© Jessica Wyne

Wissenschaft
06/30/2021

Die Liebe der MathematikerInnen zu Tafel und Kreide

Die Fotografin Jessica Wynne dokumentierte eine Beziehung, der auch Computer und Flipcharts nichts anhaben konnten.

von Franziska Dzugan

Die geniale Nachbarin

Amie Wilkinsons Ferienhaus auf Cape Cod steht gleich neben dem der Fotografin Jessica Wynne. Wenn Wilkinson ihre Mathematikerfreunde einlud, versammelten sich stets alle vor der hauseigenen Schiefertafel. Es wurde gemalt, gewischt, gestritten, durchgestrichen und überkritzelt. „Ich war von der abstrakten Schönheit dieser Kunstwerke angetan und von der Wissenschaft dahinter eingeschüchtert“, erzählt Wynne im profil-Gespräch von ihrer genialen Nachbarin und deren Tafel-Kultur. Die Mathematikerin Amie Wilkinson arbeitet an der Universität von Chicago an dynamischen Modellen, die, laienhaft gesprochen, Bewegung nachzeichnen. Auf dieser Tafel ist ein Mechanismus für chaotische Dynamik zu sehen, den sie mit ihrem Kollegen Keith Burns entwickelt hat: „Eine Arbeit muss eine wahrhaft neue Idee enthalten, und diese hat sogar zwei.“ 

Die Tafel an sich spielt für Wilkinson eine zentrale Rolle: Kreide gebe es in vielen satten Farben, damit könne man Tiefe und Form darstellen. „Ich liebe sie, auch wenn ich es nicht mag, wie sie meine Hände und Haare austrocknet. Sie ist mein wichtigstes Werkzeug“, sagt die Mathematikerin, die Wynne zu dem nun erscheinenden Bildband inspirierte.

Meisterwerke mit Beständigkeit

Die Computerwissenschafterin Laura Balzano setzt auf Teamwork. Sieben Kollegen und ihre zweijährige Tochter waren an diesem Kunstwerk aus Formeln, Diagrammen und schwungvollen Kritzeleien beteiligt, das als Vorlage für ein Machine-Learning-Modell diente. Balzanos Job an der Universität von Michigan ist es, mithilfe der Mathematik Ordnung ins Datenchaos zu bringen – egal ob dieses aus selbstfahrenden Autos, medizinischen Untersuchungen oder Wetteraufzeichnungen stammt. „Eine der Ideen auf der Tafel habe ich mittlerweile verworfen“, schreibt Balzano in Jessica Wynnes Fotoband.

Hatte eigentlich keiner der an dem Buch Beteiligten Angst vor dem Ideenklau? „Die meisten sind so spezialisiert, dass sie sich davor nicht fürchten müssen“, sagt Wynne im profil-Gespräch. Sie sammelte 108 Tafeln und die dazugehörigen Geschichten; manche davon sind Meisterwerke, und wenn nicht für die Ewigkeit, so zumindest für eine lange Zeit, auch wenn nicht alle ein derart elegantes „Bitte nicht löschen“-Schild besitzen wie Laura Balzano in Michigan. Ein Yale-Professor vermerkte den entsprechenden Hinweis einfach in der Ecke einer völlig zugekritzelten Tafel – mit Erfolg: Seit fünf Jahren hat niemand sein Werk angerührt.

Tafel, Kreide, Schwamm: die heilige Dreifaltigkeit

Die erste Amtshandlung von Philippe Michel als Professor für Analytische Zahlentheorie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne vor zehn Jahren war, „das hässliche Whiteboard mit dem stinkenden roten Filzstift“ aus seinem Büro werfen zu lassen und es durch eine „echte Tafel“ zu ersetzen. Michel geht wohl selbst unter Mathematikern als Nerd durch, denn seine Standards für das beliebte Werkzeug sind einigermaßen unerreicht. Zum Beispiel: „Die Tafel muss die Ausmaße einer Wand haben, damit sie dem Denkfluss keine Grenzen setzt.“ Die größte Freude machte Michel ein Student, der ihm aus den Ferien in Japan die legendäre „Hagamoro Full Touch“-Kreide mitbrachte. „Ihr braucht deswegen nicht bei mir einzubrechen, der Vorrat ist leider schon aufgebraucht“, warnt Michel mögliche Neider.  

Die dritte Komponente der Heiligen Dreifaltigkeit sei das Löschen, so Michel. Nach Jahren des Trainings beherrsche er endlich die Schweizer (oder ist es die deutsche?) Art des Wischens. Nach der Behandlung mit einem nassen Schwamm zieht der Mathematiker seine Tafel gründlich mit dem Fensterputzer ab. Sein Tipp: „Nutze diese Zeit, um auch den Verstand zu reinigen.“

Für eine solche Grundreinigung war beim Fotoshooting mit Michels Kollegen Will Sawin keine Zeit – zu sehr waren die beiden Mathematiker mit einem drängenden Problem der Zahlentheorie beschäftigt. Zu sehen ist ein wilder Ideenmix aus Analysis (Modulformen), Algebra und Geometrie (Kohomologie und Garben).

YouTube-Magie

Schwarze und weiße Punkte spielen in seinem Fach eine zentrale Rolle, sagt der Stanford-Mathematiker Tadashi Tokieda: „Die meisten nehmen ein weißes Stück Kreide, zeichnen einen winzigen Kreis und nennen ihn weiß; sie malen den Kreis aus und nennen ihn schwarz.“ Unsere Epoche sei süchtig nach Ergebnissen, die permanent in die Welt hinausgeplärrt würden. Als Mathematiker wolle er seine Formeln aber Schritt für Schritt erarbeiten, sagt Tokieda. „Nur auf diese Weise können wir echte Forschung betreiben – und, nebenbei, Freude haben.“

Tokieda hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich: Er wuchs in Japan auf und wollte eigentlich Künstler werden, entschied sich dann doch für ein Studium der Philologie und sattelte schließlich auf mathematische Physik um. Um Familie und Freunden seine Forschung näherzubringen, begann er, diese mit einfachen Taschenspielertricks zu erklären. „Zauberei der Natur“ nannte er das in einem Interview. Tokiedas Vorlesungen sind mittlerweile echte YouTube-Hits. 

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