TU Wien: Die Universität steht wegen offener Rechnungen vor Gericht

Weil sie die Rechnungen für ihr IT-System nicht bezahlt hat, steht die Technische Universität Wien nun vor Gericht. Es geht um fast fünf Millionen Euro.

Der Rausschmiss war nicht zimperlich: Als die Mitarbeiter des Softwareunternehmens RISE an einem Donnerstagnachmittag vergangenen Juli nach der Pause an ihre Schreibtische in der Technischen Universität Wien zurückkehrten, wurden sie von einer Gruppe Sicherheitsmänner empfangen. „Sie müssen den Raum verlassen und dürfen nichts mitnehmen“, lautete deren Anweisung. Private Laptops wurden ebenso beschlagnahmt wie Unterlagen und Rucksäcke. Erst am darauffolgenden Montag bekamen die IT-Mitarbeiter ihre persönlichen Sachen zurück.

Die so unsanft entfernten Softwarespezialisten sind Angestellte des IT-Unternehmens RISE, das seit 2007 den zentralen Informatikdienst der TU betreute und die Software dafür entwickelte. Das Computersystem koordiniert und verwaltet Lehrpläne, Zeugnisse, Studienausweise und Forschungsprojekte von 27.000 Studierenden und 5000 Mitarbeitern der Uni. RISE ist ein Spin-Off der TU und gehört dem Informatikprofessor Thomas Grechenig. Weil die Universität seit Anfang 2012 ihre Rechnungen nicht bezahlt hat, steht man sich nun vor Gericht gegenüber. Die TU ist dem Unternehmen 4,68 Millionen Euro schuldig.

Die TU erwirtschaftete zuletzt ein Minus von knapp 17 Millionen Euro . Hauptsächlich die von den Wissenschaftern gesammelten Fördergelder – 2012 waren es 60 Millionen Euro – halten die traditionsreiche Hochschule über Wasser. Rektorin Sabine Seidler will profil gegenüber nicht sagen, ob die Schulden der Grund für die unbezahlten Rechnungen sind: „Die TU Wien nimmt zum laufenden Verfahren mit der RISE GmbH keine Stellung“, lässt sie über ihre Sprecherin ausrichten. Auch der Uniratsvorsitzende Veit Sorger will sich in der Sache nicht äußern.

Die Zusammenarbeit mit RISE geht auf Seidlers Vorgänger Peter Skalicky zurück, der den seit Jahren an der TU lehrenden Informatikprofessor Grechenig 2007 mit der Modernisierung des völlig veralteten IT-Systems beauftragte. Der Rektor wandte sich an einen ausgewiesenen Experten: RISE, das mittlerweile 300 Mitarbeiter beschäftigt, entwickelte unter anderem die Software für die e-Card, für die Online-Tickets der ÖBB und für das IT-System des Wiener Flughafens.

Im Frühjahr vergangenen Jahres wandte sich der technische Leiter von RISE, Franz Schönbauer, in einem Schreiben an den Unirat: „Die von RISE erbrachten Leistungen wurden zu einem extrem niedrigen Satz an die TU weitergereicht. Als Gegenleistung ist damals (2007) vereinbart worden, dass RISE das intellektuelle Eigentum der erstellten Software und der Gesamtarchitektur behält. Die TU benutzt heute im Betrieb Systeme der RISE, für die sie dem Unternehmen noch 4,68 Millionen Euro schuldet.“ Es gäbe großes Interesse anderer europäischer Unis an der Software, heißt es in dem Schreiben weiter. „Dazu bietet RISE seit Jahren an, die TU Wien an Vertriebserlösen aus der Software zu beteiligen und die im Projekt entstandenen Rechte in eine gemeinsame Gesellschaft einzubringen.“ Zu einer Einigung kam es nie. Im Sommer machte die Uni RISE ein finales Angebot: eine Million Euro für die Rechte am IT-System. RISE lehnte ab, der Rauswurf der Mitarbeiter folgte. Im September klagte das Softwareunternehmen auf Unterlassung. Das Verfahren läuft noch, in zwei Wochen ist die nächste Verhandlung.

Ende Oktober kam die Retourkutsche: Drei Wochen nach Semesterbeginn sagte die Uni neun Lehrveranstaltungen ab, alle wurden von Assistenten Grechenigs geleitet. Betroffen sind 650 Studierende, die zum Teil bereits Hausarbeiten geschrieben hatten, sowie 25 Tutoren. Grechenigs Assistenten halten die Seminare trotzdem, die Tutoren bezahlt der Professor aus eigener Tasche. Zu Semesterende werden sie Kollegen bitten müssen, die Zeugnisse auszustellen.

Trotz allem wäre RISE noch immer jederzeit für eine gemeinsame Lösung bereit, sagt der technische Leiter Franz Schönbauer: „Wir haben kein Interesse daran, die TU zu blockieren.“

Mittlerweile bekamen alle Studienanfänger das IT-Chaos zu spüren. Weil der Uni nun das Know-how für die intelligenten Studienausweiskarten der RISE fehlt – sie waren Bibliotheksausweis, Zutrittskarte und Mensazahlungsmittel zugleich –, kehrte sie kurzfristig zu den alten orangefarbenen Papierausweisen zurück. Nach Protesten der Studienabteilung bestellte die TU neue Karten bei einem externen Unternehmen. Diese haben allerdings einen entscheidenden Mangel: Sie lassen sich nicht, wie die alten, automatisch verlängern. Entweder, die Uni verschickt jedes Semester neue Ausweise, oder sie greift auf das altbewährte Studentenpickerl zurück.