Man kann in Budapest viele Orte besuchen, um Premierminister Viktor Orbán besser zu verstehen. Den Heldenplatz, wo Orbán 1989 einst eine Rede hielt, die ihn schlagartig im Land bekannt machte. Das Parlament, in dem er sich in den 1990er-Jahren zum rechten Polterer wandelte. Oder die prächtige Burganlage über der Donau, die Orbán für über 60 Millionen Euro zum neuen Regierungssitz hat umbauen lassen. Hier residierten einst die ungarischen Könige.
Oder man besucht ein Obdachlosenheim im historischen Stadtteil Józsefváros (Josefstadt). Hier schlafen Obdachlose übereinander in wackeligen Stockbetten. Es riecht nach Schweiß und ungewaschener Kleidung, ein röchelndes Schnarchen hallt durch den Raum. Die Halle, in der heute mehrere Dutzend Obdachlose leben, war einst ein Schlachthaus. In einem kleinen Raum liegen abgemagerte Menschen, gehüllt in dicke Decken. Es ist ein provisorisches Krankenhaus. „Sie können hier länger bleiben, ohne etwas zahlen zu müssen“, erzählt ein Sozialarbeiter, „viele warten auf einen Termin in einem staatlichen Krankenhaus – manche sterben hier.“
Wer in Ungarn ins Krankenhaus kommt, muss sein eigenes Klopapier und Bettzeug mitbringen. Und so steht für viele Ungarn an diesem Sonntag auch der marode Zustand des Gesundheitssystems am Stimmzettel. Die Wirtschaft des Landes stagniert. Auch das ein wesentlicher Grund, weshalb die 16-jährige Herrschaft von Viktor Orbán enden könnte. Umfragen zufolge liegt der Oppositionelle Péter Magyar von der proeuropäisch-konservativen Tisza-Partei zehn Prozentpunkte vor Orbán. Der Rechtspopulist Orbán, der enge Kontakte zu Russland pflegt und im Auftrag Moskaus immer wieder die EU sabotierte, bangt um die Wiederwahl. Er hat Ungarn zu einem autoritären Staat umgebaut – eine Abwahl schien lange unmöglich. Bis jetzt.
profil ist nach Budapest gekommen, um einen einstigen Weggefährten Orbáns zu treffen: Gábor Iványi ist der leitende Kopf hinter diesem Obdachlosenheim. Einst taufte der Pastor Orbáns Kinder, kämpfte zusammen mit ihm gegen den Kommunismus, doch heute ist er eine der größten Kritiker des ungarischen Premierministers.
Iványis Büro versteckt sich hinter einer geschlossenen Buchhandlung. Eine lange Wendeltreppe führt nach oben. Sein Büro quillt über mit Büchern und Zetteln. An der Wand hängt ein Bild der verstorbenen britischen Königin Elisabeth II. mitsamt Autogramm. „Das war ein Geschenk von der Queen, als sie unser Heim besuchte“, erzählt Iványis Assistentin Zsófia.
Iványi selbst sitzt auf einem Sofa, die Hände gefaltet, fast so, als würde er beten. Der Geistliche ist mit seinen 74 Jahren ein alter Mann mit weißem Bart und leiser Stimme. Wenn er über die Vergangenheit redet, schließt er manchmal die Augen, um nachzudenken.
Dann erzählt er die Geschichte von Viktor Orbán.
Wann begegneten Sie Viktor Orbán das erste Mal?
Gábor Iványi
Ich traf ihn bei einer Podiumsdiskussion der Demokratiebewegung in einem Theater. Das muss 1988 oder 1989 gewesen sein. Orbán war damals ein junger, talentierter Student und moderierte die Veranstaltung. Ich war froh, ein junges Gesicht zu sehen. Ich hatte bereits 20 Jahre für einen demokratischen Wandel und gegen den Kommunismus gekämpft und war froh, dass die junge Generation den Kampf fortführt. Er wurde mir vorgestellt, wir schüttelten die Hände und unterhielten uns zum ersten Mal.
war einst ein Weggefährte Viktor Orbáns und ist heute einer seiner größten Kritiker. Der protestantische Geistliche war in den 1980er-Jahren Gegner der in Ungarn diktatorisch herrschenden Kommunisten und lernte in seiner Zeit als Dissident den Jusstudenten Orbán kennen. Nach der Wende war er für die liberale Partei „Allianz freier Demokraten“ (SZDSZ) vier Jahre Parlamentarier und leitet heute die „Evangelische Bruderschaft in Ungarn“. Er stammt aus einer methodistischen Pfarrerfamilie.
Orbáns ehemaliger Fußballtrainer beschrieb ihn einmal als jemanden, der „schnell am Ball“ ist, also schnell reagiert. Er gilt als charismatischer Redner. Welche Qualitäten katapultierten ihn nach dem Fall des Kommunismus in Ungarn in den Rang eines Spitzenpolitikers?
Iványi
Mir schien es damals, als gäbe es für ihn keine Angst. Er war mutig und furchtlos. Ließ sich nicht von Angriffen der Polizei einschüchtern und führte tapfer Demonstrationen an – er war ein Revolutionär. Aber schon damals war mir klar, dass er hungrig nach Macht war.
Woran merkten Sie das?
Iványi
Sein Mitbewohner von der Universität erzählte mir einmal, Orbán hätte ihm gesagt, dass er zwei Dinge in seinem Leben erreichen will: Er will Premier werden und reich werden. Doch ich habe mich von anderen Oppositionellen davon überzeugen lassen, dass dieser Machtwille notwendig ist, um eine Führungsrolle zu übernehmen. Ich dachte damals nicht daran, dass Orbán wirklich gefährlich werden könnte.
Sie haben Viktor Orbán und seine Frau kirchlich getraut und tauften zwei seiner Kinder. Wie kam es dazu?
Iványi
Ich besuchte gerade ein Kirchenmitglied in der Stadt Szolnok. Auf einem Hausschild las ich zufällig „Viktor Orbán, Anikó Lévai (Orbáns Ehefrau, Anm.)“. Ich wusste gar nicht, dass sie dort wohnen. Da wurde ich neugierig und klingelte. Anikó machte mir die Tür auf – Viktor war gerade beim Militärdienst. Es entspann sich ein sehr intimes Gespräch. Es stellte sich heraus, dass das Paar gar nicht kirchlich getraut war. Ich war damals ein in der Opposition sehr bekannter Pastor. Sogar die Geheimdienste kannten mich gut. Also fragte mich auch Anikó an.
Er hat seine Werte nicht geändert, weil er keine hat. Er strebt nur nach Macht.
Gábor Iványi
Pastor
In den 1990er-Jahren verwandelte sich Orbán – nun Karrierepolitiker – vom Liberalen zum Konservativen. War dieser Rechtsruck dem aktuellen Zeitgeist geschuldet oder durchlebte Orbán einen ideologischen Wandel?
Iványi
Orbán ist ein brillanter Schauspieler, der alles spielen kann. Wenn ich mir seine früheren Aussagen anhöre, stimme ich allem zu, was er damals gesagt hat. Aber heute sagt er genau das Gegenteil. Er hat seine Werte nicht geändert, weil er keine hat. Er strebt nur nach Macht.
Er ist also ein Opportunist?
Iványi
Absolut. Ein Politiker muss pragmatisch sein, aber auch seine Werte einhalten. Orbán ist zum Mann ohne Gesicht verkommen, aber auch zu einem Mann, der nur an Macht glaubt und bereit ist, zu betrügen. Wissen Sie, unser Wahlsystem hier in Ungarn ist mittlerweile ziemlich antidemokratisch. Wenn es ein Fußballspiel wäre, würden am Schluss alle Tore für das Regierungsteam gezählt werden – auch die, die ins eigene Tor gingen.
Orbán (links) wird 1998 zum ersten Mal Premierminister Ungarns.
Orbán inszeniert sich als „christlicher“ Politiker und als Verteidiger der „christlichen Kultur“. Sie sind Pastor. Müsste Ihnen das nicht eigentlich gefallen? Worin unterscheidet sich Ihr Christentum von dem eines Viktor Orbán?
Iványi
Ich habe ihm immer gesagt, dass ein Christ zu sein nicht bloß heißt, dass man eine Taufurkunde besitzt. Es bedeutet, wie Jesus zu sein. Ich frage mich immer, wie Jesus in einer Situation handeln würde. Auch Herr Orbán sollte sich das fragen: Was würde Jesus gegen die Armut im Land tun, was würde er mit den öffentlichen Geldern tun? Und manchmal habe ich ihn auch gewarnt, dass er in die Hölle kommt, wenn er seinen aktuellen Weg fortsetzt. Er war darüber gar nicht glücklich, er war sogar ziemlich beleidigt.
Und manchmal habe ich ihn auch gewarnt, dass er in die Hölle kommt, wenn er seinen aktuellen Weg fortsetzt.
Gábor Iványi
Pastor
Wann brachen Sie endgültig mit Orbán?
Iványi
Er enttäuschte mich schon 1993, kurz bevor ich seine Kinder taufte: Die Fidesz-Partei verkaufte damals ihre Zentrale in Budapest. Aber das Geld dafür ging nicht in an die Partei, sondern in die Taschen der Firma von Orbáns Vater. Aber ich brach erst endgültig mit ihm, als er in den 1990er-Jahren zu einem rechten Politiker wurde. Das war inakzeptabel für mich.
Viktor Orbán wollte im Wahlkampf auch einmal ein Foto mit Ihnen für seine Kampagne machen.
Iványi
Das war während seiner ersten Regierungszeit Ende der 1990er-Jahre. Damals war ich Abgeordneter und arbeitete mit der „Allianz freier Demokraten“ (SZDSZ) zusammen, einer liberalen Oppositionspartei. Orbán wollte mich in seiner Kampagne und hat Zoltán Balog als Boten geschickt.
Man hat uns, völlig rechtswidrig, unseren Status entzogen. Wir mussten wieder bei null anfangen.
Gábor Iványi
Pastor
Ein Bischof, der später in seinem Kabinett Minister wurde.
Iványi
Unlängst war er in einen Skandal verwickelt, bei dem ein pädophiler Straftäter geschützt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich sagte Zoltán Balog damals, dass ich ein Mitglied der Opposition sei und dieses Foto ein offensichtliches Zeichen dafür wäre, dass ich meine Prinzipien aufgegeben hätte. Und natürlich gab es das Angebot, dass wir damals mehr staatliche Unterstützung erhalten könnten. Aber ich sagte, dass wir kein zusätzliches Geld brauchen, sondern nur das, was uns rechtmäßig zusteht.
2011 erkannte die Regierung Ihrer Glaubensgemeinschaft, der „Evangelischen Bruderschaft in Ungarn“, den Status als staatlich registrierte Kirche ab. Orbán drehte Ihnen damit auch nahezu sämtliche Förderungen ab. Was hatte das für Konsequenzen?
Iványi
Es war schlimm. Man hat uns, völlig rechtswidrig, unseren Status entzogen. Wir mussten wieder bei null anfangen. Wir mussten erneut eine Kirche werden. Die Venedig-Kommission (ein Beratungsorgan des Europarates, Anm.) warnte damals, dass dies zum Zusammenbruch jener Einrichtungen führen würde, die Obdachlosen, Armen, benachteiligten Kindern oder Kindern mit besonderen Bedürfnissen sowie älteren Menschen helfen. Der Staat entzog uns nach und nach alle Zuschüsse, obwohl wir ihre Arbeit erledigten. Aber wir arbeiten bis heute. Und ich glaube, sie sind ziemlich wütend, dass sie uns in diesen 16 Jahren nicht zerstören konnten.
Iványis „Evangelische Bruderschaft in Ungarn“ half laut Eigenaussage um die 20.000 Menschen seit 1990.
Sie helfen auch ukrainischen Geflüchteten. Bringt das auch Ärger mit der Regierung?
Iványi
Ja, das tut es. Heute zum Beispiel haben wir eine Beerdigung für einen jüdisch-ungarischen Jungen geplant, der in die Ukraine gegangen ist, um zu kämpfen, und getötet wurde. Einer der Gründe, die ihn motivierten, war die bösartige Propaganda der ungarischen Regierung gegen die Ukraine.
Orbán hat sich einst gegen die in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen aufgelehnt und später in seiner ersten Amtszeit Ungarn in die NATO geführt. Heute gilt er als der engste Verbündete des russischen Präsidenten Wladimir Putin innerhalb der EU. Wie erklären Sie sich diese Wandlung?
Iványi
Es ist eine Schande, ein Verrat. Ähnlich wie die Geschichte von Judas in der Bibel. Leider kommt so etwas vor, aber es ist dennoch beschämend und inakzeptabel.
Péter Magyar muss die Presse, die Gerichte und die Universitäten befreien und die parlamentarische Demokratie wiederherstellen.
Gábor Iványi
Pastor
Kann Péter Magyar das System Orbán besiegen und Ungarn wieder in eine Demokratie umbauen?
Iványi
Wir haben derzeit keine parlamentarische Demokratie. Wenn Péter Magyar das von Orbán aufgebaute zentralistische System nicht ändert, dann wird er es nicht schaffen. Aber wenn er es tut, dann hat er eine Chance, die Demokratie wieder aufzubauen. Er muss er die Presse, die Gerichte und die Universitäten befreien und die parlamentarische Demokratie wiederherstellen.
Er hat ein großes Talent fürs Betrügen. Und er hat einen großartigen Partner: Herrn Putin. In Ungarn sind viele russische Agenten tätig. Was Orbán interessant für Putin macht, ist, dass er in der Lage ist, die EU zu zerstören. Deshalb ist es für Russland wichtig, ihn an der Macht zu halten. Das ist auch eine Schande für die EU, und auch sie braucht den Wandel. Es ist absolut inakzeptabel, dass Orbán bei Abstimmungen im Europäischen Rat hinaus zum Kaffeetrinken geschickt werden muss, damit Entscheidungen getroffen werden können. Brüssel braucht also diesen Wandel, und ich vermute, Péter Magyar spürt das und weiß das, und er ist in der Lage, das zu ändern.
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Stand:
Raphael Bossniak
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.
Als ich vor fünf Jahren Opfer einer Schmierkampagne in Ungarn wurde, wollte ich den Fall rasch hinter mir lassen. Heute frage ich mich: Was ist damals eigentlich passiert? Und was können wir daraus über Viktor Orbán lernen?
Oppositionsführer Péter Magyar liegt in den Umfragen vor den Wahlen in Ungarn am 12. April vorne. profil-Korrespondent Gregor Mayer erklärt, wie wahrscheinlich sein Sieg ist und was sich unter Magyar ändern würde.
Von Siobhán Geets,
Robert Treichler und
Gregor Mayer
Wie Viktor Orbán mit einem neuen Gesetz unabhängige Medien und NGOs kaltstellen will – ein Gespräch mit Szilárd Teczár, Chefredakteur der ungarischen Faktencheck-Plattform Lakmusz.