort.

Jakob Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.