Fotocollage: Vier junge Ungarn stehen vor einem zerrissenen Wahlplakat von Viktor Orbán.
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„Hätte Orbán gewonnen, wäre ich ausgewandert“: Auf das hofft nun Ungarns Jugend

Ungarns Jugend wuchs im System Orbán auf und hatte es satt. Was sie nun von einem Ungarn ohne Orbán erwarten.

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Andere Jugendliche sammeln Pokémon-Karten, Labubu-Plüschtiere oder Adidas-Sneaker. Oliver sammelt Wahlplakate. Im Budapester Elisabethpark hält der 14-jährige Schüler grinsend zwei Poster in den Armen – heruntergeschnitten von den Straßenlampen. „Von meinem Bezirk habe ich schon alle“, sagt der Politik-Nerd, der mit Klassenkollegen unterwegs ist. „Ich will mich an diese Wahl erinnern. Dann kann ich die Poster in 20 Jahren vom Dachboden holen und in Erinnerungen schwelgen.“

In Ungarn ist eine neue Ära angebrochen. 16 Jahre lange regierte der Rechtspopulist Viktor Orbán das Land als Ministerpräsident. Wenn Oliver über ihn spricht, beginnt er gleich zu schimpfen: Orbán habe „Millionen gestohlen“, das Land mit „Anfeindungen“ gegen die Ukraine gespalten und die Menschen mit „Hass und Hetze“ überzogen. Wählen darf Oliver noch nicht. Wäre er alt genug, sagt der Schüler, dann hätte er sein Kreuz bei Péter Magyar gemacht. 

Ungarns führender Oppositioneller hat die Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag gewonnen, jetzt will er das Land umbauen – und fast alles anders machen als sein Vorgänger. Orbán sabotierte die Vorhaben der EU, Magyar will mit ihr kooperieren. Orbán machte gemeinsame Sache mit Russland, Magyar will die Beziehungen mit der Ukraine normalisieren. Orbán baute ein System der Kleptokratie und Freunderlwirtschaft auf, Magyar plant, gegen Korruption vorzugehen.

„Er ist für uns junge Leute die neue große Hoffnung“

Zehntausende waren in der Wahlnacht ans Budapester Donauufer gekommen, um den Sieg Magyars zu feiern. Mit dem Freudentaumel wurde auch gleich die jüngere Vergangenheit bewältigt. Orbáns Fidesz hatte Budapest mit Wahlplakaten überzogen, Experten sprachen von der teuersten Wahlkampagne in der Geschichte Ungarns. Wenige Tage nach der Wahl liegen die Wahlposter zerrissen in Mistkübeln oder zertrampelt auf den Straßen.

Ein Fidesz-Poster zertreten am Boden
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Zerrissenes Orbán-Plakat
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Fidesz-Wahlposter im Müll
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Auf einem Spielplatz hält ein Kind im Vorschulalter ein heruntergerissenes Poster hoch, ein anderes Kind tritt kichernd auf das Konterfei einer Fidesz-Politikerin. Die Mütter stehen tratschend daneben.

„Wir gehen jetzt zu Péter Magyars Wahlkreis, um uns noch sein Plakat zu holen – das ist das begehrteste“, sagt Oliver unter dem Lachen seiner Freunde. „Er ist für uns junge Leute die neue große Hoffnung.“

Der Parteichef der liberalkonservativen Tisza steht vor der Herkulesaufgabe, das System Orbán abzubauen. Der scheidende Ministerpräsident setzte seine Vertrauten in Justiz, Wirtschaft und Medien ein. Kann Magyar es mit Orbáns Oligarchen und Loyalisten in den Institutionen aufnehmen? Wie rasch wird er die angeschlagenen Beziehungen zur EU reparieren können? Und was muss Magyar machen, um die Gunst seiner jungen Wähler nicht zu vergraulen?

Péter Magyar macht in einer Menschenmenge ein Selfie mit zwei Jugendlichen.
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Péter Magyar ist bei den jungen Ungarn beliebt.

Laut einer Umfrage von vor der Wahl planten 65 Prozent der Ungarn unter 30 für ihn zu stimmen.

profil war in Budapest und hat junge Ungarn gefragt, was sie sich von den nächsten Jahren unter einem Ministerpräsidenten Magyar erwarten.

„Die EU ist das Beste, was uns passiert ist“

Józsefs Schuhe quietschen bei jedem Schritt. Er geht durch die Gänge der Corvinus-Universität, wo er Politikwissenschaften studiert. Auch hier sitzen die Loyalisten Orbáns und seiner Fidesz-Partei. Ein Professor sei gefeuert worden, erzählt József, weil er der Ethik-Kommission der Uni die Bevorzugung eines Schülers gemeldet hatte, dessen Familie gute Kontakte zur Orbán-Regierung pflegte. „Hier im Gebäude haben wir auch schon protestiert“, sagt der 21-Jährige. József ist Anti-Orbán-Aktivist. Im Wahlkampf klopfte er an Türen, um vor dem Fidesz zu warnen – und verschob dafür sogar seinen Uni-Abschluss um ein Jahr.

Der Aktivist József steht in seiner Uni.
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József möchte nach der Uni als Kampagnenmanager bei einer Partei anfangen.

Raphael  Bossniak

Raphael Bossniak

ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.