Eisbärspuren im Schnee

Eisbärspuren im Schnee

© Trond Håvelsrud

Wissenschaft
10/09/2021

Spitzbergen: Eine Stadt schmilzt

Tödliche Lawinen, hungrige Eisbären, verschwindender Permafrost: In der Hauptstadt Spitzbergens ist das Klima wie auf Speed. Line Nagell Ylvisåker lebt seit fast 20 Jahren in der Arktis. [E-Paper]

von Franziska Dzugan

Eine Studie des dortigen Universitätszentrums zeigte, dass mit jedem Flug nach Oslo und wieder zurück genug  anfällt, um einen Quadratmeter arktisches Sommereis zum Schmelzen zu bringen – pro Passagier, wohlgemerkt.

profil: Fliegen Sie noch ohne schlechtes Gewissen?
Ylvisåker: Nein, das hat sich komplett verändert. Als ich jünger war, war ich stolz auf meine Vielfliegerkarte und meine Weltgewandtheit. Heute versuche ich, so wenig wie möglich zu fliegen. Wenn ich aufs Festland muss, bleibe ich länger, besuche Freunde und Verwandte, gehe zum Augenarzt und mache alle anstehenden Erledigungen. Zum Glück haben sich viele berufliche Meetings durch die Pandemie ins Internet verlagert.
profil: Als Sie für Ihr Klimabuch recherchierten, überlegten Sie, ob es noch vertretbar sei, auf Spitzbergen zu leben. Was hat Sie davon abgehalten, zurück aufs Festland zu ziehen?
Ylvisåker: Die politische Lage. Spitzbergen ist eine neutrale, entmilitarisierte Zone. Im Spitzbergenvertrag von 1925 steht, dass hier jeder ohne Visum und Arbeitsvertrag leben darf. Das schmelzende Eis macht Ressourcen zugänglich und weckt  Begehrlichkeiten. Ich dachte darüber nach, die Natur hier einfach sich selbst zu überlassen. Aber wenn Norwegen Spitzbergen aufgeben würde, wer würde nachkommen, und wie würden sie die Natur behandeln? Ich denke es ist wichtig, dass wir die Region so gut wie möglich für künftige Generationen erhalten.

profil: Warum gibt es keine erneuerbaren Energien auf Spitzbergen?
Ylvisåker: Longyearbyen macht gerade einen Wandel durch. Wir wollen eine grünere Stadt werden. Das letzte Kohlekraftwerk schließt 2023. Derzeit  überlegt die Regionalregierung, wie wir Sonne, Wasser, Erdwärme und Wind nutzen können. Dieselgeneratoren werden beim Wechsel zu den Erneuerbaren helfen.
profil: Trotz aller Katastrophen zweifeln viele in Spitzbergen am menschengemachten Klimawandel. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ylvisåker: Es ist eine unbequeme Wahrheit. Viele Menschen sagen, dass sich das Eis und das Wetter hier immer schon verändert hätten. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das. In meinem Buch versuche ich zu erklären,  wie wir mit unserem -Ausstoß den natürlichen Kreislauf in der Arktis aus dem Gleichgewicht bringen.
profil: Wie haben Ihre Landsleute das Buch aufgenommen?
Ylvisåker: Überraschend positiv. Sogar die alten Männer aus der Stadt haben es gelesen. Ihr einziger Kommentar war: „Du warst seekrank!“ Das hat mich gefreut, denn die Stelle, wo ich meine Reise mit dem Forschungsschiff Helmer Hanssen beschreibe, ist weit hinten im Buch.

profil: Verstehen Sie den Ärger vieler Spitzbergener über den Ausstieg aus der Kohle?
Ylvisåker: Durchaus. Longyearbyen wurde als Kohlestadt gegründet, und viele sind stolz darauf. Sie sehen nicht ein, warum wir unsere Steinkohlemine schließen, während Großbritannien ein neues Braunkohlewerk baut. Steinkohle hat einen
weitaus höheren Heizwert, und die Industrie braucht sie, um Photovoltaikanlagen und Windräder zu bauen.
profil: Viele Inseln könnten durch den Anstieg des Meeresspiegels untergehen. Besteht diese Gefahr auch auf Spitzbergen?
Ylvisåker: Das Gegenteil ist der Fall. Durch das immer geringere Gewicht der Gletscher erhebt sich die Insel bereits jetzt aus dem Wasser. Wissenschafter rechnen außerdem damit, dass die Südspitze der Insel abbrechen wird, weil sich die Gletscher in der Hambergbukta zurückziehen. In 35 bis 45 Jahren könnte es so weit sein, wenn die Schmelze im heutigen Tempo voranschreitet. Vielleicht geht es sogar schneller.

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