Vitamine: Das Mangelmärchen

Vitamine: Das Mangelmärchen

Wir konsumieren sicher nicht zu wenig Vitamine - sondern eher zu viel.

Die Vorstellung geistert nahezu unausrottbar durchs Land: Die Böden seien ausgelaugt, der Vitamingehalt der Lebensmittel sinke, Nährstoffmangel sei die Folge, weshalb die chronisch leeren Vitalstoffspeicher unseres Körpers ständig aufzufüllen seien. Nahezu alle seriösen Experten halten derlei Annahmen für völlig unzutreffend. Die Zeiten, in denen den Menschen die durch ein Defizit an Vitamin C ausgelöste Seefahrerkrankheit Skorbut zu schaffen machte, sind seit einem Jahrhundert vorbei, und wir nehmen eher zu viel als zu wenig antioxidative Stoffe zu uns. Bei Vitamin A etwa, einem fettlöslichen und daher gut speicherbaren Vitamin, wird die empfohlene Tagesdosis locker erreicht oder sogar überschritten, zum Beispiel durch eine gute Portion Schweinsleber. Der Bedarf an Vitamin C wiederum ist mit einem Glas Orangensaft gedeckt, und bei B-Vitaminen führen sich Menschen leicht das Doppelte der nötigen Tagesmenge zu.


Konsumentenschützer entdeckten Vitamindrinks, welche allein das Vierfache der für Kinder ratsamen Tagesdosis an Vitamin B12 enthielten.

Der Grund dafür liegt nicht nur in einem stets reichhaltigeren Angebot an qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln, das sich in unseren Breiten auch immer mehr Menschen leisten (und das in Summe leicht wettmachen würde, wenn einzelne davon tatsächlich weniger Vitamine enthalten sollten als früher). Hinzu kommt aber weiters, dass viele Produkte dermaßen mit künstlichen Vitaminen angereichert sind, dass es schon fast bedenklich wird - ob Vitaminsäfte, Tiefkühlkost, Frühstücksflocken oder Wurstwaren. Konsumentenschützer entdeckten Vitamindrinks, welche allein das Vierfache der für Kinder ratsamen Tagesdosis an Vitamin B12 enthielten. In Ländern wie den USA wird sogar Mehl mit Folsäure versetzt. Und selbst wer ein paar Würstel verzehrt und dazu vielleicht noch einen Salat aus dem Glas, hat damit genug Vitamin C für den Tag intus: Denn Ascorbinsäure dient oft als Konservierungsmittel, genau wie andere Vitamine. Umgekehrt haben viele Konservierungsstoffe antioxidative Eigenschaften. Wer nun noch glaubt, er müsse den Speiseplan um Vitamine in Pillenform ergänzen, kann durchaus einen Overkill bewirken.

Dass trotzdem eine Mangelversorgung nachweisbar ist, kommt zwar vor, aber zum Glück selten. Beispiele dafür sind etwa Personen, die sich vegan ernähren und zu wenig B-Vitamine aus natürlichen Quellen beziehen. Und bei älteren Personen, die sich kaum im Freien aufhalten, können Engpässe bei Vitamin D auftreten. In solchen Fällen kann - medizinisch geprüft - zusätzliche Ergänzung sinnvoll sein.

Mehr zum Thema in profil 2/2016: Neue Studien beweisen beschleunigtes Krebswachstum durch hochdosierte Vitaminpräparate.