Was Orbáns Debakel für Europas Rechtspopulisten bedeutet
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US-Präsident Donald Trump hält ihn für einen „fantastischen Typ“; Marine Le Pen von der französischen Rechtsaußen-Partei Rassemblement National bezeichnete ihn als „außergewöhnlichen Führer“; und der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders sprach von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán gar als „Löwen auf einem Kontinent, der von Schafen geführt wird“.
In seinen 16 Jahren als Ministerpräsident Ungarns wurde Orbán zu so etwas wie dem Posterboy des Rechtspopulismus. Gleichgesinnte auf der ganzen Welt eiferten ihm nach. Sie bejubelten Orbán für seine harte Migrationspolitik. Sie bewunderten ihn dafür, wie rasch und geschickt er sein Land zur „illiberalen Demokratie“ umbaute, wie er Medien, Wirtschaft und Justiz unterwarf. Sie beklatschten, wie er sich mit der EU anlegte und seine Nähe zu Russland stolz vor sich hertrug.
All das ist Orbán nun zum Verhängnis geworden.
Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag scheiterte er krachend gegen Oppositionsführer Péter Magyar, der künftig im Parlament über eine stabile Zweidrittelmehrheit verfügt. Das Ergebnis war eindeutig, Orbán gestand seine Niederlage ein, noch bevor alle Stimmen ausgezählt waren. Und jene, die dachten, Orbán hätte die Formel für die rechtsautoritäre Langzeitherrschaft gefunden, müssen sich fragen, welche Lehren sie aus der Niederlage ihres Idols ziehen müssen. Was bedeutet der Sturz des Systems Orbán für die Wahlen in Italien und Frankreich im kommenden Jahr? Müssen Europas Rechte umdenken?
„Vor allem in Ländern, die im kommenden Jahr wählen, darunter Frankreich und Italien, sieht man sich genau an, was für Orbán schiefgelaufen ist“, sagt Richard Schenk von der Orbán-nahen Denkfabrik Mathias Corvinus Collegium (MCC) in Brüssel. Sein größter Fehler? „Ausgerechnet Orbán hat vergessen, Populist zu sein.“ Nationalkonservative müssten zuallererst national denken und auf die eigenen Leute hören. Das habe Orbán zu wenig getan.
Die Kritik aus dem MCC ist erstaunlich, immerhin ist sie Teil des Systems Orbán und gilt als Kaderschmiede seiner Fidesz-Partei. Fast 1,7 Milliarden Euro hat das MCC von der Regierung bekommen, mehr als alle Universitäten des Landes zusammen. Am MCC wurde der Orbánismus gepflegt und verteidigt – zumindest bisher.
Wahlplakat Orbans in Budapest
© AFP/APA/FERENC ISZA
Wahlplakat Orbans in Budapest
Make Ungarn Great Again? Die toxische Nähe zu US-Präsident Donald Trump
Einer ging in seinen Loyalitätsbekundungen für Orbán weiter als alle anderen: Donald Trump. Er sprach nicht nur eine Wahlempfehlung für ihn aus, sondern kündigte wenige Tage vor den Wahlen auch an, Umgarn mit „der ganzen wirtschaftlichen Macht der Vereinigten Staaten“ zu unterstützen. Zuvor war Trumps Vize JD Vance nach Budapest gereist, um Orbán im Wahlkampf zu unterstützen. Dort beschwerte sich Vance in einer Rede ausgerechnet über die angebliche Einmischung der EU in die ungarischen Parlamentswahlen.
Dem Wahlvolk hat das offenbar wenig imponiert. Der Krieg im Iran, die erratischen Handlungen und wüsten Beschimpfungen in den sozialen Medien – Trump ist für viele außerhalb seiner MAGA-Fanbasis längst zur toxischen Marke geworden. Das ist auch Europas rechtem Rand nicht entgangen.
Großbritanniens erfolgreichster Rechtspopulist Nigel Farage überschlägt sich geradezu in hektischer Distanzierung zu seinem ehemaligen Idol aus Amerika; und in Deutschland ist die AfD gespalten: Während etliche Mitglieder die Nähe zur MAGA-Bewegung suchen und regelmäßig für Treffen in die USA reisen, hat sich die Parteispitze von Trump distanziert. Tino Chrupalla bezeichnet den US-Präsidenten mittlerweile als „irre“, und Alice Weidel, der MAGA-Bewegung bis vor Kurzem noch in tiefer Bewunderung ergeben, hat ihre Leute dazu aufgerufen, vor dem Hintergrund des Iran-Krieges auf Abstand zu den amerikanischen Kollegen zu gehen.
HUNGARY-GERMANY-POLITICS-DIPLOMACY-PARTIES-AFD
© APA-Images / AFP / ATTILA KISBENEDEK
HUNGARY-GERMANY-POLITICS-DIPLOMACY-PARTIES-AFD
Gefallene Ikone
AfD-Co-Chefin Alice Weidel und Viktor Orbán im Februar 2025 in Budapest: Für die AfD galt das System Orbán als Vorbild.
Nach den jüngsten Verbalattacken Trumps gegen den Papst distanzierte sich auch eine alte Verbündete vom US-Präsidenten: Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Der Papst hatte den Krieg Israels und der USA gegen den Iran kritisiert, woraufhin Trump ihm unterstellte, er wolle einen atomar aufgerüsteten Iran, hofiere die Linke und wäre ohne ihn sowieso nie Papst geworden. Meloni sagte, die Angriffe auf das Kirchenoberhaupt seien „inakzeptabel“, und es sei völlig klar, dass der Papst zum Frieden aufrufe.
Für Meloni war die Rolle als Europas „Trump-Flüsterin“ lange ein Trumpf, nun wird ihre Nähe zum US-Präsidenten zusehends zur Last. Der Krieg im Iran ist in Italien so unbeliebt wie Trump selbst, und Meloni nimmt Abstand vom US-Präsidenten und dessen Aussagen. Immerhin will sie im kommenden Jahr wiedergewählt werden.
Sich zum Spion Putins zu machen, kann nach hinten losgehen
Dass Viktor Orbán ein enges Verhältnis zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin pflegt, ist kein Geheimnis. Anders als die allermeisten anderen Mitgliedstaaten reduzierte Ungarn seine Abhängigkeit von russischem Öl und Gas nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine nicht; und auf EU-Ebene blockierte Orbán alles, was Kyjv helfen und Moskau schaden könnte: Seine Zustimmung zu den Sanktionspaketen gegen Russland ließ er sich teuer bezahlen, und zuletzt legte er ein Veto gegen ein 90 Milliarden Euro schweres Hilfspaket für Kyjv ein.
Die Ungarn sind nicht so russophil, wie sie oft dargestellt werden.
Richard Schenk von der Orbán-nahen Denkfabrik MCC
Seit Kurzem ist bekannt, wie eng – und wie konkret – die Zusammenarbeit zwischen Budapest und Moskau wirklich ist. Wenige Tage vor den Wahlen veröffentlichte die Nachrichtenagentur Bloomberg das Transkript eines Telefonats zwischen Orbán und Putin vom Oktober 2025. In dem Gespräch bietet Orbán Putin „jede erdenkliche Hilfe“ an und vergleicht seine Freundschaft mit dem russischen Präsidenten mit einer bekannten Fabel: Ungarn sei die Maus, die dem Löwen im Kreml zur Flucht verhilft, nachdem dieser sie verschont hat. Und Ungarns Außenminister Péter Szijjártó soll sogar regelmäßig vertrauliche Informationen aus Treffen mit seinen EU-Kollegen an den Kreml weitergegeben haben.
Die Affäre dürfte Orbán, der sich im Wahlkampf als Opfer ausländischer Feinde (die EU, die Ukraine) inszenierte, nicht geholfen haben. „Die Ungarn sind nicht so russophil, wie sie oft dargestellt werden“, sagt Schenk von der Orbán-Denkfabrik MCC. Auch das Fidesz-Lager wisse, dass Russland gefährlich sei. „Den Leuten hat es gereicht. Sie wollten nicht als Russland-nahe wahrgenommen werden.“
Eine direkte Konfrontation mit der EU sollte wohlüberlegt sein
Gegen die EU zu wettern und Brüssel für alle Miseren zur Verantwortung zu ziehen, mag innenpolitisch Punkte bringen, doch eine direkte Konfrontation mit der EU kann teuer werden.
Insgesamt rund 30 Milliarden Euro an Fördergeldern hat die Europäische Kommission wegen Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn eingefroren, 20 davon wurden bis heute nicht ausgezahlt. Dabei kann das Land, das mittlerweile zu den ärmsten EU-Staaten gehört, das Geld gut gebrauchen. „Orbán hat sich da komplett verhoben“, sagt MCC-Analyst Schenk. „Er hat den Kampf mit der EU immer wieder verlängert, und die Gelder blieben eingefroren.“ Im Wahlkampf versprach Magyar, die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn wiederherzustellen, die EU-Milliarden ins Land zu holen und damit etwa den Ausbau der regionalen Schiene zu finanzieren. „Damit hat er die Stimmung in der Bevölkerung getroffen“, sagt Schenk.
Früher oder später werden Kleptokratie und Korruption abgewählt
Es gehört zum rechtspopulistischen Standardrepertoire, gegen vermeintlich korrupte, sich selbst bereichernde Eliten zu wettern. Was aber, wenn die Rechtspopulisten selbst zu Kleptokraten werden? Genau das ist in Ungarn geschehen – und hat sich nun bei den Wahlen gerächt.
16 Jahre lang war Orbán an der Spitze einer kleptokratischen Elite, die sich selbst in die Taschen schaufelte. „Die Menschen wurden ärmer, die Leute in Orbáns Umfeld immer reicher“, sagt Schenk. In der Vergangenheit habe Fidesz mit Versprechen wie der Schaffung neuer Arbeitsplätze Wahlen gewonnen, doch in den vergangenen sechs Jahren hatte die Partei keine neuen Ideen, wie man die breite Bevölkerung erreichen könnte.
Die Unzufriedenheit der Menschen mit den Lebensbedingungen war der größte Faktor bei den Wahlen. Bildungs- und Gesundheitssystem sind marod, die Wirtschaft ist kaputt, Ungarn hat eine der geringsten Pro-Kopf-Wirtschaftsleistungen in der EU. Die Korruption Orbáns kam Ungarn teuer zu stehen – und genau mit dieser Botschaft zog Péter Magyar in den vergangenen Monaten durchs Land. Er versprach, gegen Korruption zu kämpfen und die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Das hat viele überzeugt, auch solche, die zuvor der Fidesz ihre Stimme gegeben hatten.
Die Rache der Wähler für Orbáns Kleptokratie hat Europas Rechtsparteien aufgeschreckt. „Rechte Wähler verzeihen auf Dauer keine Korruption, keine Vetternwirtschaft, keine Selbstbereicherung“, schreibt der neurechte Stratege Benedikt Kaiser auf „X“ zum Wahlausgang in Ungarn – ganz so, als hätte die Welt erst am vergangenen Sonntag erfahren, dass Orbán in seinem Land ein korruptes System erschaffen hat. Kaiser arbeitet für den rechtsextremen AfD-Bundestagsabgeordneten Robert Teske und gilt als völkisch-nationalistischer Nachwuchsideologe. Der AfD, die gerade mit einer eigenen Korruptionsaffäre kämpft, rät er: „Eingreifen, bevor hier etwas außer Kontrolle gerät.“
Spaltung und Verachtung: Die Rache der Wähler
Eines der vielen Talente Orbáns war die Kunst der Spaltung. Er teilte die Bevölkerung in echte Patrioten und Feinde des Landes, dazwischen war nicht viel Platz. Meinungsunterschiede waren unerwünscht, und alles, was von den Positionen der Fidesz abwich, wurde verteufelt. Ähnlich wie Trump, der seine eigenen Wähler mit dem echten Amerika gleichsetzt und alle anderen als Feinde der USA betrachtet, beanspruchte auch Orbán das Monopol auf den Nationalismus in seinem Land.
Diesen Fehler vermied Magyar im Wahlkampf. Er versprach, das Leben aller Menschen zu verbessern, verfolgte eine inklusivere Strategie und sprach damit auch traditionelle Fidesz-Wähler an.
Werden rechte Kräfte in Ländern wie Italien, Frankreich und Österreich ihre Lehren aus Orbáns Niederlage ziehen? „Wir haben dazu in Brüssel einige Rückmeldungen bekommen“, sagt MCC-Analyst Schenk. Jene Parteien, die sich bisher auf Orbán ausgeruht und verlassen haben, müssten nun ihren eigenen Weg finden. „Das betrifft vor allem junge Parteien wie die AfD, die jetzt einen größeren Fokus auf Professionalisierung legen und lernen müssen, was Orbán falsch gemacht hat.“
In der AfD werden die Rufe nach Reformen bereits lauter, Teile der Partei wollen auf Distanz zu Trump und der rechten israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu gehen.
Anders die FPÖ. Man nehme „das Machtwort des Souveräns“ in Ungarn zur Kenntnis, schrieb FPÖ-Chef Herbert Kickl am Montag auf „X“, doch in Österreich sei „ein Systemwechsel jetzt wichtiger denn je“. Die FPÖ halte unbeirrt an ihrem Kurs fest.
Siobhán Geets
ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.