Gewinnt der ultrarechte „Tiger“? So schrill ist Kolumbiens Trump
„Abelardo hat die Eier, den Terrorismus zu besiegen“, kündigt ein Vorredner den Star des Abends an. Und dann betritt er die Bühne: Abelardo de la Espriella im tadellos sitzenden Slim-fit-Anzug und mit penibel getrimmtem Bart. „Der Tiger ist erwacht, und er ist unbesiegbar“, ruft er der Menge zu. „Der Tiger“ („El tigre“) ist der Spitzname des Strafverteidigers, der Kolumbiens nächster Präsident sein will. Zur Illustration streift ein im Tiger-Kostüm bei dieser Wahlkampfveranstaltung im November 2025 über die Bühne. Der Abend endet mit einem Feuerwerk.
Jetzt hat auch Kolumbien seinen Donald Trump. Espriella ist der erste Rechtspopulist nach westlichem Vorbild, der gute Chancen hat, Staatschef des 53-Millionen-Landes zu werden.
Der Karibikstaat, aus dem kriminelle Banden massiv Kokain nach Europa schmuggeln, könnte damit am Sonntag der nächste Schauplatz eines kontinentalen Rechtsrucks werden, der seit einigen Jahren Südamerika erfasst hat. In Bolivien verloren die Sozialisten 2025 fast alle ihre Parlamentssitze. Auch in Ecuador, Honduras, Perú und Chile siegten rechte Kandidaten.
Espriella, der als Verehrer von US-Präsident Donald Trump gilt, hat gute Chancen Kolumbiens Linksregierung zu stürzen. In der ersten Wahlrunde kam er bereits auf 43 Prozent und lag damit drei Prozentpunkte vor dem sozialistischen Kandidaten.
Rückdeckung kommt nicht nur von Trump – sondern auch aus Europa.
„Standhaft für das Vaterland“
Espriella liebt den Luxus: Shopping-Trips nach Italien im Privatjet, 20 Parfums passend für jede Tageszeit und teure Uhren. Möglich macht das seine Herkunft: Der schillernde Rechtspopulist entstammt dem Geldadel der Karibikküste der Provinz Córdoba. Geboren im Jahr 1978 als Sohn eines Richters am Verwaltungsgericht mit guten Verbindungen zu Kolumbiens mächtigen Konservativen tritt er in die Fußstapfen seines Vaters.
Espriella mit seiner Ehefrau Ana Pineda
Als Strafverteidiger zählte er Mafiosi, in den Drogenhandel verwickelte Paramilitärs der Regierung und Alex Saab, einen Strohmann des linksautoritären Staatschefs von Venezuela Nicolás Maduro, zu seinen Klienten.
Auf seinen Wahlkampfveranstaltungen gibt sich Espriella militärisch: Der Anwalt, der nie im Militär diente, salutiert. „Standhaft für das Vaterland“ ist sein Wahlspruch. Was Espriella darunter versteht: einen harten Kurs gegen Kriminelle – mitsamt Bauvorhaben für zehn Megagefängnisse. Der Anwalt will Erdöl mittels Frackings fördern. Seine Gegner – die politische Linke – versprach der Ultrarechte „auszuweiden“.
Der Wahlkampf nahm mitunter skurrile Züge an: Kolumbiens Innenminister und Espriella-Gegner Armando Benedetti warf dem Rechtskandidaten mit den Worten „er hat Silikon im Hintern“ vor, sein Gesäß mittels Schönheits-OP gestrafft zu haben. Espriella dementiert dies. Er habe lediglich eine Haartransplantation hinter sich.
Trump: „Totale Unterstützung“ für Espriella
Trumps Worte für Espriella sind wie immer überschwänglich: „‘Der Tiger‘ wird die wunderbaren Menschen in Kolumbien nicht im Stich lassen!“, schreibt er auf „Truth Social“, und sagt dem rechten Kandidaten die „totale Unterstützung“ zu. Trump mischte sich wiederholt in Wahlkämpfe in Südamerika ein – im vergangenen Jahr pushte er einen von ihm bevorzugten rechtspopulistischen Kandidaten in Honduras zum Wahlsieg.
Espriella hat durch die republikanische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus María Elvira Salazar enge Kontakte zum Umfeld Trumps. Salazar, die den rechten Kandidaten als „engen persönlichen Freund“ bezeichnet, kennt ihn aus seiner Zeit in Florida, wo Espriella mehrere Firmen besitzt und Salazar ihre Wählerbasis hat. Espriella lebte längere Zeit in Florida und auch im italienischen Florenz – insgesamt verfügt er über gleich drei Staatsbürgerschaften (Kolumbien, Italien, USA).
María Elvira Salazar schüttelt Trumps Hand.
Hinzu kommen Parteispenden Espriellas an die US-Republikaner in der Höhe von 95 Millionen US-Dollar, die meisten gingen direkt an Salazar.
Auch in Europa hegen Manche Sympathien für Espriella: Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni rief den italienischen Staatsbürger Espriella Anfang Juni an. Es sei ein „fruchtbares und herzliches Telefonat“ gewesen, schreibt Espriella auf seinem offiziellen X-Account.
Anwalt vs. Anwalt
Espriellas Gegenkandidat heißt Iván Cepeda. Er stammt aus einem kommunistischen Haushalt – sein Vater, der Anwalt Manuel Cepeda, war Senator der marxistischen „Patriotischen Union“ („Unión Patriótica“), bis er 1994 auf dem Weg zum Parlament von einem rechtsgerichteten Killerkommando hingerichtet wurde. Sein Sohn Iván, der später Menschenrechtsanwalt werden sollte, fand das mit Einschusslöchern durchsiebte Auto seines Vaters wenige Minuten nach der Tat.
In Kolumbien herrscht seit über 60 Jahren Bürgerkrieg zwischen marxistischen Rebellen, kriminellen Kartellen und wechselnden konservativen Regierungen und deren Paramilitärs. Es ist einer der am längsten andauernden Bürgerkriege der Welt. Befeuert wird der Konflikt bis heute durch ein weißes Pulver, das anders als die Hauptexporte Kolumbiens in die EU wie Bananen und Kaffee, nicht in den offiziellen Handelsregistern auftaucht und dennoch massenhaft nach Europa exportiert wird: Kolumbien ist der größte Kokain-Produzent der Welt.
Die marxistische Nationale Befreiungsarmee (ELN) ist die größte Rebellengruppe in Kolumbien.
Cepedas Vorgänger Gustavo Petro, der 2022 mit dem Versprechen eines „totalen Friedens“ („paz total“) ins Amt gewählt wurde, konnte die Gewalt nicht stoppen. Petro, Parteigenosse und enger Verbündeter Cepedas, wollte verstärkt mit den Rebellengruppen, die tief in den Kokainschmuggel verstrickt sind, verhandeln.
Doch die Gewalt nahm sogar zu: 2025 erreichte die Zahl der Vertriebenen, mehr als 200.000 Menschen, sogar den höchsten Stand in den letzten zehn Jahren.
Die ausufernde Gewalt und Drogenkriminalität könnte den Sozialisten die Wiederwahl kosten.
„Wie Schaben und Ratten auslöschen“
Espriella verspricht hingegen eine „harte Hand“ gegenüber Kriminellen und Guerillas. Geht es nach dem Rechtspopulisten sollen Militärflugzeuge Luftschläge auf Drogencamps fliegen und Straftäter „wie Schaben und Ratten auslöschen“.
Die Gewalt mit maximaler Gewalt zu beantworten, ist in Kolumbien nicht neu. Ex-Präsident Álvaro Uribe Vélez, ein Freund Espriellas, lehnte Verhandlungen mit Rebellengruppen ab und setzte alles auf einen militärischen Sieg. Im Krieg verübten Regierungssoldaten auch schwere Menschenrechtsverbrechen.
Den Krieg gegen Rebellen, deren Splittergruppen und Drogenschmuggler konnte Uribe am Ende trotzdem nicht gewinnen.
Doch ob Espriella seine radikalsten Ideen überhaupt durchsetzen kann, ist unklar. Kolumbiens Parlament ist zersplittert. Espriella, dessen Partei nur wenige Abgeordnete in Kolumbiens zwei Kammern hat, müsste erst einmal Allianzen schmieden – wobei die Sozialisten ihn sabotieren könnten. Harte Auseinandersetzungen stehen wohl auch nach diesem Wahlsonntag bevor.