Wassermangel: Wie Marokko mit Meerwasser die Bevölkerung versorgen will
Der Klimawandel lässt Länder austrocknen und Brunnen versiegen. Marokko baut Entsalzungsanlagen und will damit schon in wenigen Jahren 60 Prozent der Bevölkerung versorgen. Funktioniert so Anpassung?
Manchmal ist es im Leben wie in der Bibel. Sieben Jahre lang plagte Marokko eine Dürre. Die Staudämme leerten sich, Oasen trockneten aus, die Anspannung wuchs. Raschid lebt mit seiner Familie in einer dieser Oasen. Die mächtigen Palmen trocknen vor sich hin, viele Wedel sind braun. Das Wasser, das früher von selbst aus dem Boden kam, wird heute aus großer Tiefe nach oben gepumpt. Doch an diesem Tag ist Raschid guter Dinge. „Heute Abend soll es regnen, inschallah“, sagt er.
Die Freude nach den ersten Tropfen ist unglaublich. In Marokko werden die Pegel der Staudämme beobachtet wie andernorts die Füllstände der Gasspeicher während der Energiekrise. Der regenreiche Winter beendet derzeit die lange Dürre und nährt die Hoffnung auf die nächste Ernte und Trinkwasser. Doch allen ist klar: Diese Regenphase ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Früher sprudelte das Wasser aus der Erde, jetzt wird, das was bleibt, mit großer Mühe aus der Tiefe hinaufgepumpt.
In Raschids Oase vertrocknen die Palmen
Früher sprudelte das Wasser aus der Erde, jetzt wird das was bleibt mit großer Mühe aus der Tiefe hinaufgepumpt.
Aufgrund des Wasserstresses der Dürrejahre musste die marokkanische Regierung nach Lösungen für das Wasserproblem suchen. Neben neuen Staudämmen und Wassertrassen, die den regenreichen Norden mit dem trockenen Süden verbinden sollen, investiert Marokko massiv in Entsalzungsanlagen. Neun größere sind bereits in Betrieb, 13 weitere geplant – darunter die größte Afrikas in Casablanca. Die Küstenstädte sollen so versorgt werden, das nimmt den Druck von den Staudämmen, die dann das Landesinnere versorgen. Auch österreichische Firmen sind an den großen Plänen beteiligt. Doch reicht das aus? Kann so eine nachhaltige Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels aussehen? Und funktioniert das in einem Land, in dem die Landwirtschaft ein strategischer Exportzweig und großer Wasserverbraucher ist?
Noch ist es eine Baustelle, Kräne reihen sich aneinander am Rande des Meers. 40 Kilometer südlich von Casablanca entsteht ein zentraler Baustein zur Lösung eines nationalen Problems. Hier wird Afrikas größte Entsalzungsanlage gebaut. In zwei Jahren soll sie die Metropole und die umliegende Region mit mehr als sieben Millionen Menschen versorgen. Geplant ist die Aufbereitung von 300 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr: 250 Millionen als Trinkwasser, 50 Millionen für die Landwirtschaft, und das alles mit Strom aus Windkraft.
Das Projekt hat politische Bedeutung und hohen Symbolwert. Der Bau und der Betrieb liegen bei der Al Baidaa Desalination Company (ADEC). Das Unternehmen gehört je zur Hälfte dem spanischen Konzern Acciona sowie zwei marokkanischen Firmen: Green Africa hält 45 Prozent, Afriquia Gaz fünf Prozent. Das Vorhaben wird als Public-Private-Partnership gemeinsam mit dem staatlichen Wasserinstitut in Marokko umgesetzt, finanziert wird es über Kredite spanischer, französischer und marokkanischer Banken. Die Kosten für die Entsalzungsanlage belaufen sich auf 6,5 Milliarden marokkanische Dirham, umgerechnet rund 613 Millionen Euro.
Das ist beeindruckend, das Projekt hat jedoch auch einen politökonomischen Beigeschmack. Die beiden marokkanischen Unternehmen sind Teil der Akwa-Gruppe, die dem Premierminister Aziz Akhannouch gehört. Dieser Interessenkonflikt wurde lautstark kritisiert. Er ist auch bei Weitem nicht der erste der derzeitigen Regierung, die als besonders wirtschaftsnahe gilt. Akhannouch stand im Zentrum der landesweiten Proteste der Gen-Z und ist der zweitreichste Mann des Landes nach König Mohammed VI. Er wies die Vorwürfe in Interviews zurück. Die Ausschreibung sei, so seine Darstellung, „in voller Transparenz und unter Einhaltung des Gesetzes“ erfolgt. Nationale und internationale Unternehmen seien beteiligt gewesen. Den Zuschlag habe das Angebot mit dem „weltweit besten Preis“ erhalten.
Landesweit sind derzeit bereits drei Anlagen in Betrieb, drei weitere – und weitaus größere – sind in Bau, und mancherorts gibt es kleine mobile Entsalzungsanlagen. Auch der staatliche Phosphatkonzern OCP, der verantwortlich ist für ein Viertel der Exporte des Landes, betreibt eine eigene Entsalzungsanlage. Als sich die Wasserkrise vor zwei Jahren zuspitzte, forderte der König das Unternehmen kurzerhand auf, nicht vorrangig seine Anlagen zu versorgen, sondern Trinkwasser für die Bevölkerung bereitzustellen, berichteten marokkanische Medien. Seitdem beliefern die Anlagen des Phosphatkonzerns drei kleinere Städte mit Wasser. Auch in der Westsahara, auf die Marokko Anspruch erhebt und in die es massiv investiert, sind bereits mehrere Anlagen in Betrieb und weitere in Bau.
Rudolf Edlinger, CEO von Aqua Engineering in der Steiermark, arbeitet seit mehr als dreißig Jahren an Entsalzungsprojekten.
Auch österreichische Unternehmen vertreten
Rudolf Edlinger, CEO von Aqua Engineering in der Steiermark, arbeitet seit mehr als dreißig Jahren an Entsalzungsprojekten.
Österreichische Firmen entsalzen auch
In der Tourismusmetropole Marrakesch am Rand der Wüste ist der Wassermangel nicht mehr zu übersehen. Ausgerechnet hier findet die weltweite Wasserkonferenz statt, bei der zahlreiche Länder diskutieren, wie sie in Zeiten des Klimawandels mit der Ressource Wasser umgehen. Zwischen luxuriösen Hotelanlagen mit riesigen Pools verdorren die Palmengärten der Stadt. Auf den Bauzäunen dazwischen kündigen Hochglanz-Renderings neue Projekte an: noch größere Resorts, noch mehr Pools. Das erinnert in seiner Absurdität an die weißen Skipistenbänder in grüner Landschaft.
Unter den Teilnehmern der Konferenz finden sich Marokkos Wasserminister Nizar Baraka und sein chinesischer Amtskollege Li Guoyin. Das wirkt auf den ersten Blick überraschend, folgt aber einer außenpolitischen und wirtschaftlichen Logik. China investiert seit Jahren massiv in Marokko, baut große Teile der neuen Schnellzuglinie – und engagiert sich zunehmend auch im Bereich der Wassertechnologie.
Neben den großen geopolitischen Akteuren sind auch kleinere Länder vertreten. Etwa Österreich. Die steirische Firma Aqua Engineering aus Stainz ist seit über 30 Jahren im Geschäft mit Entsalzungsanlagen tätig. „Unsere Anlage am Persischen Golf läuft seit fast 35 Jahren“, sagt Geschäftsführer Rudolf Edlinger. „Damals haben Kritiker gewarnt, der Golf würde zu einem toten Meer. Wenn man heute den Salzgehalt misst, ist er praktisch unverändert.“
Doch durch den Klimawandel arbeiten sie zunehmend auch an Projekten in Nordafrika und der Mittelmeerregion. „In Marokko führen wir gerade intensive Gespräche wegen eines Projekts in Laayoune, in der Westsahara, durch.“ Das Land hat aus Edlingers Sicht relativ früh auf den Wassermangel reagiert. Alles steht und fällt mit den Kosten pro Liter. Ein Kubikmeter kostet 50 Cent bei sehr großen Anlagen, bei den meisten Anlagen kommt ein Kubikmeter aber auf rund einen Euro. Ein wesentlicher Faktor sind dabei die Energiekosten. Die Anlage in Casablanca plant, mit grünen Energiequellen 45 Cent zu schaffen. „Für die Landwirtschaft ist es bei diesem Preis nicht rentabel. Durch die Entsalzung können wir aber den Druck auf die Ressourcen verringern und den Verteilkampf abschwächen.“ Die bevölkerungsreichen Küstenstädte setzen auf entsalztes Wasser, das Wasser der Staudämme und des Regens bleibt für die Bevölkerung und die Landwirtschaft im Landesinneren – so die Pläne.
„Das Wichtigste ist aber ein bewusster Umgang“, sagt Wasserexperte Said Rhouzlane, der in Kanada und Marokko zu dem Thema forscht. Er beriet auch die marokkanische Regierung bei der Wasserstrategie des Landes. „Es ist wirklich viel passiert in den letzten Jahren. Es wird Regenwasser besser gesammelt, Wolken das Wasser entzogen und Wasser entsalzt. Damit das aber etwas bringt, müssen die Menschen auch gut mit dem Wasser umgehen.“ Das ist der nächste Schritt.
Wir bauen Tomaten, Avocados und andere Exportprodukte an und liefern sie nach Europa. Auch hier müssen wir umdenken. Derzeit wird angebaut bis zum letzten Tropfen.
Mohammed Takka
über die marokkanische Landwirtschaft
Knackpunkt Landwirtschaft
Hier auf der Konferenz in Marrakesch wirkt das Wasserproblem zumindest auf dem Papier lösbar. Marokko verfügt über 156 Staudämme, zahlreiche Wasserinfrastrukturprojekte sind in Bau, der politische Wille ist spürbar. Doch nicht alle Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer sind so optimistisch.
Skeptisch ist etwa Mohammed Takka, Chemieprofessor in Kénitra in Marokko. Für ihn ist Wasser die zentrale Zukunftsfrage des Landes. „Wir sind ein landwirtschaftlich geprägtes Land“, sagt er. „Wir bauen Tomaten, Avocados und andere Exportprodukte an und liefern sie nach Europa. Auch hier müssen wir umdenken. Derzeit wird angebaut bis zum letzten Tropfen.“
Genau hier liegt eines der Kernprobleme. Marokko hat in den vergangenen Jahren den Anbau von Avocados und Beeren stark ausgeweitet – Kulturen, die sich zu guten Preisen exportieren lassen. Das schafft Arbeitsplätze und gilt als Modell für ländliche Entwicklung in Marokko. Kritiker bezweifeln zwar, ob davon tatsächlich die breite Bevölkerung profitiert oder vor allem einige wenige große Agrarunternehmen. Unbestritten ist aber: Die Armut ist in vielen ländlichen Regionen zurückgegangen – anders als in vielen anderen Ländern. Doch dieser Fortschritt gerät durch den zunehmenden Wassermangel ins Wanken. Zudem lebt das Land stark vom Tourismus. Große Hotelanlagen mit Pools entstehen, während der überwiegende Teil der lokalen Bevölkerung nur einen Bruchteil des verfügbaren Wassers verbraucht.
Ein regenreicher Winter beendet derzeit die Dürrezeit.
In Marokko folgte auf die sieben Jahre Dürre ein regenreicher Winter, auch mit Überschwemmungen in Teilen des Landes. Trotzdem überwiegt bei vielen zuerst einmal die Erleichterung. Lebensmittel waren durch die Dürre immer teurer geworden, vor allem Fleisch. Ein Schaf kostete im Vorjahr mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt. Zum Opferfest rief König Mohammed VI. daher seine Untertanen dazu auf, heuer kein Schaf zu schlachten, sondern opferte symbolisch ein Tier für alle. Das ist, als würde Bundespräsident Alexander Van der Bellen dazu aufrufen, keinen Christbaum zu kaufen, und stattdessen er einen Christbaum für alle Menschen in Österreich schmücken.
Experten weisen darauf hin, dass die Grundwasserstände weiterhin sehr niedrig sind und der Trockenstress der letzten Jahre nicht so schnell ausgeglichen werden kann. Sie sprechen von einem „Aufatmen“, aber um aus dem Trockenstress zu kommen, braucht es mehrere nasse Jahre. Für Raschid in der Oase gilt erst einmal: „Die Ernten der letzten Jahre waren eine Katastrophe, viele junge Menschen sind weggezogen.“ Die Dürre hat den ganzen Ort verändert. Für dieses Jahr schöpft er Hoffnung und hat vor, am Ende des Ramadans wieder ein Schaf zu schlachten.
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Clara Peterlik
ist seit Juni 2022 in der profil-Wirtschaftsredaktion. Davor war sie bei Bloomberg und Ö1.