Ein Rebellenführer erzählt, wie Sudans Bürgerkrieg weitergehen könnte
Brille. Sakko. Rundlicher Bauch. Abdul Wahid al-Nur ist ein kampferfahrener Rebellenkommandant, doch auf dem ersten Blick sieht er wie ein Uni-Professor aus. Der 57-Jährige führt die „Sudan Befreiungsbewegung“ (SLM) an, die im Bürgerkriegsland Sudan die Gebirgsregion Jebel Marra – ein Netz aus grünen Berghängen, abgeschnitten durch große Vulkangipfel vom Rest Westsudans – kontrolliert.
Al-Nur (Bild) ist in Europa um für mehr humanitäre Unterstützung zu lobbyieren – vor Österreich war er in Norwegen und Deutschland.
Neun Millionen Menschen leben im Rebellengebiet – so viele Einwohner wie in Österreich. Drei Millionen Menschen flüchteten hierher vor Gefechten zwischen Sudans Armee und den Milizen der Rapid Support Forces (RSF).
Armee und RSF zogen einst am gleichen Strang: Sie putschten 2021 gegen von Zivilisten geführte Regierung und führten das Land in eine Militärdiktatur. Doch bald stellen sich Fragen, wie: Wer hat die Macht inne? Und wer kontrolliert Sudans Ressourcen, wie zum Beispiel üppige Goldadern im westlichen Darfur? Wie so oft zerstreiten sich Komplizen beim Aufteilen der Beute. 2023 putschte die RSF gegen die Armee: Der Bürgerkrieg begann.
Al-Nur deklarierte sich als neutral und hielt damit seine SLM – und damit auch Jebel Marra – aus dem Krieg heraus.
profil trifft al-Nur in einem Wiener Büro auf Einladung des Austrian Center for Peace, das im Sudan-Konflikt vermittelt.
Glauben Sie, dass dieser Krieg bald enden könnte?
Abdul Wahid al-Nur
Wir als SLM kämpfen schon seit 25 Jahren gegen die Militärdiktatur. Sie konnten uns nie besiegen, wir aber sie auch nicht. Was ich damit sagen möchte: Im Krieg gibt es keine Sieger. Die Leute wollen den Frieden. Sudanesen, die eine von Zivilisten geführte Regierung fordern, müssen unser Land geeint aus der Sackgasse der Militärjunta führen.
Im Krieg gibt es keine Sieger. Die Leute wollen den Frieden.
SLM-Anführer
In Washington verhandeln Sudans Armee und die RSF unter der Ägide der USA. Können die USA helfen, den Krieg zu beenden?
al-Nur
Sie können zweifellos helfen und die Aufnahme von Verhandlungen war ein großer Schritt. Aber den Frieden müssen die Sudanesen selbst schaffen.
Am Montag kündigten die RSF eine humanitäre Waffenpause an. Die Armee lehnte das Waffenstillstandsabkommen mit dem Hinweis ab, Washington hätte Positionen der Vereinigten Arabischen Emirate, ein RSF-Verbündeter und ebenfalls Vermittler in Washington, übernommen.
Rebel with a cause
Auf alten Fotos der britischen BBC steckt al-Nur in einer Uniform in Tarnfarben – auf seine Schulter stützt er eine Kalaschnikow ab. Al-Nur schloss sich einst dem Kampf der SLM gegen Omar al-Baschirs Militärregierung an. Afrikanische Stammesgruppen im westlichen Darfur rebellierten 2003: Sie waren systematisch vernachlässigt worden, während die Regierung lokale arabische Nomaden bevorzugt hatte. Massaker durch arabische Reitermilizen, die direkten Vorgänger der RSF-Milizen, folgten.
Al-Nurs Mitstreiter von damals stehen heute auf unterschiedlichen Seiten, die SLM ist zersplittert.
Die SLM-Abspaltung von Minni Minnawi (einst Sekretär von al-Nur, Anm.) kämpft auf Seite des Militärs, Sie sind neutral. Wie erklären Sie sich das?
al-Nur
Im Sudan gibt es einen Schlag Menschen, der sich wirklich für die Bevölkerung einsetzt, und solche, die keinen Orientierungssinn haben. Heute dies, morgen das.
Rebellenführer Minni Minnawi schloss sich der Armee an.
Flucht ins Gebirge
Jebel Marra, wo die SLM den Ton angibt, ist von RSF-Territorium umzingelt. An den Grenzen der Region stehen Soldaten der SLM, erzählt al-Nur. Einen Angriff der Miliz erwarte er nicht – Nahrungsmittel kommen ungehindert über die Grenze.
Über den ganzen Bürgerkrieg strömen Flüchtlinge nach Jebel Marra. 10.000 flüchteten allein aus der lange von RSF-Truppen belagerten Stadt al-Faschir nach Tawila, einer Stadt am Rande Jebel Marras. Al-Faschir fiel Anfang Oktober in die Hände der RSF-Kämpfer, die marodierend durch die Straßen zogen.
Jebel Marras Gebirgskette schirmt die Region vom Restsudan – und vom Bürgerkrieg – ab.
Die Hilfsorganisation Ärzte Ohne Grenzen erzählt, dass ihr von Überlebenden von Massenhinrichtungen und Lösegelderpressungen berichtet wurde. „Sie haben sich betrunken und uns in die Wüste gebracht. Sie zwangen uns, in Büschen zu liegen, schlugen uns und erniedrigten uns schrecklich. Sie sagten, sie würden uns töten“, berichtete ein 50-jähriger Sudanese einem Mitarbeiter von Ärzte Ohne Grenzen. Mit rund 170 Euro konnte er sich schließlich freikaufen.
Jebel Marra ist zu einem Zufluchtsort geworden.
Rebellenführer
Wie viele Flüchtlinge kommen nach Jebel Marra?
al-Nur
Jeden Tag kommen Hunderte Flüchtlinge zu uns – aus dem ganzen Sudan. Jebel Marra ist zu einem Zufluchtsort geworden. Es gibt hier keine Granaten, keine Drohnenangriffe, keine Scharfschützen.
Über 13 Millionen Sudanesen wurden vom Krieg aus ihren Häusern vertrieben.
Wie ist die humanitäre Situation?
al-Nur
Die Hilfsorganisationen können vielleicht zehn Prozent von ihnen versorgen. Aber wir haben kein Essen, keine Zelte, keine Medizin. Wir versuchten, mehr Essen zu produzieren – wir haben ertragreichen Vulkanboden in Jebel Marra – aber es fehlt uns dafür an Treibstoff und Traktoren. Wir sind auch in Europa, um die internationale Staatengemeinschaft um mehr Hilfsmittel zu bitten. Unsere Leute verdienen ein gutes Leben.
Laut World Food Programme sind über 20 Millionen Sudanesen von akutem Hunger bedroht – Jebel Marra, wo anders als anderswo in Darfur nach wie vor Essen angebaut und geerntet werden kann, stellt hier noch einen Lichtblick dar. Die UN bezeichnet den Bürgerkrieg im Sudan als „größte humanitäre Katastrophe der Welt“.