Die islamistische Führung im Iran hat die jüngsten Proteste brutal niedergeschlagen und Tausende Menschen ermordet. Der Aufstand wird dennoch Folgen haben. Das Regime hat seine Legitimität endgültig verloren.
Vermummte Männer schießen auf Menschenmengen, gepanzerte Fahrzeuge versprühen ätzendes Tränengas auf Demonstranten, Sicherheitsleute stürmen ein Krankenhaus und prügeln auf Patienten ein. Die verwackelten Handyvideos zeigen das Ausmaß der staatlichen Gewalt im Iran. Die Bilder wirken wie aus einem Krieg, doch im Iran ist nur eine Seite hochgerüstet: die des theokratischen Regimes der Islamischen Republik.
Seit etwas mehr als zwei Wochen demonstrieren die Menschen im Iran gegen die Gewaltherrschaft der Führung in Teheran. Was in den letzten Dezembertagen auf dem Basar in der Hauptstadt als friedliche Demonstration gegen horrende Inflation und hohe Lebensmittelpreise begann, wuchs sich rasch zur landesweiten Protestwelle aus. Hunderttausende gingen in den Städten und selbst in ländlichen Gebieten auf die Straße. „Freiheit!“, riefen die Menschen im ganzen Land, und: „Tod dem Diktator!“
Von Raphael Bossniak,
Siobhán Geets und
Nina Brnada
Am Freitag vor einer Woche drehte das Regime das Internet im ganzen Land ab, seither dringt nur wenig nach draußen. Um die Welt gingen etwa die Videos von aneinandergereihten Leichensäcken, dazwischen verzweifelte Menschen, die nach ihren vermissten Angehörigen suchen oder über blutüberströmten Toten weinen.
Wie viele Menschen von den Revolutionsgarden und Schlägertrupps des Regimes ermordet wurden, kann niemand genau sagen. Schätzungen gehen von mindestens 3000 Toten aus, der oppositionelle TV-Sender Iran International spricht sogar von bis zu 12.000 Opfern. Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig prüfen, doch es mehren sich die Hinweise, dass Gewalt in ungesehenem Ausmaß stattfindet.
Krankenhäuser bitten dringend um Spenderblut, weil angesichts der vielen Verletzten die Reserven zur Neige gehen. Betroffene berichten aus der Hauptstadt, es seien so viele Tote auf den größten städtischen Friedhof Beheshtzahra geliefert wurden, dass Angehörige angewiesen werden, ihre Verwandten anderswo zu begraben. „Es ist das Jahr des Blutes!“, rufen Trauernde in einem Video – und machen ihrem Ärger Luft: Der Oberste Führer Ayatollah Khamenei werde stürzen.
Unrest In Iran As Protesters Demonstrate Over Economic Crisis
In den Städten herrsche Ausnahmezustand, überall seien Revolutionsgarden und regimetreue Basij-Milizen unterwegs, leitet ein Exil-Iraner am Donnerstag die jüngsten Neuigkeiten aus dem Iran an profil weiter. Eine landesweite Verhaftungswelle sei im Gange.
Zu Beginn der Proteste hatte die Führung in Teheran noch versöhnliche Töne angeschlagen. Khamenei zeigte Verständnis für die wirtschaftlichen Sorgen der Menschen, und Präsident Masoud Peseschkian ernannte einen neuen Zentralbankchef. Doch die Demonstrationen brachen nicht ab, im Gegenteil. Sie richteten sich längst gegen das islamistische Herrschaftssystem an sich.
Am 6. Jänner rief der ehemalige iranische Kronprinz Reza Pahlavi von seinem US-Exil aus zu weiteren Protesten auf. Der 65-Jährige hat sich selbst zum Oppositionsführer ernannt und sieht sich bereits als Übergangspräsident für eine Zeit nach dem erhofften Sturz des islamistischen Regimes. Pahlavi ist der erstgeborene Sohn des letzten persischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi – und damit für viele Oppositionelle im Iran der Nachfahre eines Tyrannen.
Schah Mohammad Reza Pahlavi regierte den Iran mit US-Unterstützung als Alleinherrscher. Wer sich nicht fügte, kam unter die Räder des berüchtigten Geheimdienstes SAVAK, der bevorzugt mit Fingerschrauben folterte. Die Brutalität der Monarchie, von der sich Reza Pahlavi junior nie distanziert hat, brachte die Mullahs an die Macht, die das System Pahlavi 1979 stürzten.
Seither lebt die alte Herrscherfamilie im Exil. Doch seinen Machtanspruch hat der von den USA und Israel unterstützte Pahlavi offenbar nie aufgegeben. „Lang lebe der Schah“, riefen Demonstranten in den Großstädten. Für einen Teil der Protestierenden ist der ehemalige Kronprinz zur Hoffnung auf Veränderung geworden.
Einschüsse an Kopf, Herz und Lunge
Ihren Höhepunkt fanden die Proteste Ende vergangener Woche. In Teheran ging eine Moschee in Flammen auf, und in der Hauptstadt sowie in den Großstädten Isfahan und Mashhad fanden die ersten Massenbeerdigungen statt.
Laut Medienberichten wurden Demonstrierende zu Beginn der Ausschreitungen mit Verletzungen durch Gummigeschosse in Krankenhäuser eingeliefert, nun waren es Schusswunden. Verletzte und Tote wiesen Einschüsse an Kopf, Herz und Lunge auf. Die Revolutionsgarden und die Soldaten der Basij-Miliz schossen offenbar mit Tötungsabsicht. In Teheran nahmen auch Scharfschützen die Menschen von den Dächern aus ins Visier.
In dem Versuch, das Land von der Außenwelt abzuschneiden, kappte das Regime am Freitag vergangener Woche das Internet, auch Anrufe ins Ausland waren zwischenzeitlich nicht möglich. Vermehrt mischte sich nun auch Donald Trump in das Geschehen ein.
Merkt euch die Namen der Mörder und Peiniger. Sie werden einen hohen Preis zahlen.
US-Präsident Donald Trump
Schon Anfang Jänner hatte der US-Präsident das Regime davor gewarnt, Demonstrierende zu töten, seither begleitet er die Protestwelle auf seiner eigenen Onlineplattform „Truth Social“. Dort forderte er die Menschen im Land auf, weiter auf die Straße zu gehen. „Merkt euch die Namen der Mörder und Peiniger“, schrieb er, denn: „Sie werden einen hohen Preis zahlen.“ Den Demonstranten richtete er aus, dass die USA bereitstünden, ihnen zu helfen.
Die Wahrscheinlichkeit eines US-Militärschlags gegen das iranische Regime stieg.
Washington forderte seine Bürger auf, den Iran unverzüglich zu verlassen; „nichtessenzielles Personal“ wurde von der US-Luftwaffenbasis in Katar abgezogen. Am vergangenen Dienstag präsentierten Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio Trump verschiedene Optionen für ein mögliches Vorgehen im Iran. Denkbar sind neben einem Angriff auf Irans Obersten Führer Khamenei auch Militärschlage auf die Einrichtungen der Revolutionsgarden, auf das Atomprogramm oder Stellungen ballistischer Raketen.
Dass Amerika vor großangelegten Angriffen auf den Iran nicht zurückschreckt, ist spätestens seit vergangenem Juni klar. In einem zwölf Tage andauernden Krieg griffen die USA gemeinsam mit Israel das iranische Atomprogramm an – und fügten dem Regime eine herbe Niederlage zu.
Es war eine von vielen in den vergangenen Jahren. Der Iran ist angeschlagen, nicht nur von innen. Die Verbündeten des Regimes in der Region – die Hamas im Gazastreifen, die Huthi im Jemen und die Hisbollah im Libanon – sind geschwächt, und mit Syriens Diktator Baschar al-Assad, der 2024 gestürzt wurde, verlor die Führung in Teheran einen weiteren wichtigen Alliierten.
Das islamistische Regime in Teheran steht zunehmend mit dem Rücken zur Wand.
Die Furcht der Mullahs
Dass das Regime die Demonstrationen dermaßen hart niederschlug, liegt an der Angst vor seinem Ende. Die Proteste sind breiter als je zuvor, sie haben alle gesellschaftlichen Schichten und Regionen erfasst. Auch in sonst regimetreuen Provinzen wie Luristan oder Razavi-Chorasan, aus der Khamenei stammt, gingen Menschen auf die Straße. Die Proteste erreichten diesmal auch konservative Gruppen.
Doch das Regime scheint die Bewegung erfolgreich niedergeschlagen zu haben – zumindest vorerst.
Die nächsten Proteste könnten schon vor der Tür stehen, sagt der deutsche Islamwissenschafter Robert Chatterjee, stellvertretender Chefredakteur der Nahost-Fachzeitschrift „zenith“: „Bisher folgte jeder Repressionswelle ein Trauerzyklus, der die nächste Repressionswelle vorbereitet hat.“ Diese Zyklen werden immer kürzer: Früher lagen zwischen Massenprotesten zehn Jahre, nun sind seit den letzten erst drei Jahre vergangen. „Im schiitischen Islam hat ein Trauerzyklus von 40 Tagen eine hohe symbolische Bedeutung“, sagt Chatterjee, „nach den aktuellen Protesten würde das Ende des Zyklus auf Mitte Februar fallen.“
Durchaus möglich, dass es Mitte Februar die nächste Protestwelle gibt.
Islamwissenschaftler Robert Chatterjee
Die religiöse Führung feiert am 11. Februar den Tag der Islamischen Revolution. An diesem Tag wurde im Jahr 1979 das Regime von Schah Mohammad Reza Pahlavi gestürzt – und die Islamisten übernahmen die Macht. „Durchaus möglich, dass es dann die nächste große Widerstandswelle gibt“, sagt Chatterjee.
Denkbar sei auch eine Verlagerung des Widerstands weg von der Straße. Die Zivilgesellschaft des Iran sei breit aufgestellt, es gebe Berufsverbände und Gewerkschaften. Diese könnten mit Arbeitsniederlegung und Streiks Druck machen, wie man es auch zu Beginn der aktuellen Proteste gesehen hat.
Auf den Straßen des Landes, in den Krankenhäusern und Gefängnissen hoffen die Menschen, dass das Ende des Regimes nur eine Frage der Zeit ist. Wie lange es noch dauert und was danach kommt, darüber debattieren auch Exil-Iraner in Österreich. profil hat mit sechs Männern und Frauen mit Wurzeln im Iran über ihre Hoffnungen und Ängste gesprochen. Mehr dazu lesen Sie hier.
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.