In Gloria Benedikts „Dancing with the Future“ wirken sich Entscheidungen des Publikums auf den Fortgang der Handlung aus. 

© Jason Nemirow

Wissenschaft
07/21/2022

Kunst und Klimaforschung

Wie zwei vermeintlich ungleiche Disziplinen eine Liaison eingehen, um den Menschen die Erderhitzung näherzubringen.

von Franziska Dzugan, Christina Hiptmayr

Es war im Jahr 2019, als der US-amerikanische Theaterregisseur Peter Sellars in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele feststellte: „Die Wissenschaft gibt uns noch 15 Jahre, um eine neue ökologische Zivilisation zu schaffen. Und wo sind die Künstler?“ Blättert man das heurige Programm der Salzburger Festspiele durch, muss man sich erneut die Frage stellen: Wo sind die Künstler? Die darstellende Kunst, so scheint es, hat kein ausgeprägtes Interesse an der Klimakrise, dem drängendsten Problem unserer Zeit.

Eine der wenigen Ausnahmen in Österreich ist die Tänzerin und Sozialwissenschafterin Gloria Benedikt. Sie arbeitete in den vergangenen sechs Jahren am Internationalen Institut für Systemanalyse (IIASA) im niederösterreichischen Laxenburg daran, wissenschaftliche Erkenntnisse rund um die Erderhitzung auf die Bühne zu bringen. Die Menschen würden „die 1,5-Grad-Geschichte“, also die ständigen Ermahnungen, einzusparen, nicht mehr hören wollen, sagt Gloria Benedikt in der aktuellen Tauwetter-Folge. „Sie wollen Wege aufgezeigt bekommen, wie es jetzt weitergeht.“

In Benedikts „Dancing with the Future“, einer Multimediaproduktion, die Tanz, Musik, gesprochenes Wort und Wissenschaft miteinander verbindet, ging es um die Verteilung von Ressourcen. Das Skript wurde von Martin Nowak, Harvard-Professor für Bio-Mathematik, auf der Grundlage seiner Forschungen zur Evolution der Kooperation verfasst. Das Publikum war Teil des Stücks: Es musste entscheiden, wie viele Rohstoffe es selbst verbrauchen, und wie viele es der nächsten Generation hinterlassen wollte. Je nachdem nahm die Geschichte einen anderen Verlauf. Die Reaktionen seien oft überraschend gewesen, sagt Benedikt. Eine Gruppe von Managern zum Beispiel hatte ethischere Entscheidungen getroffen als ein Publikum bestehend aus Diplomaten. 

Als Benedikt 2015 in Laxenburg anfing, waren die Risikoforscherin Joanne Linnerooth-Bayer und viele ihrer Kollegen skeptisch. Was wollte eine Ballerina an ihrem Institut? „Heute weiß ich: Die Wissenschaft wird die großen Probleme unserer Zeit nicht ohne die Kunst lösen können“, sagt Linnerooth-Bayer. Denn die Kunst helfe nicht nur, Erkenntnisse spielerisch in die Welt zu tragen – sie habe auch die Wissenschaft selbst verändert. 
Als das IIASA eine Konferenz zur Migration in Folge des Klimawandels ausrichtete, setzte Gloria Benedikt in der Eröffnungs-Performance einen Teil der Wissenschafter in ein Boot. Plötzlich waren sie selbst Flüchtlinge, angewiesen auf die restlichen Kollegen, die entscheiden sollten, was mit ihnen geschieht. „Das hat die Dynamik der Konferenz enorm beeinflusst“, sagt Forscherin Linneroth-Bayer. 

Außerhalb Österreichs ist die Kunst häufig schon ein Stück weiter. In dem breitenwirksamen Hollywoodstreifen „Don’t look up“ mit Meryl Streep und Leonardo DiCaprio rast ein Komet auf die Erde zu, was die Menschheit allerdings nicht wahrhaben will. Gemeinhin wird der Film als Allegorie auf die Klimakrise gesehen. In der dänischen Netflix-Serie „Borgen“ kämpft die Außenministerin mit einer sehr aktuellen Frage: Soll sie das auf Grönland gefundene Öl fördern lassen, um Einnahmen in Milliardenhöhe zu lukrieren, oder ist das in Zeiten des Klimawandels völlig verfehlt? 

Vergangenen Mai brachte das renommierte Nederlands Dans Theater in Den Haag mit „Figures in Extinction“ eine monumentale Choreografie auf die Bühne, die das Artensterben thematisierte. In der Inszenierung der kanadischen Choreografin Crystal Pite und des britischen Regisseurs Simon McBurney führten 22 Tänzer in einem eindrucksvollen Reigen die ausgestorbenen Tiere und Pflanzen der letzten 100 Jahre dem Publikum ins Bewusstsein. Dabei stützten sie sich auf ein reichhaltiges Spektrum an Quellenmaterial, von den Geräuschen schmelzender Eiskappen bis hin zu den lauten Rufen der Klimawandelleugner. „Die mit eindeutiger Körpersprache übermittelten Argumente werden erschreckend einsichtig gemacht“, schrieb ein Rezensent. 

Die 2015 gegründete „Climate Change Theatre Action“ wiederum ist eine weltweite Reihe von Lesungen und Aufführungen von Theaterstücken zum Thema Klimawandel, die alle zwei Jahre zeitgleich mit den Klimakonferenzen der Vereinten Nationen stattfinden. Auch das Schauspielhaus Graz zeigte bereits einige dieser Produktionen. 

Trotz einiger Leuchtturmprojekte läuft die Verbindung zwischen Klimaforschung und Kunst noch sehr zäh. Dabei ist die Übersetzung abstrakter Fakten in Emotionen wohl die Voraussetzung für den Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Die Kunst hat sich immer schon der großen Themen angenommen: Macht, Liebe, Tod, Hoffnung, Krieg, Sinn des Lebens. Auch die Klimakrise lässt sich mit diesen Stoffen erzählen. Im besten Fall können dabei Lösungen aufgezeigt werden. Beispiel dafür ist eine Inszenierung, die kürzlich an einem ungewöhnlichen Ort stattgefunden hat: im Reaktor des Kernkraftwerks Zwentendorf. Österreichs einziges AKW wurde 1978 zwar fertiggebaut, aber wegen des anhaltenden Protests aus der Zivilbevölkerung, von Wissenschaftern und Künstlern nie in Betrieb genommen. 

Im vergangenen Mai fanden sich in der gut gepflegten Industrieruine Schauspieler sowie Zeitzeugen ein, um dem Publikum den erfolgreichen Kampf gegen eine gefährliche Technologie vor Augen zu führen. Die Botschaft des Stücks „Gemeinschaftskraftwerk“ – eine Koproduktion der Denkfabrik Globart und dem Niederösterreichischen Landestheater: Auch die Zivilgesellschaft hat die Macht, etwas zu bewegen.