"Dr. House hat meinem Patienten das Leben gerettet“

Der Kardiologe Jürgen Schäfer.

Der Kardiologe Jürgen Schäfer.

Der deutsche Kardiologe Jürgen Schäfer ist das reale Pendant zum TV-Mediziner Dr. House. Seine Arbeit beginnt, wo viele Kollegen ratlos aufgeben. Mit einem Team hoch qualifizierter Spezialisten behandelt er rätselhafte Fälle aus ganz Europa.

Im profil-Interview spricht Schäfer über seltene Parasiten, mysteriöse Gendefekte, trickreiche Patienten und Parallelen zu der weltberühmten Fernsehserie.

profil bei Radio Wien.

profil: Wie kamen Sie darauf, sich vermeintlich hoffnungslosen Patienten und ihren unerkannten Krankheiten zu widmen?
Jürgen Schäfer: Durch meine Lehrveranstaltungen und wegen meines Forschungsinteresses an seltenen Stoffwechselerkrankungen. Für Medizinstudenten sind seltene Erkrankungen nicht besonders interessant, da sie bei Prüfungen kaum eine Rolle spielen. Meine Frau, eine erfahrene Gastroenterologin, und ich rätselten gerne vor dem Fernseher mit House und seinem Team um die Wette. Ich kam auf die Idee, Seminare mit dem Titel „Dr. House revisited – oder: Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“ zu halten. Dafür wurde ich mit dem Lehrpreis des Medizinischen Fakultätentages ausgezeichnet und weckte das Interesse der Medien. Manchmal waren mehr Reporter im Seminar als Studenten, und bald wurde ich zum „deutschen Dr. House“ befördert. Daraufhin kamen immer mehr Anfragen verzweifelter Patienten, sodass unsere Geschäftsführung dankenswerter Weise beschloss, ein Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (ZusE) in Marburg zu gründen.

Sven Gächter und Franziska Dzugan über die aktuelle Titelgeschichte.

profil: Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Diagnose stellen?
Schäfer: Wir haben drei Versorgungsstufen, wobei die erste etwa 80 Prozent unserer Arbeit ausmacht. Zuerst durchforstet eine erfahrene Internistin die meist sehr umfangreiche Patientenakte. Das kann mehrere Stunden dauern. Anschließend stellt sie die Krankengeschichte einem Team von zehn Ärzten verschiedener Fachrichtungen vor – vom Allgemeinmediziner über den Onkologen bis zur Psychosomatikerin. Etwa 20 Minuten lang bringt jeder seine Ideen ein. Insgesamt sind das mehr als drei Stunden „ärztliche Nachdenkzeit“ für jeden Patienten. Haben wir uns auf einen Diagnosevorschlag geeinigt, wenden wir uns an den Hausarzt mit der Bitte, dieses oder jenes zu überprüfen oder umzusetzen. Menschen in der zweiten Versorgungsstufe laden wir zu uns in die Ambulanz ein. Sie machen etwa 15 Prozent unserer Patienten aus. Wir führen Untersuchungen durch und entnehmen Proben, die wir in unseren eigenen Labors checken lassen. Nur etwa fünf Prozent unserer Patienten nehmen wir stationär auf. In diesen Fällen führen wir zum Beispiel Endoskopien, Herzkatheteruntersuchungen oder Punktionen durch.

profil: Die TV-Serie hatte großen Anteil daran, dass Sie den Fall Lessing (ein Patient mit plötzlicher Herzschwäche) lösen konnten. Ist das schon öfter vorgekommen?
Schäfer: Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Dr. House meinem Patienten das Leben gerettet hat. Wir hätten die Diagnose auch so gestellt, aber sicherlich nicht so schnell …

Lesen Sie die Titelgeschichte von Franziska Dzugan in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper (www.profil.at/epaper)!