Das leise Sterben: Wie unsere Tier- und Pflanzenwelt verschwindet

Pestizide und Verbauung: Die Hauptgründe für das Tiersterben sind klar, in der Politik fehlt der Wille, etwas zu ändern.

Pestizide und Verbauung: Die Hauptgründe für das Tiersterben sind klar, in der Politik fehlt der Wille, etwas zu ändern.

Den Wildtieren Österreichs geht es denkbar schlecht. Ihre Zahl schrumpfte seit 1986 um 70 Prozent. Pflanzen sind nicht viel besser dran, ihre Vielfalt schwindet rasend schnell. Was sind die Gründe für den dramatischen Rückzug der Natur? Was werden die Folgen für den Menschen sein? Und können wir den Exitus noch aufhalten?

Der Hase ist eigentlich ein Gewinnertyp. Er kann sich vermehren wie kein anderes Tier. Die Superfötation befähigt bereits trächtige Feldhasenweibchen, sich noch einmal befruchten zu lassen. In ihrer Gebärmutter wachsen also gleichzeitig unterschiedlich alte Embryos heran -das spart Zeit und sichert Nachwuchs im Akkord. Ein Erfolgsmodell, das im Windschatten des Menschen jahrtausendelang florierte. Felder voll mit Ackerfrüchten, offenes Weideland, Brachflächen, Streuobstwiesen, lichte Wälder: Als der Mensch sesshaft wurde und eine vielfältige Kulturlandschaft schuf, folgte ihm der grazile Feldhase aus den Steppen des Nordens, fühlte sich pudelwohl -und wurde folgerichtig zum Fruchtbarkeitssymbol erklärt. 1910 kam die Wende. Die Entwicklung des Kunstdüngers beendete nach und nach die für den Hasen so wichtige Dreifelderwirtschaft. Sie räumte jeder Anbaufläche alle drei Jahre ein Ruhejahr ein und bot den Langohren Rückzugsorte zur Aufzucht der Jungen. Unkrautvernichter dezimierten später die nahrhaften Wildkräuter, Mähmaschinen die in Mulden hockenden Jungtiere, Siedlungen den Lebensraum und der Autoverkehr die Zahl der Hasen selbst.

Der Hase hat 60 Prozent seines Bestands verloren

Anfangs ging es schleichend, zuletzt rapide. Seit 1986 hat der Hase 60 Prozent seines Bestands verloren, Tendenz sinkend. Der Vermehrungskünstler wanderte auf die Rote Liste. Im Moment hilft ihm nicht einmal mehr die Superfötation. Nicht nur dem Feldhasen geht es schlecht. Die Zahl der Wirbeltiere Österreichs - Vögel, Fische, Säugetiere, Amphibien und Reptilien -ist in den vergangenen 30 Jahren um durchschnittlich 70 Prozent geschrumpft. Eine WWF-Studie, durchgeführt von der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku), goss erstmals in Zahlen, was aufmerksame Beobachter seit Jahren beklagen: Die Natur befindet sich auf einem dramatischen Rückzug. Nicht nur in Österreich, sondern weltweit. profil liegt die Studie exklusiv in ihrer Gesamtheit vor; Amphibien und Reptilien hat es demnach am schlimmsten erwischt: Auwälder verschwinden oder werden zu intensiv bewirtschaftet, Moore und Feuchtwiesen trockengelegt und überdüngt, Flüsse begradigt und aufgestaut, der Klimawandel führt zu mehr Trockenheit und Hitze. Vergangenen Sommer hat eine Pilzepidemie Kröten, Frösche und Molche weltweit in Massen dahingerafft, auch hierzulande.

Die Tiere der Alpen leiden indes zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Schneehase und Schneehuhn werden mit ihrer weißen Färbung zur leichten Beute, wenn der Schnee im Herbst später fällt und im Frühling früher schmilzt. Hinzu kommt das Massensterben der Insekten. 2017 hatten deutsche Biologen Alarm geschlagen:

76 Prozent der 1989 gezählten Insekten fehlten - Experten gehen von ähnlichen Zahlen für Österreich und ganz Europa aus. Den Pflanzen ergeht es nicht viel besser. Auf heimischen Wiesen blühten früher bis zu 20 Blumensorten, heute sind es eine bis zwei; selbst Allerweltsblumen wie die Margarite sind in Gefahr.

"Es läuft etwas gewaltig schief"

Bienen, Margariten, Frösche, Hasen, Vögel: Sie alle sind Indikatoren für die Qualität der Lebensräume in Österreich. "Ihr Verschwinden zeigt, es läuft etwas gewaltig schief", sagt der Leiter der Wirbeltierstudie, Klaus Hackländer von der Boku. Die Folgen für den Menschen werden gravierend sein. Denn intakte Natur schützt am besten vor den Auswirkungen des Klimawandels, die uns bevorstehen. Was sind die Gründe für das leise Sterben rund um uns? Können wir es noch aufhalten? Und was kann man als Einzelner tun?

In Oberösterreich gibt es einen Witz: Wie lautet die Formel der Innviertler Dreifelderwirtschaft? Kukuruz, Mais, Baugrund. Dieser Scherz des Mundart-Schriftstellers Hans Kumpfmüller kommt der Wahrheit ziemlich nah. Er identifiziert zwei Hauptursachen für das Verarmen von Flora und Fauna: Die Intensivierung der Landwirtschaft und das rücksichtslose Verbauen von Grünflächen. Neu hinzu kamen extreme Wetterlagen als Folge des Klimawandels, tierische sowie pflanzliche Einwanderer und Krankheitserreger aus anderen Regionen der Welt.

Pestizide: zu Tode gespritzt

Es wird leiser auf unseren Feldern. Die Lerche, einst von Dichtern wegen ihres jubilierenden Gesangs gefeiert, ist selten geworden. 49 Prozent seiner Bestände büßte der Bodenbrüter mit der frechen Haubenfrisur seit 1998 ein, das Rebhuhn 81 Prozent, die Grauammer sogar 89 Prozent. Die einst im Osten weit verbreitete Blauracke gilt seit 2018 in Österreich als ausgestorben. Wie alle Vögel der Agrarlandschaft leiden sie immens unter den Pestiziden, die Wildkräuter, Gräser und Insekten in Massen vernichten, sagt Norbert Teufelbauer von der Vogelschutzorganisation BirdLife.

Dabei hat Österreich mit 20 Prozent so viele Biobauern wie kein anderes Land in Europa. Sie verwenden Pestizide in weitaus geringerem Maß als konventionelle Bauern. Insgesamt verteilten die heimischen Landwirte 2017 3.664 Tonnen Biozide auf ihren Feldern, eine seit Jahren etwa gleichbleibende Menge auf hohem Niveau. Der Düngemittelverbrauch erreichte 2017 ein Hoch von 187.000 Tonnen. "Durch den Klimawandel haben wir einen hohen Schädlingsdruck. Die Bauern haben heuer wegen des Rübenrüsslers 10.000 Hektar Zuckerrüben verloren", verteidigte Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) die Landwirte kürzlich in einem profil-Interview. "Die Biobauern zeigen, dass man auch mit sehr wenig bis keinen Spritzmitteln erfolgreich sein kann", entgegnet Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien.

Es sind freilich nicht allein die Bauern. Die Österreichischen Bundesbahnen halten ihre Bahngleise derzeit mit dem Breitbandherbizid Glyphosat frei von Bewuchs - wollen das Mittel allerdings in den nächsten Jahren gänzlich absetzen. Mithilfe der Umweltorganisation Global 2000 reduzierten die ÖBB ihren Verbrauch bereits von 9,5 Tonnen 2014 auf knapp fünf Tonnen 2017.

Warum kein bundesweites Verbot für Unkrautvernichter?

Hobbygärtner und Gemeinden versprühen ebenfalls große Mengen Unkrautvernichter. Die SPÖ-geführten Bundesländer Burgenland und Kärnten haben das vergangenes Jahr verboten (den landwirtschaftlichen Pestizidverbrauch ausgenommen). Warum beschließt die Regierung nicht gleich ein ebensolches bundesweites Verbot? Umweltministerin Köstinger: "Wir haben einen Aktionsplan und eine Machbarkeitsstudie vereinbart, die Ergebnisse werden im ersten Quartal 2019 vorliegen. Diese werden wir abwarten." Sie setze bei Gemeinden und ÖBB auf Dialog, so die Ministerin.

In Deutschland hat das Insektensterben die Politik hingegen längst wachgerüttelt: 100 Millionen Euro will die Bundesregierung künftig pro Jahr für den Schutz von Faltern, Fliegen, Käfern, Wespen, Schmetterlingen und Bienen lockermachen; zudem das Düngen von Ackerstreifen untersagen, die an deren Lebensräume grenzen, sowie Pestizide für Privatgärten, Parks und in heiklen Gebieten verbieten. Dafür gebe es in der Bevölkerung großen Rückhalt, sagte die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze im vergangenen Herbst: "Insekten werden nicht nur für lästige Krabbeltierchen gehalten." Selbst um die verhassten Gelsen dürfte es dem Menschen noch leid tun, sollten die kleinen Blutsauger einst verschwinden. Ihre Larven reinigen große Mengen an Wasser (und sind nebenbei eine wichtige Nahrungsquelle für Fische, Frösche, andere Insekten, Vögel und Fledermäuse).

Ohne Bienen wird es schwierig

Eine Welt ohne Bienen: In Chinas Obstplantagen zeigte sich, welch horrende Folgen das Aussterben der Insekten für den Menschen hat. Pestizide rotteten im fruchtbaren Maoxian-Tal in der Provinz Sichuan jegliche Bestäuber aus, was die Apfel-und Birnenbauern nun mit Heerscharen von Landarbeitern wettzumachen versuchen. 30 Bäume schafft ein Arbeiter täglich, indem er mit einem Wedel aus Hühnerfedern oder Hasenfell die zuvor mühsam gesammelten Pollen auf jede einzelne Blüte tupft; ein Bienenvolk bestäubt in dieser Zeit locker 300 Millionen Blüten - wofür man mehr als 1500 Menschen bräuchte.

In Österreich sind je nach Region 60 bis 90 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Die EU beziffert die Dienste der Insekten unionsweit mit 15 Milliarden Euro pro Jahr. Noch funktioniert die Bestäubung trotz der "Insektenapokalypse", wie die "New York Times" das globale Phänomen kürzlich nannte. Wie lange noch, traut sich kein Experte vorherzusagen. Alle warnen jedoch vor dem Jenga-Effekt: Wie in dem Kinderspiel mit dem Turm aus Holzklötzen kann man nach und nach viele Teile folgenlos herausziehen. Irgendwann jedoch kracht das System in sich zusammen.

Betonland Österreich

Wiener Neustadt wird die erste Stadt Österreichs sein, in der alle freien Flächen zugepflastert sind. Noch vor 2050 wird es dort keine Äcker oder für die Region typische Trockenwiesen mehr geben. Das haben Berechnungen des Umweltbundesamts für die dynamische 50.000-Einwohner-Gemeinde im Süden Wiens ergeben. Schon heute zieht es die Jugend aus dem Umland in die lebendige Stadt mit ihren Kaffeehäusern und Bars. Außerhalb des Stadtkerns locken ein Schulzentrum, ein Kino, Möbelhäuser, Fliesenmärkte, Baumärkte, Gartencenter und das Einkaufszentrum Fischapark. "Auch die Umlandgemeinden weisen eine beträchtliche Zunahme an Bauland bis 2050 auf", heißt es in dem Bericht des Umweltbundesamtes.

Österreich ist Europameister im Bodenverbrauch. Täglich werden hierzulande knapp 13 Hektar Land mit Häusern, Straßen, Gewerbegebieten und Industriehallen verbaut, was der Größe von 18 Fußballfeldern entspricht. Zielvorgabe der EU wären 2,5 Hektar pro Tag. Das heimische Straßennetz ist mit 15 Metern pro Kopf eines der dichtesten Europas. Zum Vergleich: Deutschland und die Schweiz bringen es mit acht Metern pro Kopf nur auf die Hälfte.

Viel zu viele Leerstände

Der Grund für das eifrige Bauen ist klar: Die Bevölkerung wächst in vielen Regionen, und sie braucht Platz. Das passiert auch in anderen Staaten, wovon die meisten jedoch mit mehr raumplanerischem Weitblick ans Werk gehen. Hierzulande hingegen wird die Menge leerstehender Gebäude auf 40.000 Hektar geschätzt, das entspricht der Fläche der Stadt Wien. Dennoch ist es günstiger, einen Neubau auf die grüne Wiese zu stellen, als im Dorfkern einen Altbau zu sanieren. Bauland und Mieten sind im Gewerbegebiet billiger als in der Innenstadt. Zwischen Vorarlberg und dem Burgenland ist die Landschaft mit 150 Groß-Einkaufszentren und knapp 300 Fachmärkten zugepflastert. Die Bürgermeister reißen sich darum, denn sie spülen Kommunalsteuern in die Kasse.

Warum überlässt die Regierung dieses äußerst wichtige Zukunftsthema Ländern und Gemeinden, die der Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen sind? Von einer bundesweiten Regelung halte sie nichts, sagt Umweltministerin Köstinger. "Wir investieren in die Sanierung von aufgelassenen Industrieflächen und haben den Zuwachs beim Flächenverbrauch bereits halbiert, er ist aber immer noch viel zu hoch", so Köstinger. Experten zufolge sind aktuelle Maßnahmen bei Weitem nicht genug. Sie fordern zusätzlich Rückwidmungen von Bauland, das sich in absurden Lagen abseits von Ortskernen und außer Reichweite des öffentlichen Verkehrs befindet, in artenreichen Ökosystemen oder auf wertvollem Ackerland. Mit den derzeitigen Zuständigkeiten wird das kaum passieren . Für Wildtiere sind Städte übrigens in den seltensten Fällen eine Alternative. Mit den Bedingungen in der Stadt kommen nur wenige Tierarten klar, darunter Fuchs, Dachs und Turmfalken.

Monokulturen: die große Leere

Streuobstwiesen wechselten sich ab mit Weingärten, Getreidefeldern, Böschungen, sich windenden Bächen und Brachen, auf der Hügelspitze thronte eine alte Eiche samt Marterl: So sah das Land um die Dörfer der Großeltern-und Elterngeneration aus, in der sich Wildtiere tummelten und Insekten surrten. Nun ist diese kleinteilige Landschaft fast völlig verschwunden, und mit ihr die Artenvielfalt; Experten sprechen vom "Ausräumen der Landschaft": Einzelbäume, Hecken und mäandernde Bäche standen Traktoren und Erntefahrzeugen im Weg und machten eintönigen Raps-, Mais-und Getreidefeldern in großem Maßstab Platz. Für die meisten Tiere sind das unüberwindbare Wüsten.

Nicht beackerte oder gemähte Brachflächen sind hingegen wertvolle Oasen. Mindestens zehn Prozent solcher Brachen pro Landwirt wären nötig, um den Feldtieren zu helfen, sagen Experten. Derzeit sind es gerade einmal fünf Prozent. Seit die EU 2007 aufgehört hat, Brachen anständig zu fördern, werden die zusätzlichen Flächen lieber zur Herstellung von Biomasse und anderer Produkte verwendet.

Warum gelbleuchtende Wiesen kein gutes Zeichen sind

Österreichs Wiesen ähneln heute Monokulturen. Früher brachten die Bauern die Heuernte einmal im Juni und einmal im August ein, jetzt werden die Wiesen vier bis fünf Mal pro Saison gemäht. Das Gras wird als Silofutter nass in Folie gepackt und muss nicht mehr langwierig in der Sonne trocknen. Knabenkraut, Wiesensalbei, Schafgarbe und sogar die früher so häufige Margarite kommen damit nicht zurecht. Sie sind dem frühblühenden Löwenzahn gewichen. "Gelb leuchtende Wiesen im April sind Ausdruck einer verarmten Landschaft", sagt Biologe Franz Essl. Das Bewusstsein dafür schwindet dabei von Generation zu Generation. Die Jüngeren kennen es nicht anders.

In der Schweiz befragte ein Meinungsforschungsinstitut die Menschen, wie sie den Zustand der Natur in ihrer Heimat einschätzten. Zwei Drittel meinten, es stehe "gut" oder sogar "sehr gut" um die Artenvielfalt (in Österreich gibt es keine derartigen Umfragen, sie würden aber wahrscheinlich ähnlich ausfallen)."Das Gegenteil ist der Fall", sagt Daniela Pauli, die seit 20 Jahren das mit hochrangigen Forschern besetzte Forum Biodiversität Schweiz leitet. In umfassenden Studien vermaß sie mit ihren Kollegen die Ökosysteme des Landes - mit erschreckendem Ergebnis: 95 Prozent der Trockenwiesen, 82 Prozent der Moore und 36 Prozent der Auen sind seit 1900 verschwunden, die Hälfte aller Lebensraumtypen gilt als bedroht. Wie viel Fläche braucht die Natur, um die noch bestehende Artenvielfalt zu erhalten? Die Schweizer Forscher haben es erstmals berechnet: "Auf 30 Prozent der Landesfläche müsste die Biodiversität Vorrang haben, davon sind wir meilenweit entfernt", sagt Pauli.

Wasser: gebändigt, begradigt, trockengelegt

Einmal im Jahr turnen in Österreichs Auen die Molche. Besonders eindrucksvoll ist der Handstand des Donau-Kammmolchs. Mit seinen mächtigen Zacken am Rücken und seinem knallorangen Bauch vollführt der 13 Zentimeter lange Wasserdrache im Frühling akrobatische Kunststücke, um die Weibchen zu beeindrucken. Es ist Gymnastik gegen die Zeit: 90 Prozent des Bestands hat der Donau-Kammmolch in den vergangenen 30 Jahren eingebüßt. Sumpfschildkröten, Unken, Kröten und Fröschen geht es nicht viel besser. Es fehlen dynamische Aulandschaften mit Tümpeln als Laichgewässer. Vom Schwarzen Meer bis nach Österreich: Der Donau-Stör legte bei seiner Laichwanderung einst bis zu 2000 Kilometer zurück. Heute kommt er nicht mehr weit. Kraftwerke, Dämme und Staustufen stellen sich ihm in den Weg, nun steht der Fisch in Österreich kurz vor dem Aussterben. Ebenso auf der Roten Liste finden sich Aal, Forelle, Karpfen, Saibling und andere. Bis in die 1970er- Jahre waren Abwässer aus Haushalten und Industrie die größte Bedrohung für heimische Fische, nun ist es die Veränderung der Lebensräume durch Flussregulierungen, Wildbachverbauung und Kraftwerke. Mit dem Bau des neuen Murkraftwerks in Graz ginge einer der letzten Laichplätze des vom Aussterben bedrohten Huchen verloren, warnten etwa Fischereiverbände.

Stör, Barbe und Nase soll nun mit einem großen EU-Projekt geholfen werden. Zehn Donauländer - Österreich, Deutschland, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien und die Ukraine -werden Donau hat eine Schlüsselfunktion als Lebenslinie Europas. Für menschliches Wohl ist der gemeinsam an der Wiederherstellung von Wanderkorridoren für die Fische arbeiten. "Die Schutz der Biodiversität fundamental", sagt Thomas Hein von der Universität für Bodenkultur in Wien, der das mit drei Jahren angesetzte Projekt seit Juni 2018 leitet.

Wildnis als Versicherung

Elisabeth Haring vom Naturhistorischen Museum Wien und ihr Kollege Nikolaus Szucsich arbeiten indes an einer DNA-Datenbank der kompletten heimischen Fauna und Flora. Der Austrian Barcode of Life (ABOL) soll die geschätzt rund 75.000 heimischen Arten erfassen und damit ihren Erhalt erleichtern. Im vergangenen Dezember trafen sich zudem Wissenschafter, Naturschutzorganisationen, Vertreter aus Land-und Forstwirtschaft und der Industrie in der Donau-Universität Krems zum ersten Österreichischen Forum für Biodiversität und Ökosystemleistungen. Das Ziel: einen Weg gegen das Artensterben aufzuzeigen - und Gesellschaft und Politik zum sofortigen Handeln zu bewegen. "Biologische Vielfalt und naturnahe Lebensräume sind die beste Versicherung gegen die Folgen des Klimawandels", sagt Arno Aschauer vom WWF.

Betonwüsten speichern Hitze und verhindern das Versickern von Regenwasser. Die Wildnis hingegen leistet für uns Menschen mehr, als wir ihr zugestehen: Die Europäische Kommission beziffert den Wert des europaweiten Netzwerks von Natura-2000-Gebieten mit 200 bis 300 Milliarden Euro jährlich (bei Erhaltungskosten von 5,8 Milliarden Euro pro Jahr). Die grünen Oasen speichern Kohlenstoff, reinigen das Trinkwasser, schützen vor Überschwemmungen und kühlen, wenn im Sommer Hitzerekorde gebrochen werden.

Um die extremen Wetterereignisse abzufedern, die durch den Klimawandel noch auf uns zukommen, brauchen wir so viel Wildnis und intakte Natur wie möglich - österreichweit, weltweit.

Infokästen

Citizen Science: Tiere zählen für die Wissenschaft
Eine Stunde vor dem Fenster sitzen und das Getümmel am Futterhäuschen beobachten: Mehr als 10.000 Österreicher beteiligten sich am Dreikönigswochenende an der alljährlichen Wintervogelzählung der Vogelschutzorganisation BirdLife. Im vergangenen Juni hatte Bird-Life zur Meldung von Schwalbennestern aufgerufen. Es liegt an solchen Aktionen, dass Vögel die am besten dokumentierten Tiere Österreichs sind. "Das Datensammeln durch die Bevölkerung hilft uns enorm", sagt Norbert Teufelbauer von BirdLife. Das Naturhistorische Museum in Wien sammelt indes Sichtungen von Amphibien und Reptilien, der Alpenverein ruft zum Zählen von 20 ausgewählten Tieren und Pflanzen des Hochgebirges auf - vom Alpenschneehuhn bis zur Zwergprimel. Die Universität für Bodenkultur in Wien bittet aufmerksame Autofahrer mit dem Projekt Roadkill, tote Tiere auf den Straßen zu dokumentieren, um später die Hotspots zu entschärfen. Die Veterinärmedizinische Universität Wien ruft über die Internetplattform "StadtWildTiere" Städter auf, zu melden, wenn ihnen Füchse, Dachse, Falken oder sonstiges Getier unterkommt. Alle Projekte sind auf der Plattform citizen-science.at zu finden. Tiere zu zählen, ist eine langwierige Beobachtungsarbeit, für die an den Unis oftmals das Geld fehlt. Besonders knifflig ist es, Insekten zu zählen. Die Verfasser der Krefelder Studie, die 2017 für weltweite Schlagzeilen sorgte, behalfen sich mit Malaise-Fallen. Ein Zelt aus dunklen und hellen Netzen fängt Insekten bei ihren bodennahen Flügen ein, sie streben anschließend nach oben in den helleren Teil des Zelts, wo sie in einem Gefäß mit Alkohol landen, der sie tötet und konserviert. Nach dem Sammeln wogen die Forscher die Menge der gefangenen Krabbeltiere und bemerkten so den dramatischen Schwund von 76 Prozent in mehreren Gegenden Deutschlands. An einem Standort maßen sie 1989 noch 1,4 Kilogramm Insekten, 2013 waren es nur noch weniger als 300 Gramm.

Spielregeln: Artenschutz und Jagd - geht das zusammen?
Im Prinzip ja. Im Weinviertel bei Laa an der Thaya und im Burgenland bei Nickelsdorf gibt es sie noch, die wildfreundliche Kulturlandschaft. Dort seien genügend Feldhasen und Rebhühner vorhanden, um sie nachhaltig zu jagen, sagt Klaus Hackländer vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Boku. Voraussetzung ist eine verantwortungsvolle Jägerschaft: "Sie zählt die Tiere im Frühling und im Herbst. Nur wenn die Zahlen stimmen, darf geschossen werden", sagt Hackländer. "Viele Weidfrauen und -männer setzen sich für Brachen und Hecken ein: Jährlich werden von der Jägerschaft 44 Millionen Euro für den Erhalt der Biodiversität investiert." Doch es funktioniert nicht immer so reibungslos. Für Österreichs streng geschütztes Wappentier, den Seeadler, sind Giftfallen immer noch Todesursache Nummer eins. Der majestätische Greifvogel galt nach 1946 als ausgestorben und kehrte erst 2001 zurück. In Niederösterreich hatten illegal aufgestellte Fallen nun erstmals ein Nachspiel. 2016 waren in Windisch-Baumgarten bei Gänserndorf 35 vergiftete Tiere gefunden worden, darunter Seeadler, Rotmilane, ein Hund, Katzen, Füchse und Marder. Das ausgelegte Carbofuran wirkt bereits beim Einatmen toxisch und ist auch für den Menschen tödlich. Zwar konnte man den Gilftleger nicht eruieren, dennoch wurden die beiden Jagdaufseher des Reviers wegen Verletzung der Aufsichtspflicht zu 5000 bzw. 1000 Euro Strafe verurteilt; die Jagdaufsicht wurde ihnen entzogen. Auch wenn die Jägerschaft Vergehen immer wieder zur Anzeige bringt, leben große Tiere wie Luchs oder Wolf in Österreich gefährlich. Die Ranger des Nationalparks Kalkalpen, der in Oberösterreich ein Wiederansiedelungsprogramm für Luchse betreibt, müssen immer wieder Detektivarbeit leisten. Ein Luchs wurde 2016 in der Kühltruhe eines Präparators gefunden, erschossen von einem Jäger; ein zweiter fiel dessen Frau, ebenfalls Jägerin, zum Opfer. Sie wurden zu je 12.000 Euro Schadensersatz verurteilt.

Weniger aufräumen!: Gärten und Balkone können wertvolle Refugien für bis zu 1000 Arten sein.
In Hausgärten werden erschreckend viele Pestizide ausgebracht. Anstatt Gras und Kräuter von Pflastern und Wegen fernzuhalten, raten Experten zu mehr Mut zur Wildnis -und im Zweifelsfall zum Jäten. Unbedingter Verzicht auf Insekten-, Pilz-und Unkrautvernichtungsmittel ist unerlässlich, wenn sich Bienen, Schmetterlinge, Vögel und Igel im Garten wohlfühlen sollen.

Monotone Rasenflächen, Kies und Beton bieten keinen Lebensraum. Wilde Wiesenecken, wo Brennnesseln wachsen, Klee und Sauerampfer blühen und Gräser Samen bilden dürfen, sind hingegen eine immense Hilfe für Insekten und andere Tiere.

Nicht überall aufräumen: Laub-, Reisig- und Steinhaufen geben Igeln, Eidechsen und Marienkäfern Unterschlupf.

Heimische Sträucher ernähren Vögel und Insekten im Gegensatz zu Thujenhecken und den meisten ausländischen Pflanzen.

Singvögel dürfen das ganze Jahr gefüttert werden, sagt Ornithologe Norbert Teufelbauer. Die Futterstellen und die im Sommer besonders wichtigen Wassertränken sollten aber regelmäßig gereinigt und katzensicher befestigt werden.

Bei der Gartenerde unbedingt auf Torf verzichten. Er wird derzeit vor allem aus den baltischen Ländern importiert, wo Moore systematisch zerstört werden. Übrig bleiben öde Flächen, aus denen große Mengen von Treibhausgasen entweichen.

Auch Städter können etwas tun: Kapuzinerkresse, Verbene, Löwenmaul und Küchenkräuter auf dem Balkon helfen Stadtbienen beim Pollensammeln. Insektenhäuser erleichtern das Überwintern.