Wenige Stunden, nachdem der US-Angriff gegen den Iran begonnen hat, erreicht profil eine knapp 40 Sekunden lange Voice-Nachricht auf Telegram. Ein Kontakt in Teheran, nennen wir ihn Arash, hat sie geschickt. Er fasst zusammen, was man darin hört und was in der unter Beschuss stehenden Stadt vor sich geht.
„Menschen stehen auf den Dächern und rufen", schreibt er. Sie rufen „Tod dem Diktator!", „Tod Chamenei!"
An den Tankstellen und Bäckereien haben sich lange Schlangen gebildet, sagt Arash. Gleichzeitig habe er zum ersten Mal seit Wochen Menschen lachen gehört.
Arash heißt eigentlich anders. Er ist einer von mehreren Iranerinnen und Iranern, mit denen profil in den letzten Tagen Kontakt aufgenommen hat. Viele haben Angst, sich politisch zu äußern, zumal gegenüber ausländischer Presse. Deswegen werden hier nur wenige Details über die Personen genannt.
Da ist zum Beispiel Siamak, ein gelernter Elektroingenieur, Mitte 60. Profil hat mit ihm drei Tage vor dem Angriff ein Videogespräch geführt. Er lebt in Maschhad, nach Teheran die zweitgrößte Stadt des Iran. Geschäfte und Schulen haben geöffnet, Menschen gehen zur Arbeit, erzählt er über die Tage vor Beginn der Angriffe. Aber viele Läden schließen, weil sie wegen der Wirtschaftskrise pleitegegangen sind. Baufirmen haben große Projekte verschoben. Alle warten auf den Krieg, sagt Siamak.
Jetzt ist dieser Krieg da. Am Samstagmorgen gehen Meldungen um die Welt. Rauchwolken über Teheran, Explosionen an mehreren Orten. In der Hauptstadt bildeten sich an den Tankstellen lange Schlangen. Zudem verlassen zahlreiche Menschen die Stadt, wie Augenzeugen der Nachrichtenagentur Reuters berichten. Das US-Militär hat nach Angaben von Präsident Donald Trump umfangreiche Angriffe gegen Iran begonnen. Auch Israel beteiligt sich an dem Angriff.
Profil hat in den Tagen vor dem Krieg Menschen im Iran kontaktiert. Darunter auch Siamak, den Elektroingenieur. Zu dem Zeitpunkt war noch unklar, ob es zu einem Angriff kommen würde.
Siamak sagt: Er persönlich habe keine Angst, im Gegenteil: „Ich warte auf diesen Anschlag und die Unterstützung aus dem Ausland. Damit dieses Regime so schnell wie möglich weg ist.“
Der Angriff kam nicht überraschend. Über Wochen hinweg wurde von Seiten der USA eine Drohkulisse aufgebaut. Parallel fanden bis zuletzt diplomatische Verhandlungen statt.
Im Streit um das iranische Atomprogramm und um das Arsenal an ballistischen Raketen hat Trump dem Regime in Teheran bereits am vergangenen Wochenende ein Ultimatum gesetzt. Sollte es in zehn bis 15 Tagen noch immer keine Einigung geben, dann würden „schlimme Dinge“ passieren.
Siamak, der Elektroingenieur aus Maschhad, findet: Schlimmer als das, was die iranische Bevölkerung im Jänner erlebt hat, kann es nicht werden. Das Regime hat die Massenproteste brutal niedergeschlagen, laut der UN-Sonderberichterstatterin für den Iran wurden mindestens 5000, womöglich sogar bis zu 20.000 Menschen getötet. Darüber hinaus kam es zu Zehntausenden Verhaftungen. „Im Jänner wurden in nur zwei Tagen mehr Menschen getötet als in einem Krieg“, sagt Parisa, eine Frau Ende 30, mit der profil Kontakt aufgenommen hat. Und sie bestätigt, was Siamak sagt. „Es gibt in meinem Umfeld auch viele, vor allem jüngere Leute, die keine Angst mehr vor einem Angriff der Amerikaner haben. Dann ist zumindest das Regime weg. Unser Zorn ist größer als unsere Angst.“
Unser Zorn ist größer als unsere Angst
An den Universitäten brodelt es
Dieser Zorn entlädt sich derzeit vor allem an den Hochschulen im Land. Videos in sozialen Netzwerken zeigen Menschen, die „Tod dem Diktator“, aber auch „Lang lebe der Schah“ rufen. Dann gibt es aber auch leisere Protestaktionen, die es nicht immer in die internationalen Medien schaffen.
Zum Beispiel an der Schule von Maryam, einer Frau Anfang 60. Sie unterrichtet an einer Mittelschule für Mädchen, an der unlängst eine Feier anlässlich des Jahrestages der Islamischen Revolution von 1979 abgehalten wurde. „Als die Regimetreuen an der Schule Lieder für die Revolution gesungen haben, hat die Mehrheit der Schülerinnen geschwiegen“, sagt sie. So etwas sei noch nie vorgekommen und „bis vor Kurzem undenkbar“ gewesen. Gleichzeitig fürchteten sich viele Schülerinnen, etwas zu sagen, weil es auch an ihrer Schule Verhaftungen gegeben habe. Einige Mädchen seien bis heute verschwunden. Menschenrechtsorganisationen warnen, dass es in iranischen Gefängnissen zu systematischer sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen kommt.
Seit Anfang Februar verhandeln die USA und der Iran unter Vermittlung des Oman in Genf über das iranische Atomprogramm und weitere, öffentlich nicht im Detail bekannte Forderungen des Weißen Hauses. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt sagte, die erste Wahl sei immer die Diplomatie, aber Trump sei bereit, notfalls auch Gewalt anzuwenden. Dass das nicht nur leere Worte waren, zeigen die Entwicklungen am Wochenende. Es ist nicht der erste Schlag gegen den Iran. Im vergangenen Juni griffen die USA mit bunkerbrechenden Waffen Urananreicherungsanlagen an. Der Schlag hat Irans Atomprogramm zwar um Jahre zurückgeworfen, aber (anders als Trump behauptete) nicht komplett zerstört.
Vieles spricht dafür, dass der aktuelle Angriff umfangreicher sein könnte, als jener im Sommer. Die USA haben etwa ein Drittel ihrer Kriegsschiffe sowie Hunderte Kampfflugzeuge in die Golf- und Mittelmeerregion verlegt – so viele, wie seit dem Irakkrieg im Jahr 2003 nicht mehr,
Die USA haben etwa ein Drittel ihrer Kriegsschiffe sowie Hunderte Kampfflugzeuge in die Golf- und Mittelmeerregion verlegt – so viele, wie seit dem Irakkrieg im Jahr 2003 nicht mehr.
„Es ist ein belastender Stillstand. Alle warten auf das große Erdbeben, ohne Einfluss darauf nehmen zu können“, sagt Parastou Forouhar, eine iranische Künstlerin im Exil, die 1991 nach Deutschland floh. Auch mit ihr spricht profil in den Tagen vor dem Angriff. Ihre Eltern, Oppositionelle, wurden 1998 vom iranischen Geheimdienst in ihrem Haus ermordet. Forouhar, heute eine wichtige Stimme in der Diaspora, erzählt von einem zerrissenen Land, in dem so gut wie keine Zeit zum Trauern bleibt. Gerade erst wurden die Toten der jüngsten Proteste begraben. Weiterhin riskieren Menschen ihr Leben, um dem System Paroli zu bieten. „Sie dachten, es würde Unterstützung kommen. Aber was genau das ist, bleibt unklar und diffus“, sagt sie. Sicher ist: Teherans Führung zeigte sich bis zuletzt wenig kompromissbereit.
„Ihr fragt euch, warum wir nicht kapitulieren“, schrieb der iranische Außenminister Araghchi auf „X“ und lieferte die Antwort gleich selbst: „Weil wir Iraner sind.“ Und die iranische Zeitung „Seda“ titelte bereits Ende Jänner mit dem Satz: „Iran ist nicht Venezuela“.
Das Regime in Teheran hatte in den letzten Wochen mit Gegenschlägen gedroht. „Weitere Angriffe auf den Iran hätten verheerende Folgen für die Vereinigten Staaten und die gesamte Region“, schreibt etwa die „Tehran Times“, eine englischsprachige Zeitung, die als Sprachrohr des Regimes gilt. Der Iran würde nicht nur Israel angreifen, sondern auch US-Militärbasen in Saudi-Arabien. Zusätzlich würde der Iran auf seine Verbündeten, die „Achse des Widerstands“, zurückgreifen: die Hamas in Gaza, die Hisbollah im Libanon, die Hisbollah-Bataillone im Irak sowie die Huthis im Jemen. Diese würden nicht tatenlos zusehen, wenn der Iran unter Beschuss genommen wird, schreibt die „Tehran Times“, sondern ebenfalls US-Ziele angreifen.
Diese Drohungen setzt der Iran jetzt in der Tat um. Kurz nach Beginn der US-Angriff holte Teheran zum Gegenschlag aus. Die iranischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben insgesamt vier US-Militärstützpunkte in der Region attackiert. Darunter den Militärstützpunkt Al-Udeid in Katar, den Stützpunkt Al-Salem in Kuwait, der Luftwaffenstützpunkt Al-Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie die US-Flotte in Bahrain (siehe dazu den Tagesschau Live-Ticker)
Diese Entwicklungen waren vorhersehbar. Seit Wochen leben Iranerinnen und Iraner in völliger Ungewissheit. „Jeder denkt an den möglicherweise bevorstehenden Krieg. Wir wissen nicht, was wir dann tun sollen“, sagt Parisa gegenüber profil. Das Gespräch fand drei Tage vor dem Angriff statt. Viele Menschen planen derzeit ihre Flucht, meint sie. Wohlhabende Iraner hätten in der Türkei Wohnungen und Häuser gekauft. Wer zurückbleibt, hat mit explodierenden Lebensmittelpreisen zu kämpfen, verursacht durch die seit Jahren anhaltenden US-Sanktionen. Fleisch oder rote Bohnen und Linsen seien mittlerweile unleistbar geworden, erzählt der Elektroingenieur Siamak. Er schätzt, dass sich der Preis für Brot in den letzten Monaten verdoppelt habe. „Wir fürchten eine Hungersnot“, sagt Parisa. Bereits jetzt hätten Restaurants geschlossen, weil sie in die Pleite gerutscht sind.
Die militärische Eskalation wird diese prekäre Lage wohl nur noch verschlimmern.
Siamak will das in Kauf nehmen. Vorbereiten konnte er sich nicht, wie er profil erzählt. Nur reiche Menschen können es sich leisten, große Mengen Lebensmittel zu horten.
Maryam, die Schuldirektorin, fürchtet sich vor einem langen Krieg. „Das Volk hat nicht die Kraft, das durchzustehen“, sagt sie.