Kochende Spaghetti in einem Topf.
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Pasta-Physik: Warum Spaghetti ein Lieblingsobjekt der Forschung sind

Forschende studieren Spaghetti im Teilchenbeschleuniger und ergründen die Naturgesetze des Nudelwassers. Warum bloß?

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Welches ist das größte ungelöste Problem der Physik? Klarer Fall: das Spaghettirätsel! Das gab der Physik-Nobelpreisträger Pierre-Gilles de Gennes zur Antwort, als er nach der härtesten Nuss seiner Disziplin gefragt wurde. Die Aussage des Franzosen stammt aus dem Jahr 1991, und damals brütete die Wissenschaft bereits ein Vierteljahrhundert über dem Problem.

Aufs Tapet gebracht hatte es der legendäre amerikanische Physiker Richard Feynman, ebenfalls Nobelpreisträger und passionierter Wissenschaftserklärer. Feynman besaß die Gabe, komplexe Sachverhalte anschaulich und mit einer satten Prise Humor zu servieren. Als er und ein Freund 1965 Spaghetti kochten, fiel ihnen ein Phänomen auf, das sie nicht verstanden: Wenn man eine Handvoll trockener Nudeln zerbricht, dann brechen sie niemals in nur zwei Teile. Es entstehen stets mindestens drei Bruchstellen. Aber warum?

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Das Rätsel beschäftigte ehrgeizige Physikstudenten ebenso wie gestandene Experten des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Lösung gelang erst vor 20 Jahren. Sie lautet: Es liegt am „Snap-Back-Effekt“. Biegt man ein Bündel Spaghetti, wird die Belastung zunächst in der Mitte am stärksten, wo die Biegespannung besonders hoch ist. Im Moment des Bruches entstehen heftige Schwingungen, die blitzschnell durch die steifen Teigstäbe laufen. Dies ist der Snap-Back-Effekt. Und die Vibrationen verursachen fast augenblicklich weitere Brüche an anderen Stellen.

Das Spaghettirätsel mag der bekannteste Beleg für die erstaunliche Tatsache sein, dass Pasta und Physik ein harmonisches Paar abgeben können. Doch es existiert eine Vielzahl weiterer Beispiele, die zeigen: Die Nudel und die ihr innewohnenden Geheimnisse motivieren Naturwissenschafter immer wieder zu bemerkenswerten Experimenten. So untersuchten Studien das Aufquellen von Pasta im Kochwasser oder gingen streng methodisch der Frage nach, wann Nudeln wirklich als „al dente“ gelten dürfen.

Die Nanostruktur der Nudeln

Einen aktuellen Beitrag zum Thema Pasta-Physik veröffentlichte gerade „Spektrum der Wissenschaft“. Auf Basis von Experimenten aus dem Vorjahr erörterte das deutsche Wissenschaftsmagazin, warum Wissenschafter Nudeln im Teilchenbeschleuniger studierten und mit Röntgenstrahlen beschossen. Die wesentlichen Zielsetzungen der technologisch aufwendigen Pastaforschung: die Veränderungen der Nanostrukturen im Inneren von Spaghetti während des Kochprozesses, die Bedeutung des Salzgehalts im Kochwasser sowie die Bestimmung unterschiedlicher Eigenschaften von glutenhaltiger und glutenfreier Pasta.

Was ist Pasta aus Sicht der Wissenschaft? Die Teigwaren bestehen vor allem aus Stärke und Gluten, dem Klebereiweiß. In trockenen Spaghetti besitzt Stärke die Gestalt von Körnern, von harten, teils kristallinen und hochgeordneten Festkörpern. Die Körner fügen sich in ein Netzwerk von Gluten-Proteinen ein, von Eiweißstoffen, die aus aneinandergereihten Aminosäuren bestehen. Aus Perspektive der Physik ist die trockene Nudel eigentlich eine Form von Glas: Es handelt sich um eine zum Festkörper erstarrte Masse.

Alwin Schönberger

Alwin Schönberger

leitet das Wissenschafts-Ressort.