Georg Knill

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Wirtschaft
07/22/2022

„Wir müssen schauen, wie wir den Wohlstand in Europa schützen“

Lieferstopp, Gasknappheit und die Ängste der Industrie. profil hat mit dem Präsidenten der Industriellenvereinigung Georg Knill gesprochen.

von Clara Peterlik

Georg Knills Welt dreht sich schon seit Langem um das Thema Energie. „We energize the world“ ist ein Werbespruch der Knill-Gruppe. Sie stellt Ausrüstung für Hochspannungsleitungen, Umspannwerke und Schaltschränke her. Gleichzeitig ist der 49-Jährige seit zwei Jahren Chef der Industriellenvereinigung. In den vergangenen Monaten hat er sich mit Kritik an der Regierung bei der möglichen Gasknappheit nicht zurückgehalten. 

profil: Die OMV hat angekündigt, dass sie sich zusätzliche Pipelinekapazitäten gesichert hat, etwa die Hälfte des österreichischen Jahresgasverbrauchs. Laut Klimaministerin Gewessler soll das auch hier verbraucht und gespeichert werden. Ist damit die Gasknappheit zu Ende?  
Knill: Nein, aber es ist ein smarter und wichtiger Zug der OMV. Meine Interpretation ist, dass sich die OMV aus Eigeninitiative und aus marktwirtschaftlicher Verantwortung nach alternativen Produktionsquellen umgeschaut hat. Noch besser wäre es, wenn das ein gesamtstaatlicher Vorgang gewesen wäre.  

profil: Aber was ändern diese zusätzlichen 40 Terawattstunden? 
Knill: Es heißt, der Winter ist vorläufig gesichert, das ist eine gute Nachricht. Dennoch deckt die OMV nur einen Teil des Gasmarktes ab – sie betreibt etwa nur ein Viertel der heimischen Gasspeicher. Was ist mit den anderen Akteuren am Markt?  Unsere Zielsetzung muss klar sein: Was sind die nächsten Schritte? Wir müssen stärker alternative Gasquellen erschließen, denn wir brauchen nicht nur Gas für diesen Winter, sondern für die nächsten Jahre. Zum Beispiel norwegisches Gas oder LNG (Flüssigerdgas), das über italienische oder kroatische Häfen zu uns kommt. Es geht uns ganz klar um die Perspektive nach dem Winter. Da gibt es in Deutschland viel konkretere Maßnahmen. 

profil: Der deutsche Minister Habeck hat diese Woche auch die Diskussion in Österreich ins Rollen gebracht, ob bei einem möglichen Gaslieferstopp immer Privathaushalte Vorrang haben sollten oder auch die Industrie. 
Knill: Da ist sicherlich eine Diskussion in Bewegung gekommen. Es ist schon interessant, dass der deutsche Wirtschaftsminister in Österreich da den Anstoß geben muss. So viel zum Thema Krisenkommunikation.

profil: Er ist dann aber zurückgerudert, und die deutsche  Bundesnetzagentur hat klargestellt, dass die europäische Rechtslage vorsehe, private Haushalte bis zum Ende zu schützen. 
Knill: Ich sage, es müssen alle einen Beitrag leisten, nicht nur die Industrie. Und was jetzt notwendig wäre, ist eine offene und ehrliche Diskussion – ist es wichtiger, dass die Wohnung warm ist oder der Arbeitsplatz gesichert. Wir müssen schauen, wie wir die Wirtschaft und den Wohlstand in Europa schützen. 

profil: Vor einer Woche hat Klimaministerin Leonore Gewessler angekündigt, dass Unternehmen, wenn möglich, von Gas auf Öl umrüsten sollen. Wie schnell kann das funktionieren? 
Knill: Punktuell, würde ich sagen, gelingt es bei etwa fünf Prozent der Unternehmen mit einer Übergangszeit von Wochen und Monaten. Vielerorts ist allerdings kein Umstieg von gasbetriebenen Anlagen auf andere Energieformen möglich.  

profil: Wir haben mit einigen Unternehmen gesprochen. Diese haben den Kontakt mit der Regierung sehr unterschiedlich beschrieben. Wie sehen Sie die Krisenkommunikation? 
Knill: Es wird meist der Status quo, die in Umsetzung befindlichen Maßnahmen, kommuniziert. Wir bräuchten eine offene Kommunikation mit Szenarien, die zeigen, was in welchem Fall passiert: Wir haben diesen und jenen Füllstand. Das heißt, Betriebe in diesen und jenen Bereichen können noch so viel Prozent verbrauchen. Es ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten, aber eine wichtige. 

profil: Aber die über 30 Unternehmen, die nicht systemrelevante Gasgroßabnehmer sind und daher von der Energielenkung (Rationierung) als Erstes betroffen wären, wurden benachrichtigt und stehen im Austausch? 
Knill: Mit den Großverbrauchern steht die E-Control als Ansprechpartner im Austausch – die gefühlte Einbindung wird von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich bewertet. Aber die breite Masse der 7000 Unternehmen, die laut Plan in einem zweiten Schritt ihren Energieverbrauch einschränken müsste, hat nur bedingt Informationen erhalten. Es ist ein massiver Informationsbedarf vorhanden, auch welche Kriterien im Notfall gelten. Es gibt zwar Kriterien, aber sie sind nicht spezifisch. Es ist ein Mutmaßen.