Die Wurscht-Produzenten: Ein Rückblick auf das Börsenjahr 2016

Die Wurscht-Produzenten: Ein Rückblick auf das Börsenjahr 2016

Die Briten stimmten sich aus der EU hinaus, die Amerikaner schickten einen polternden Isolationisten ins Weiße Haus – und die Italiener ihren Premier ins Ausgedinge. Nur die Aktienmärkte blieben davon völlig unbeeindruckt. Zynisch? Nein, meint Michael Nikbakhsh: So funktioniert Börse.

Sagen wir, 2016 war ein durch und durch unaufregendes Jahr. Eines, an das man sich bald nicht mehr erinnern wird – weil nichts vorfiel, das die Aktienkurse ernsthaft beeinflusst hätte. Und an diesen lässt sich bekanntlich die Verfasstheit des globalisierten Wirtschaftssystems ablesen.


Wäre 2016 ganz im Gegenteil ein aufregendes Jahr gewesen, stünden die wichtigen Indikatoren der wichtigen und weniger wichtigen Börsen weltweit doch gewiss nicht da, wo sie derzeit stehen. Der New Yorker Dow Jones Industrial Average etwa: Die Mutter aller Aktienindices hielt zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe bei etwa 19.800 Punkten. Zu Jahresbeginn waren es 17.400 Punkte gewesen – ergibt ein Plus von rund 14 Prozent. Oder der FTSE 100, der Leitindex der Londoner Börse: elf Prozent plus in zwölf Monaten. Oder der Deutsche Aktienindex, kurz DAX: fünf Prozent plus. Der japanische Nikkei: ein Prozent plus. Der französische CAC 40: drei Prozent plus. Der österreichische ATX: neun Prozent plus. Und obenauf: der MSCI World, ein Index, der die Kursentwicklungen in gleich 23 Staaten verdichtet: rund zehn Prozent plus in diesem Jahr. Die Liste ließe sich erweitern, ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn. Denn mit wenigen Ausnahmen käme für 2016 stets ein Plus heraus.

Sagen wir also, 2016 war ein gutes Jahr für Aktien. Oder für Menschen, die mit Aktien handeln. Oder für Menschen, die Computer programmieren, die mit Aktien handeln.

Moment, da war doch was. Am 23. Juni zum Beispiel stimmten die Briten mehrheitlich und überraschend für den Austritt aus der Europäischen Union. Brexit: ein flottes Akronym für ein historisches Plebiszit, das vor allem eines nährte – Verunsicherung. Und die ist eigentlich Gift für Wertpapiere, Aktien zumal. Anleger haben es gern berechenbar, heißt es. Was also machten die Kurse der 100 im FTSE-Index zusammengefassten Unternehmenstitel im Jahresverlauf 2016? Sie stiegen überwiegend. Nehmen wir nur die drei wichtigsten Aktien der London Stock Exchange: HSBC, eine Bank – plus 23 Prozent; der Mineralölkonzern BP – plus 37 Prozent; der Tabakhersteller British American Tobacco – plus 16 Prozent.

Oder: Am 8. November dieses Jahres wählten die Amerikaner ihren 45. Präsidenten. Donald Trump. Ein polternder Nationalist, der durch den eigenen Wahlkampf irrlichterte. Wirtschaftspolitik? Make America Great Again! Wie? Build a wall! Nun ja. Trumps Wahl nährte zunächst einmal eines: Verunsicherung. Und was machten die Kurse der 30 Aktien, die der Berechnung des Dow Jones zugrunde liegen? Sie stiegen überwiegend. Apple: plus acht Prozent seit Jahresbeginn 2016. Microsoft: plus zwölf Prozent. Exxon Mobil: plus 17 Prozent.


Die Welt um uns herum ist in Unordnung. (...) Und doch taten jene, die mit Aktien handeln, so, als sei 2016 ein durch und durch unaufregendes Jahr gewesen. Sie kauften munter. Aber warum?

An dieser Stelle sollte es dann auch nicht weiter überraschen, dass der Rücktritt von Italiens Premier Matteo Renzi im Gefolge des gescheiterten Verfassungsreferendums am 4. Dezember dieses Jahres an den Aktienmärkten nichts mehr anstieß – obschon ein Regierungswechsel in einer der größten Volkswirtschaften der EU, die schwer an ihren Schulden trägt und obendrein an einer hartnäckigen Bankenkrise laboriert, vor allem eines nährt: Verunsicherung.

Die Welt um uns herum ist in Unordnung. Staatsschulden, Arbeitslosigkeit, Konjunktur, Banken, Eurozone, Verteilungsdebatten, soziale Spannungen, Populismus, Nationalismus, Protektionismus, der Krieg in Syrien, Flüchtlinge, Russland-Sanktionen, Brexit, Trump, die chinesische Immobilien- und Privatschuldenblase – mit einem Wort: Verunsicherung. Und doch taten jene, die mit Aktien handeln, so, als sei 2016 ein durch und durch unaufregendes Jahr gewesen. Sie kauften munter. Aber warum?

Da wäre einmal das allgemeine Zinsniveau: international null oder nahe null. Die Europäische Zentralbank pumpt Milliarde um Milliarde in den Markt und kauft unverdrossen Staats- und Unternehmensschulden auf. Die Renditen deutscher Staatsanleihen zum Beispiel waren 2016 zeitweilig bereits im Minus, also nicht besonders attraktiv. Auch die Verzinsung österreichischer Papiere verlangt Investoren mittlerweile Genügsamkeit ab. Wer mehr sehen will, muss mehr Risiko nehmen, also auf Schuldner schlechterer Bonität ausweichen. Oder er kauft eben vermehrt Aktien.

Vor allem aber ist aus Sicht derer, die am Aktienhandel teilnehmen (Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Fonds aller Art, mit großem Abstand Privatanleger), 2016 nicht viel passiert – jedenfalls nichts, was eine großräumige und nachhaltige Flucht aus Unternehmenswerten legitimiert hätte. Man könnte auch sagen: Dem Kapital waren die politischen Umwälzungen des Jahres 2016 ziemlich wurscht. Gewiss, das britische Referendum, Trumps Triumph, die Krise des italienischen Finanzsektors (weniger das dortige Referendum) sorgten für Verwerfungen und Verluste, wenn auch nur sehr kurzfristig. Derart heftige Ausschläge gab es in jüngerer Vergangenheit immer wieder. Nicht immer waren die Ursachen klar erkennbar. Erst im Februar dieses Jahres rasselten die Kurse nahezu weltweit kurzfristig nach unten, ehe sie rasch wieder anzogen – eine Art „Blitz-Crash“. Dafür hatte anschließend jeder eine mehr oder weniger plausible Erklärung. Ein Teil des Wertpapierhandels läuft heute übrigens vollautomatisch. Maschinen treffen Entscheidungen. Sie kaufen oder verkaufen, noch ehe Menschen eingreifen können. Und dabei passieren immer wieder seltsame Sachen. Das Börsengeschehen des 21. Jahrhunderts ist jedenfalls sehr viel hektischer geworden, „volatiler“, wie Fachleute das nennen. Deshalb sehen Indexgrafiken mittlerweile so aus wie das Elektrokardiogramm eines flimmernden Herzens. Daran müssen wir uns gewöhnen.

Und gerade weil dieses System immer schneller pulsiert, ist zum Beispiel der Brexit vor allem eines: weit weg. Auch Monate nach dem Referendum ist nicht annähernd klar, wie und wann der Austritt der Briten erfolgen wird. Geht es nach einem vor wenigen Wochen ergangenen Urteil des Londoner High Court, muss die neue Premierministerin Theresa May überhaupt erst die Zustimmung des Unterhauses einholen, was May aber partout nicht will. Was auch immer am Ende herauskommt – Jahre werden vergehen, ehe Großbritannien den EU-Austritt vollzieht, wenn es überhaupt passiert. Und selbst dann wird an die Stelle der EU-Mitgliedschaft ein Vertragswerk treten, das die Beziehungen der Briten zu Europa neu definiert. Die Insel wird also eher nicht in die wirtschaftspolitische Steinzeit zurückfallen.

Wird HSBC weitere Aktien zurückkaufen? Wird das Bankmanagement eingedenk der Verluste im dritten Quartal die Dividende halten können? Was bedeutet die geplante Drosselung der Ölförderung für die Ergebnisse von BP? Das sind Fragen, die sich Anlegern derzeit aufdrängen. Oder auch: Wie wird das Weihnachtsgeschäft für Apple? Für Amazon? Bekommt Samsung seine Akku-Probleme in den Griff? Wie manövriert sich Volkswagen aus dem Abgasskandal heraus? Schafft die Deutsche Bank die Wende, Raiffeisen International die Restrukturierung?


Aktienmärkte sind ausgesprochen kurzsichtig. Das nächste Quartal eines Geschäftsjahres erscheint ungleich wichtiger als das, was in zwei, drei oder zehn Jahren geschehen könnte.

Nun ist es nicht so, dass Investoren sich gar nicht für Politik interessierten. Ganz im Gegenteil: Die Zinspolitik der Notenbanksysteme in den USA, Europa und Japan ist ein entscheidender Faktor. Das gilt natürlich auch für den Auf- oder Abbau von Handelsbarrieren, Wechselkurse, Lohnabschlüsse, Arbeitsmarktdaten, Fiskalpolitik. Diese und andere „fundamentals“ fließen in Veranlagungsentscheidungen ein. Und doch: Aktienmärkte sind ausgesprochen kurzsichtig. Das nächste Quartal eines Geschäftsjahres erscheint ungleich wichtiger als das, was in zwei, drei oder zehn Jahren geschehen könnte. Im sogenannten Hochfrequenzhandel, einer der erratischsten Ausprägungen des Wertpapiergeschäfts, geht es überhaupt nur mehr um Augenblicke. Zugleich ist er eines der unschöneren Beispiele dafür, wie sehr das Börsengeschehen sich mittlerweile von der Realität entfernt hat.

Donald Trump? Seine bisherigen Auftritte und Ausritte legen vielleicht die Vermutung nahe, dass er nicht ganz richtig tickt. Einerseits. Andererseits trifft er fortlaufend Personalentscheidungen, die ihn schon jetzt zum Darling der Börse machen. In Trumps zukünftiger Regierungsmannschaft werden drei, sehr wahrscheinlich vier Herren mit Vergangenheit in der US-Investmentbank Goldman Sachs sitzen. Rex Tillerson, Chef des weltgrößten Enegiekonzerns Exxon Mobil, soll Außenminister werden, der Investor Wilbur Ross wird als Wirtschaftsminister gehandelt. Sie sind allesamt der Inbegriff des „Establishments“, gegen das der President-elect angetreten war. Schlecht für Trumps Glaubwürdigkeit, womöglich enttäuschend für seine Klientel – aber gut für die Wall Street. Man wird sehen, was von Trumps isolationistischen Ambitionen übrig bleibt (oder von der Idee, US-Unternehmen, die im Ausland produzieren lassen, Strafsteuern aufzubürden). So oder so: Nach der Wahl blieb der allenthalben prophezeite Schock an den Börsen aus, der Dow Jones erreichte vielmehr den höchsten Stand seiner Geschichte. Und diese geht immerhin bis 1884 zurück.

Dass das italienische Referendum, der Abgang von Premier Renzi und die damit einhergehende Ungewissheit über den künftigen Eurokurs Italiens die Aktienmärkte nicht nachhaltig beschäftigten, lag wohl hauptsächlich daran, dass das italienische Risiko – soweit überschaubar – längst in den Kursen „eingepreist“ ist, wie es im Börsenjargon heißt. Italiens Großbanken liegen darnieder. Monte dei Paschi di Siena und die Bank-Austria-Mutter UniCredit benötigen dringend frisches Kapital, um den Fortbestand zu sichern. Konsequenterweise sind ihre Aktienkurse im Jahresverlauf 2016 abgetaucht. Für das Ausrufen einer neuen Finanzkrise – und sei es nur in Europa – reichte das allein aber nicht. Die Mehrheit der Anleger geht allem Anschein nach davon aus, dass die italienischen Banken ihre Probleme lösen werden – allenfalls mithilfe des Staates, also der Steuerzahler.

Zynisch? So ist Börse. Das gilt in gewisser Weise auch für die Deutsche Bank, die ihrerseits durch die schwerste Krise ihrer Geschichte muss. Der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie fiel zwischen Jänner und September um mehr als 50 Prozent, ehe er ab Oktober wieder ordentlich anzog. Wer zum historischen Tiefstkurs von zehn Euro kaufte, konnte den Einsatz zwischenzeitlich um fast 80 Prozent erhöhen – obwohl die Schieflage der Bank mitnichten begradigt wurde.

Geht das kommendes Jahr so weiter? Nicht unwahrscheinlich. Obwohl Italien sich auf Neuwahlen einstellen muss, obwohl in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland richtungsweisende Wahlgänge anstehen – und Trump in sein erstes Amtsjahr geht. Hinzu kommt, dass die Kurse etlicher Aktien mittlerweile ziemlich überhitzt sind und die Unternehmensgewinne gerade in der Eurozone nicht in den Himmel wachsen. Und doch: Etliche Analysten erwarten ein Anhalten der „Hoffnungsrally“, durchsetzt mit wiederkehrenden, teils scharfen Korrekturen. Alles bleibt also anders.

So gesehen könnte auch 2017 ein durch und durch unaufregendes Jahr werden.