Das letzte Delta seiner Art
Um das zu verstehen, muss man Joni Vorpsi an diesen Ort begleiten. Und in die nahe Vergangenheit zurückblicken: in das Frühjahr 2024, als Kushner seine Baupläne öffentlich gemacht hat. Es ist ein lauer Abend im April, als Vorpsi einen kleinen weißen Geländewagen über die Sanddünen steuert. In etwa zwei Stunden wird die Sonne im Meer verschwinden. Bleibt noch genug Zeit, um oben, auf der Klippe, das Fernrohr aufzubauen. Vor Vorpsi erblickt man einen südlichen Zipfel Italiens, hinter ihm erstreckt sich ein Delta, das er ein „magisches Zusammenspiel“ zwischen Fluss und Meer nennt. „Jared Kushner lebt weit weg von der Katastrophe, die er hier in Albanien anrichtet“, sagt Vorpsi an diesem Abend.
Ein Flughafen steht bereits
Als Vorpsi 2016 bei „Protection and Preservation of Natural Environment in Albania“ (PPNEA), Albaniens ältester Umweltorganisation, zu arbeiten begann, war sein Leben von stoischer Ruhe geprägt. Er war damals Mitte 20 und fuhr immer wieder ins Delta, um Vögel zu zählen oder Zuchtplattformen im seichten Gewässer zu errichten. Im Frühjahr, wenn die Zugvögel in die Lagune segeln, blieb er drei Wochen dort. Im Jahr 2021 war es mit der Ruhe vorbei. Eine Schweizer Baufirma kündigte an, mitten im Delta einen Flughafen bauen zu wollen. Dabei ging nicht alles mit rechten Dingen zu.
Laut einer von PPNEA eingereichten Klage soll der Bau begonnen haben, ohne dass eine Genehmigung dafür vorlag. Zu einem Gerichtsprozess kam es nicht. Vorpsi vermutet, dass sich die Gerichte in Albanien an der „heißen Kartoffel“ nicht die Finger verbrennen wollen. Der Flughafen in Vlora gilt als Prestigeprojekt des Ministerpräsidenten Edi Rama. Auch weitere Hindernisse räumte Ramas Regierung aus dem Weg. Weil das Delta als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen ist, ließen die Behörden per Gesetz kurzerhand die Grenzen der Zone neu ziehen. Seit Februar 2024 dürfen „strategische Investoren“ in jedem Schutzgebiet des Landes bauen. Voraussetzung ist, dass sie viel Geld und ein Konzept für ein Fünf-Sterne-Hotel mitbringen. Jared Kushner hat diesen Status mittlerweile erhalten.
Die EU knickt ein
Lange Zeit hoffte Vorpsi auf Rückendeckung von der EU. Immerhin ist Albanien EU-Beitrittskandidat. Und es geht hier nicht nur um Umweltstandards, sondern auch um den Rechtsstaat. Gewaltenteilung, unbestechliche Behörden, korrekte Genehmigungsverfahren – all das sind Voraussetzungen, um der Europäischen Union beizutreten. Die EU-Kommission hat Albanien bereits 2021 gerügt. In einem Bericht heißt es, dass die Baustelle im Vjosa-Delta „im Widerspruch zu nationalen Gesetzen und internationalen Konventionen zum Schutz der biologischen Vielfalt, die Albanien ratifiziert hat“, stehe. Des Weiteren findet sich darin der folgende Satz: „Albanien sollte auf die Wissenschaftsgemeinschaft und andere Interessengruppen hören, bevor es eine Entscheidung über die Neufestlegung der Grenzen von Schutzgebieten trifft.“ Der Bau ging trotzdem weiter, und die EU knickte schließlich ein. Die Kritik wurde leiser, mittlerweile ist sie ganz verstummt. Der Flughafen ist fast fertig. Was kann man da schon machen? Ihn wieder abreißen lassen? Für viele ist die Baustelle mittlerweile ein „hoffnungsloser Fall“, nicht aber für Joni Vorpsi. Er weiß, was auf dem Spiel steht: Ist der Flughafen erst eröffnet, dürfte das gesamte Delta urbanisiert werden. Entsprechende Pläne liegen seit Jahren vor.
Kushner gibt sich grünes Image
Und was sagt Kushner selbst? „Wenn wir die Umwelt nicht respektieren, wird das, was wir dort schaffen wollen, nicht besonders sein“, versprach er im Mai 2025 auf einer Konferenz in Tirana, zu der er virtuell zugeschaltet war. Er nutzte den Auftritt, um Unwahrheiten zu verbreiten. Es zirkuliere eine Geschichte, so Kushner auf der Konferenz, wonach seine Baupläne „irgendein Delta“ zerstören würden. „Es stellte sich heraus, dass das acht Meilen entfernt ist und nichts mit unserem Projekt zu tun hat“, behauptet er schließlich.
Vorpsi weiß, dass das falsch ist. Sämtliche Studien bezeugen das. Er weiß aber auch, mit wem er es zu tun hat. „Kushner sitzt mit den Machthabern dieser Welt an einem Tisch und überzeugt sie davon, Kriege zu beenden. Er wird also auch in der Lage sein, der Öffentlichkeit vorzugaukeln, dass sein Projekt in Albanien kein Problem für die Umwelt ist“, sagt Vorpsi. Mittlerweile hat der Aktivist damit aufgehört, ausländischen Medien Interviews zu geben. Arte, „New York Times“, „Washington Post“, „Le Monde“, „Die ZEIT“ – sie alle waren im Delta und haben berichtet. Das hat Kushner nicht von seinen Plänen abgebracht.
Für Vorpsi zählt jetzt nur noch eines: die lokale Bevölkerung aufzuklären. Die würde wohl kaum vom Investment profitieren, glaubt er. Aber viele im Delta sehen das anders. Sie stecken große Hoffnung in die Hotelanlage. Manche glauben sogar, dass deswegen ihre Kinder, die nach Westeuropa migriert sind, zurückkommen werden. Den größten Widerstand leistet bisher die Natur, genauer gesagt: der störrische Fluss.
Vorpsi legt eine Luftaufnahme vor. Sie zeigt den halbfertigen Flughafen, umgeben von überschwemmten Feldern. „Auf die Landepiste wurden immer neue Asphaltschichten gegossen. Mittlerweile musste ein ganzer Hügel abgetragen werden, um den Boden zu stabilisieren“, sagt Vorpsi.
Jared Kushner sagt, dass sein Unternehmen ein Jahr lang damit verbracht hat, den albanischen Markt zu analysieren. Die Wachstumsraten seien beachtlich. Aber das Delta hat auch einen Haken. Ob Kushner bewusst ist, dass er in einem Küstenfeuchtgebiet baut, das zuvor nur von Vögeln bewohnt war?