Kuba-Experte zu Venezuela: „Dieser Angriff galt auch Kuba“
US-Spezialeinheiten entführten am Wochenende völkerrechtswidrig Venezuelas autoritär-regierenden Präsidenten Nicolás Maduro. Nun fürchtet Kuba das nächste Land auf der Abschussliste der USA zu werden. Immerhin waren Venezuela und Kuba, beide linksautoritär regiert, lange engste Verbündete.
Der Angriff auf Venezuela galt auch Kuba, sagt Kuba-Experte Andrés Pertierra im Gespräch mit profil. Das Ziel: Den Sturz des kommunistischen Regimes in Havanna.
US-Präsident Donald Trump will nach dem jüngsten Angriff Venezuelas Erdölexporte kontrollieren. Nach Kuba beispielsweise soll kein Öl mehr geliefert werden. Was bedeutet das für den Inselstaat?
Andrés Pertierra
Das ist katastrophal für Kubas Wirtschaft und gefährlich für deren Regierung. Kuba kämpft mit Stromausfällen, nur in der Hauptstadt Havanna brennen noch zuverlässig die Lichter. Das ist eine politische Entscheidung, denn historisch kam es in dem Moment, als der Strom in Havanna ausfiel, schnell zu Protesten, die die Regierung herausforderten.
In Kuba ist seit mehreren Jahren Treibstoff rar.
Das autoritär regierte Kuba ist zusammen mit China und Vietnam eines der letzten kommunistisch regierten Länder der Welt. Besteht die Möglichkeit, dass Kubas Regierung in den nächsten fünf bis zehn Jahren gestürzt wird?
Pertierra
Ja. Ich weiß nicht, wie Kubas Regierung die jetzige Situation ohne venezolanisches Öl aufrechterhalten könnte. Das Land befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise.
Zur Person
Andrés Pertierra ist Lateinamerika-Historiker und forscht schwerpunktmäßig zu Kuba, darunter auch acht Monate in kubanischen Archiven. Er macht sein Doktorat an der US-Universität von Wisconsin–Madison.
Könnte ein anderes Land Venezuelas Platz als Erdöl-Sponsor Kubas übernehmen?
Pertierra
Mexiko überholte kürzlich Venezuela, das aufgrund veralteter Pipelines und Raffinerien in letzter Zeit nur wenig Öl fördern konnte, und exportiert aktuell am meisten Erdöl nach Kuba. Doch Havanna muss dieses Öl zu Marktwerten kaufen. Das Erdöl aus Venezuela war subventioniert – Kuba und Venezuela sind enge Partner und unterstützen sich gegenseitig wirtschaftlich und militärisch. Das subventionierte Öl war lange Zeit zentral für Kubas Wirtschaft, man hat das Rohöl raffiniert und weiterverkauft, um an harte Währung zu kommen.
Versucht die USA, Kuba zu strangulieren, indem sie dessen Zugang zu Öl kappt?
Pertierra
Das ist keine neue Politik, sondern seit Jahren Programm Washingtons. Der Angriff auf Venezuela galt auch Kuba. Für Politiker wie (US-Außenminister, Anm.) Marco Rubio war das offensichtlich sogar die Hauptmotivation, um Venezuela anzugreifen.
US-Außenminister Marco Rubio gilt als Mastermind hinter der Venezuela-Politik der USA.
Warum will die USA gerade Kubas Regierung stürzen? Es gibt in der Karibik auch andere autoritär geführte, undemokratische Staaten wie Nicaragua und El Salvador.
Pertierra
In (US-Bundesstaat, Anm.) Florida leben viele Exilkubaner, die einst aus Kuba flohen und nun dort für einen Sturz des Regimes lobbyieren. Das ist ein wichtiger Wählerblock, der über viel Einfluss verfügt, auch weil er eng mit den Republikanern verbandelt ist und Florida ein wahlentscheidender „swing state“ (ein zwischen Demokraten und Republikaner umkämpfter Bundesstaat bei US-Präsidentschaftswahlen, Am.) ist. Marco Rubio, dessen Eltern einst selbst Kuba verließen, kommt aus diesem Milieu. Für ihn, der sich den Kampf gegen Kuba auf die Fahne geschrieben hat, würde ein Umsturz Prestige, Geld und die Gunst seiner Wählerschaft bedeuten.
Der Revolutionär Fidel Castro kam Ende der Fünfziger an die Macht und baute Kuba zu einer kommunistischen Volksrepublik um. Wie attraktiv ist die Ideologie Castros noch für die Kubaner?
Pertierra
Castro vereinte Charisma und nationalistische Politik. Das hat ihn populär gemacht. Der Kommunismus war für viele Kubaner nur zweitrangig. Wenn vor Jahren noch jemand über Castro schimpfte, sagten der Person andere Kubaner oft noch, dass er still sein soll – entweder aus Loyalität gegenüber der Regierung oder aus Angst vor Repressalien. Heute hört man offen Kritik, die Kubaner sind weniger vorsichtig geworden. Die Regierung Kubas hat auch die Jugend verloren, die ihre Hoffnung zunehmend auf den „Markt“ als Lösung für Kubas Probleme setzt.
Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel bei einer staatlichen Kundgebung in Havanna, wo Maduros Freilassung gefordert wurde.
Wenn man die zunehmend Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht nur fühlt, sondern auch hört, wie fest kann dann noch die aktuelle Regierung rund um Präsident und Parteisekretär der Kommunisten Miguel Díaz-Canel im Sattel sitzen?
Pertierra
Proteste allein stürzen keine Regierung, sondern sie erzeugen einen Raum wo Militär und Polizei sich von der Regierung abwenden und überlaufen können. Dann stürzt ein Regime in sich zusammen. Doch Kubas Führungsschicht ist geeint. Die politische Elite des Landes kennt sich zum Teil seit Jahrzehnten, ist mitunter sogar miteinander verheiratet oder verwandt. Díaz-Canels Amtszeit gilt auch innerhalb der Partei als wenig erfolgreich, weil er die wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht lösen konnte. Dennoch: Ein Riss in der Staatsführung ist unwahrscheinlich.