Skifahren in Zeiten von Corona

Skifahren in Zeiten von Corona

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Wirtschaft
10/06/2021

Tourismus und Corona: Was heißt hier normal?

Nach dem Totalausfall im Vorjahr hoffen Österreichs Tourismusregionen auf eine halbwegs erfolgreiche Saison. Die Buchungslage ist gut, die Gäste wollen kommen. Aber ein "Winter wie damals" wird es nicht.

von Rosemarie Schwaiger

Urlaubsplanung hat schon einmal mehr Spaß gemacht: Auf der Website "Willkommen in Tirol", die vom Tourismusmarketing des Landes betrieben wird, geht es nicht um schöne Natur, gutes Essen oder diverse sportliche Aktivitäten in den Bergen. Es geht, ausschließlich, um Corona. Präsentiert werden unter anderem die 7-und 14-Tages-Inzidenzen in sämtlichen Bezirken (aktuell recht niedrig), die Verhaltensregeln in der Gastronomie, im Hallenbad sowie an der Hotelrezeption, die Stornomöglichkeiten mit und ohne Reisewarnung und die Details der 3G-Vorschrift. Alle Menschen auf den Fotos tragen FFP2-Masken. Den Genussfaktor eines Urlaubs im Pandemie-Regime veranschaulichen Sätze wie folgende: "Aufgüsse in der Sauna sind nicht erlaubt. Verzichten Sie bitte auch auf das 'Wedeln' mit dem Handtuch."

Früher hoffte man in den heimischen Wintersportregionen um diese Zeit auf den ersten Schnee - oder wenigstens auf das klaglose Anlaufen der Schneekanonen. Dieses Jahr ist der Schnee Nebensache. Hauptsächlich geht es um Inzidenzen, Impfquoten, Einreiseregeln und die Frage, ob all das den Leuten nicht die Lust auf den Urlaub verderben wird. Letzteres kann Florian Phleps, Geschäftsführer der Tirol Werbung, klar beantworten: "Wir sind für die kommende Wintersaison sehr optimistisch. Die Buchungslage ist gut. Viele Gäste haben den Urlaub, den sie letztes Jahr machen wollten, auf heuer verschoben. Aber es gibt auch neue Zielgruppen."

Mit den von der Politik definierten Rahmenbedingungen könne man gut arbeiten, meint Phleps. "Die Branche wird ihre Verantwortung ernst nehmen."Niemand müsse vor einem Winterurlaub Angst haben. "Letztes Jahr gab es im Wintersport keinen einzigen Cluster, das hat uns die AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Anm.) bestätigt."

Es gab im Vorjahr allerdings auch nur sehr wenig Wintersport. Weil der Reiseverkehr weitgehend still stand und sowohl die Hotels als auch die Gasthöfe geschlossen bleiben mussten, konnten im Prinzip nur Anrainer und Besitzer von Zweitwohnsitzen die Seilbahnen, Skipisten und Rodelstrecken nutzen. Manch ein Freizeitsportler soll die leeren Abfahrten und Lifte sehr genossen haben-aber für die Tourismusbranche war der Winter 2020/21 eine Kombination aus Super-GAU und Inferno. Wie massiv der Einbruch war, illustrieren die Zahlen der Statistik Austria (siehe Grafik): In der Saison 2018/19 hatte der Wintertourismus mit fast 73 Millionen Nächtigungen seinen bisherigen Höchststand erreicht. Im Jahr darauf gingen die Nächtigungen, bereits unter dem Einfluss der Pandemie, auf 60 Millionen zurück. Die Saison 2020/21 markierte den absoluten Tiefpunkt mit nur noch 5,6 Millionen Nächtigungen. Ohne massive Förderungen der öffentlichen Hand hätten viele Betriebe das nicht überlebt. Aber ewig können die Steuerzahler nicht für notleidende Wirte und Hoteliers zahlen. Irgendwann muss die Branche wieder auf die Beine kommen.

Schlimmer als im Vorjahr kann es nicht werden; so gesehen ist Optimismus angebracht. Schon der Sommer brachte-in den meisten Tourismusregionen-ein Comeback. Im August gab es sogar einen neuen Rekord bei der Zahl der Nächtigungen. Urlaub in Österreich lässt sich nach wie vor verkaufen, das ist die gute Nachricht.

Vor etwa zwei Wochen präsentierten Tourismusministerin Elisabeth Köstinger und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein die Pandemieregeln für den Winter. Die bereits bekannte 3G-Nachweispflicht wird für Hotels, die Gastronomie und die Seilbahnen gelten. In geschlossenen Gondeln müssen Gäste zusätzlich auch noch eine FFP2-Maske tragen; dafür wird auf Kapazitätsbeschränkungen verzichtet. Alle anderen Vorschriften basieren auf dem gleichen Stufenplan, der am 15. September in Kraft trat und sich im Wesentlichen an den Patientenzahlen auf Intensivstationen orientiert. Après-Ski werde möglich sein, "aber mit sehr strengen Regeln", erklärte Köstinger. Ziel sei natürlich auch, so die Ministerin, dass Österreich nicht mit einer internationalen Reisewarnung belegt werde. Vor ziemlich genau einem Jahr waren Wien, Vorarlberg und Tirol von Deutschland zu Risikogebieten erklärt worden. Bald darauf galt die Warnung für ganz Österreich mit Ausnahme von Kärnten. Für die Branche war das ein Schock. Dennoch konnte sich damals niemand vorstellen, dass die gesamte Saison ausfallen würde.



Die Erfahrung sitzt allen Beteiligten in den Knochen. Deshalb kam bisher kaum Kritik am doch eher komplexen Regelwerk. Nicht einmal Franz Hörl, angriffslustiger Obmann des Fachverbands der Seilbahnen, wollte nörgeln-obwohl es durchaus Anlässe gäbe. Schließlich erscheint es nicht ganz logisch, dass man ohne 3G-Nachweis in der vollgestopften Wiener U-Bahn stehen darf, eine Gondel aber nur geimpft, getestet oder genesen und mit FFP2-Maske betreten darf. "Sachlich gibt es dafür keinen Grund", erklärt Hörl auf profil-Anfrage. "Aber so funktioniert halt Politik." Natürlich hätte er die Regierung daran erinnern können, dass Seilbahnen rein rechtlich als ganz normale Verkehrsbetriebe gelten und deshalb gleich behandelt werden sollten wie Busse und Züge. "Aber das ist mir den Wirbel nicht wert. Wichtig ist jetzt, dass die Grenzen offenbleiben und wir ausreichend Mitarbeiter finden. In den Gletscherskigebieten geht die Saison in ein paar Tagen los."

"Viele Gäste haben den Urlaub, den sie letztes Jahr machen wollten, auf heuer verschoben." - Florian Phleps Tirol Werbung

Wer den 3G-Status der Wintersportler kontrollieren soll, ist indes noch nicht abschließend geklärt. Der Ticketschalter wäre an sich ein geeignetes Umfeld. Aber was ist, wenn ein Ungeimpfter einen Wochenskipass möchte, sein Test aber nur zwei Tage lang gilt? An einer Lösung dieses Dilemmas werde gearbeitet, heißt es im zuständigen Ministerium.

Manches wirkt schon wie in der guten alten Zeit. Wer derzeit etwa in Obertauern ein Zimmer für die Weihnachtswoche (25. Dezember bis 1. Jänner) sucht, bekommt auf booking.com nur zwei Angebote, beide sehr teuer. "97 Prozent der Unterkünfte sind an Ihren Reisedaten auf unserer Seite nicht verfügbar", heißt es. Eine Nachfrage in Obertauern relativiert diese Auskunft allerdings: Wahrscheinlich haben viele Betriebe nur einen Teil ihres Angebots im Internet freigegeben", meint Lisa Walcher vom örtlichen Tourismusverband. Für Weihnachten sei die Nachfrage recht erfreulich, aber längst nicht so gut wie vor der Pandemie. "Wir hoffen noch auf kurzfristige Buchungen", sagt Walcher. Um einstigen Stammgästen das Skifahren wieder schmackhaft zu machen, bietet Obertauern ein Package unter dem Titel "Take me back on ski". Dahinter steht die wohlbegründete Befürchtung, dass manch ein Gast die lange Pause zum Anlass nehmen könnte, mit dem Wintersport überhaupt aufzuhören. Viele heimische Fitnesscenter machen derzeit eine ähnliche Erfahrung.

Hoteliers berichten, dass es selten so schwierig war, die Saison zu planen, wie heuer. Ohne großzügige Stornoregeln-am besten gratis bis kurz vor der Anreise-könne man nicht mehr arbeiten. Aber was, wenn in der Hochsaison dann plötzlich reihenweise Absagen kommen und die Unterkünfte leer bleiben? Reicht es, den Gästen Corona-Schnelltests im Haus anzubieten, oder werden irgendwann nur noch PCR-Tests gültig sein? Soll man mit umfassender Gesundheitsvorsorge werben, oder hätten die Urlauber gerne etwas Pause von der leidigen Causa prima? Dazu kommt ein massiver Personalmangel, den die Pandemie deutlich verschärfte.

"Die Vermarktung würde noch besser funktionieren, wenn wir den Gästen ganz klar sagen könnten, welche Regeln im Winter in Österreich gelten", sagt Andrea Hansal, Sprecherin des Verkehrsbüros. Der geltende Corona-Stufenplan mache die Urlaubsplanung unnötig kompliziert, findet sie. "Woher soll zum Beispiel ein Niederländer wissen, wie viele Intensivbetten in Österreich belegt sind?" Aber sie würdigt das Bemühen, die Wintersaison auf jeden Fall stattfinden zu lassen. Und der Aufwärtstrend sei klar erkennbar, meint Hansal: "Bei den Buchungen für die Ferienwochen erreichen wir immerhin schon 50 bis 75 Prozent der Saison vor Corona." Wenn nicht zu viele Gäste kurz vor der Anreise wieder absagen, könnte es ein erfolgreicher Neubeginn werden.

"Es herrscht derzeit eine unterhaltungs feindliche Grundstimmung."`- Matthias Winkler, Hotel Sacher

Niemand möchte im Urlaub krank werden. Aber die wenigsten wollen einen Urlaub, in dem sich alles nur darum dreht, nicht krank zu werden. Das ist, etwas vereinfacht, das Dilemma, vor dem die Freizeitwirtschaft derzeit steht. Dass man es mit den Sicherheitsvorkehrungen auch übertreiben kann, zeigt sich derzeit weit entfernt von Skibergen und Schneebars, in den Wiener Theatern. Burgtheater, Josefstadt und andere Häuser klagen über eine viel zu geringe Auslastung; mitunter bleibt fast die Hälfte der Plätze leer. Über die Gründe lasse sich mangels systematischer Erhebung nur spekulieren, schrieb die Austria Presse Agentur jüngst. "Es dürfte sich wohl um ein Zusammenspiel aus Abneigung gegen Masken (die in Wien auch am Sitzplatz getragen werden müssen, Anm.) und Abschreckung durch die 3G-Regel handeln."

Matthias Winkler, Geschäftsführer der Hotel-Sacher-Gruppe, hat noch eine weitere Theorie, warum die Theater halb leer bleiben: "Ich glaube, die Menschen müssen erst wieder in einen gewissen Flow kommen. Derzeit herrscht noch eine unterhaltungsfeindliche Grundstimmung. Aber das wird sich ändern." Als Stadthotelier in Wien und Salzburg braucht Winkler noch mehr Geduld als die Kollegen in den Skigebieten. Sein Geschäft wird auch in der kommenden Wintersaison weit hinter den glorreichen Zeiten vor Corona zurückbleiben. "Wir werden wohl erst 2024 wieder da sein, wo wir waren", meint der Hotelier. "Für dieses Jahr rechnen wir insgesamt mit einem Minus von 75 Prozent im Vergleich zu 2019."


Das Hauptproblem des Städtetourismus ist ein Umstand, auf den man früher besonders stolz war: die Internationalität der Gäste. In vielen Skigebieten beschränkt sich die Zielgruppe im Wesentlichen auf Deutsche, Niederländer und Österreicher, in den Städten kommt die Kundschaft von überall her. Leider ist die Welt kleiner geworden. "US-Amerikaner fliegen derzeit eher nicht nach Europa, auch Gäste aus Asien und dem arabischen Raum gibt es kaum. Das heißt, 50 bis 60 Prozent unserer Zielgruppe sind gar nicht nach Übersee unterwegs, reisen nur innerhalb ihres Kontinents", resümiert Matthias Winkler.

Für Geimpfte sei die Pandemie vorbei, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz vor ein paar Wochen. Aber das stimmt nicht ganz: Um unbeschwert in Österreich Urlaub zu machen, muss es auch der richtige Impfstoff sein. Das russische Vakzin Sputnik und Sinovac aus China werden in Österreich nicht anerkannt. Wer damit behandelt wurde, gilt als ungeimpft und muss dauernd testen gehen. "Das betrifft unter anderem Gäste aus Russland, aus Asien und aus den arabischen Emiraten. Das ist ein zusätzliches Hindernis für den Tourismus, für das wir dringend eine Lösung bräuchten", sagt Michaela Reitterer, Präsidentin der österreichischen Hoteliervereinigung.

Ein Winter wie damals wird es, trotz aller Bemühungen, nicht werden. Das zeigt sich auch an Details: Vor Kurzem gab der "Stanglwirt" in Going bei Kitzbühel bekannt, dass die legendäre Weißwurstparty vor dem Hahnenkammrennen auch im kommenden Jänner ausfallen wird. "Wir möchten niemanden aufgrund vorgegebener Restriktionen von den Feierlichkeiten ausschließen müssen. Das wäre nicht im Sinne unserer Philosophie", hieß es in der Aussendung. Erst 2023 soll die Sause wieder stattfinden. Versprochen wird ein "umso fulminanteres Comeback".

 

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