THI: Ein Unternehmen, das niemals an die Börse hätte gehen dürfen

THI: Ein Unternehmen, das niemals an die Börse hätte gehen dürfen

Pyramidenspiele und andere Grausamkeiten: der Fall Teak Holz International. Michael Nikbakhsh über ein Unternehmen, das niemals an die Börse hätte gehen dürfen.

Wenn Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, glauben, Sie seien mit allen denkmöglichen Verrücktheiten des Wirtschaftstreibens längst leidvoll vertraut, dann seien Sie hiermit überrascht - ein bisschen etwas geht immer noch. Aus der Reihe Pyramidenspiele und andere Grausamkeiten - heute: das Forstunternehmen Teak Holz International AG mit Sitz in Wien (ehedem in Linz). Eines der wahren Kleinodien der Wiener Börse. Gründung 2006, Börsengang 2007, Wachkoma 2015. Das Unternehmen, das in Costa Rica Teak-Holz-Plantagen betreibt, kann seine Schulden nicht mehr bezahlen. Die Aktie hält heute bei nullkommairgendwas. Totalausfall. Der seit 2013 amtierende Vorstand Franz Fraundorfer, ein tapferer Mann, versucht zwar allen Ernstes, THI zu retten. Aber am Ende wird der Laden in der einen oder anderen Form dematerialisiert. Und alle zahlen drauf.

Wirklich alle? Wenn es stimmt, was Fraundorfer nun im Wege zweier Sachverhaltsdarstellungen bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft angezeigt hat, dann war das Unternehmen von der Gründung weg mehr Schein als Sein. In den Schriftsätzen ist von vermuteter Untreue, schwerem Betrug, Bilanzfälschung und der Bildung einer kriminellen Vereinigung die Rede. Arrangiert wurde die Börsengang übrigens von der Erste Bank, die dafür auch fair bezahlt wurde.

Nun steht also der Verdacht im Raum, dass die THI-Gründer, ein Grüppchen Teak-Enthusiasmierter rund um zwei oberösterreichische Unternehmer, 2006 ihre damals bereits bestehenden Plantagen zu doch recht ehrgeizigen Bewertungen in das neue Unternehmen einstellten. Was wiederum hieße, dass die beim folgenden Börsengang angesprochenen Aktionäre einen zu hohen Preis (damals neun Euro je Aktie) bezahlt hätten. Auch von Unregelmäßigkeiten beim Ankauf von Flächen in Costa Rica und zwanglos vergebenen, aber hartnäckig verschwiegenen "Fruchtgenussrechten“ zugunsten Dritter ist in den Schriftsätzen zu lesen.

Falsche Jahresabschlüsse

Erst im Dezember vergangenen Jahres kam Herr Fraundorfer, der neunte Vorstand seit 2007 übrigens, dahinter, dass von dem bis dahin bilanziell behaupteten Baumbestand in Costa Rica ziemlich genau die Hälfte der Teak-Bäume nie existierte. Damit wären alle seit der Gründung des Unternehmens veröffentlichten - und von der Wirtschaftsprüfungskanzlei PriceWaterhouseCoopers (PWC) für in Ordnung befundenen - Jahresabschlüsse falsch. Ebenso der Kapitalmarktprospekt, der auch durch die Hände der Finanzmarktaufsicht gegangen war.

THI hat seit dem Börsegang in Summe rund 45 Millionen Euro bei Anlegern und Gläubigern eingesammelt. Was damit wohl angestellt wurde?

Wieder so ein "Systemversagen“. Als Anleger, das zeigt nicht erst dieser Fall, ist man in diesem Land sich selbst überlassen. Sollte es ein funktionstüchtiges Kontroll- und Aufsichtssystem börsennotierter Gesellschaften geben, dann hat es sich bisher gut versteckt.

Die Finanzmarktaufsicht (FMA) zum Beispiel: eine begriffliche Irreführung. Die Behörde hatte den THI-Kapitalmarktprospekt seinerzeit zwar penibel geprüft, wenn auch nur auf Rechtschreibfehler. Für mehr war sie mangels gesetzlicher Reglements nicht zuständig. Erst seit 1. Juli 2013 gilt auch hierorts das von der EU vorgegebene "Enforcement-Verfahren“, das Österreich als eines der letzten Länder der Union überhaupt einführte. Dazu wurde eine eigene "Prüfstelle für Rechnungslegung“ geschaffen, die Fehler in Bilanzen aufdecken und der FMA zuarbeiten soll. Das hat bisher leidlich funktioniert. Man streitet um Kompetenzen. Alles sehr geheim natürlich. Amtsverschwiegenheit.

Größter anzunehmender Wirtschaftsprüfer-Unfall

Aktiengesellschaften benötigen jedes Jahr die Unbedenklichkeitsbescheinigung eines Wirtschaftsprüfers, das "Bilanztestat“. Abschlussprüfer war, wie schon gesagt, über all die Jahre PWC. "Selbstverständlich haben wir unsere Prüfungstätigkeit für die Teak Holz International AG mit größter Sorgfalt und unter Einhaltung sämtlicher Standes- und sonstiger Vorschriften durchgeführt“, versicherte jüngst eine PWC-Sprecherin gegenüber profil. Textbausteine wie diese verwenden Wirtschaftsprüfer in diesem Land neuerdings auffallend oft, um ihr Wirken zu erklären. Zwischenzeitlich hat PWC das Testat der Bilanz 2012/2013 allerdings "zurückgezogen“ und das Rechenwerk damit ganz offiziell für fehlerhaft erklärt - für einen Wirtschaftsprüfer der größte anzunehmende Unfall.

Ganz anders die "Emissionsbank“ Erste. Diese hat nicht einfach nur dafür gesorgt, dass Anlegern blindlings Bäume in Mittelamerika anempfohlen wurden. So leicht wollte man die Provisionen dann doch nicht verdienen. Nein, man war richtig überzeugt von der Sache. Schließlich hatte man vorab ja ein Team zu einer Plantagentour nach Costa Rica entsandt. In einer der Justiz übermittelten eidesstattlichen Erklärung eines Zeugen liest sich das dann so: "Anfang 2007 reiste auch eine Delegation der Erste-Bank nach Costa Rica. Es wurden dann auch Besichtigungen durchgeführt unter anderem von Mitarbeitern der Erste-Bank aus Linz … Ich habe davon Kenntnis, dass den Herren der Erste-Bank bei Helikopter-Flügen aus Erzählungen von Bekannten auch Plantagenflächen gezeigt worden sind, deren Erwerb durch die THI meines Wissens nicht beabsichtigt war. Diese Delegation soll dem Vernehmen nach in der Villa … gewohnt haben und gemeinsam mit dem Gastgeber, rauschende Feste‘ gefeiert haben.“

Und wer hatte die Bäume in Costa Rica, das einzige Betriebsvermögen des Unternehmens zumal, nun gezählt? Niemand. Das gesamte Geschäftsmodell von THI baute auf dem frühen "Gutachten“ eines damals 71-jährigen Hollabrunner (!) Forstwirts auf, der den Bestand in Costa Rica gemeinsam mit einem lokalen Zivilingenieur via Stichproben "hochgerechnet“ hatte. Vorliegende THI-interne E-Mails lassen darauf schließen, dass man im Unternehmen sehr wohl wusste, dass diese Berechnungen gewisse Schwächen hatten. Aber das wird zu beweisen sein.

Geht es nach einem der THI-Gründer, dann muss es sich bei all dem übrigens um ein schreckliches Missverständnis handeln. Er könne sich das "nicht erklären“, wie er profil jüngst verriet. Vorsorglich gilt erst einmal die Unschuldsvermutung.

Am Ende solcher Geschichten steht üblicherweise: Die Justiz ermittelt. So auch hier. Wobei es richtigerweise heißen muss: Die Justiz hat schon einmal ermittelt. Bereits vor einem Jahr war der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSTA) eine anonyme Anzeige mit Hinweisen auf Ungereimtheiten bei THI zugegangen. Die WKSTA setzte auch tatsächlich Ermittlungsschritte. Dürften aber nur ganz kleine gewesen sein. Man fand nichts Ungewöhnliches - und legte den Fall zu den Akten.

Hoffentlich klappt wenigstens das im zweiten Anlauf besser.

Ganz bescheiden sei noch darauf verwiesen, dass profil schon rund um den THI-Börsegang 2007 Zweifel an der Güte der Plantagen geäußert und vor den Unwägbarkeiten eines Investments gewarnt hatte.