Vor dem Krieg hat Maria Avdeeva zu russischer Desinformation geforscht. Jetzt filmt und fotografiert sie in ihrer Heimatstadt Charkiw die Zerstörungen durch die Angriffe der russischen Truppen.

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Stimmen aus dem Krieg
03/20/2022

Maria Avdeeva: „Mein Smartphone ist meine Waffe“

Vor dem Krieg hat Maria Avdeeva zu russischer Desinformation geforscht. Jetzt filmt und fotografiert sie in ihrer Heimatstadt Charkiw die Zerstörungen durch die Angriffe der russischen Truppen.

von Siobhán Geets

In der Nacht, sagt Maria Avdeeva, sei es besonders schlimm. Die wissenschaftliche Leiterin des ukrainischen Thinktanks „European Experts Association“ lebt in der umkämpften Stadt Charkiw im Osten des Landes. Keine 40 Kilometer sind es von hier bis zur russischen Grenze. Fliehen will Avdeeva dennoch nicht. „Mein Smartphone“, sagt sie, „ist meine Waffe.“ Avdeeva bleibt, um die Spuren der Verwüstung zu dokumentieren und die Kriegsverbrechen der Russen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine aufzuzeigen. „Ich will der Welt zeigen, was hier wirklich geschieht“, sagt sie im Gespräch mit profil.

Ihre Familie sei in Sicherheit – mehr soll hier zum Schutz der Beteiligten nicht verraten werden.

Charkiw steht seit dem Beginn der Invasion unter Beschuss. Doch Anfang vergangener Woche haben Putins Truppen die Angriffe auf ukrainische Städte verstärkt. Das gilt auch für Charkiw.
„Beschossen werden wir schon lange“, sagt Avdeeva, „doch in der Nacht auf Montag wurde es heftiger. Seither sind die ganze Zeit Detonationen zu hören.“

In Charkiw gilt von sechs Uhr abends bis sechs Uhr in der Früh eine strenge Ausgangssperre. Sobald die Sonne untergeht, liegt die ganze Stadt im Dunkeln, Lichter anzumachen, ist verboten. „Es ist gruselig“, sagt Avdeeva, „Ich traue mich nicht einmal, von meinem Fester aus zu filmen, man könnte das Licht des Handys sehen.“

Bis der Krieg losging, hat die Politologin über russische Desinformation geforscht, schrieb Berichte und sprach auf Konferenzen. Nun nutzt sie die hellsten Stunden des Tages, um durch die Straßen und Gassen Charkiws zu gehen, macht Fotos und Videos von zerbombten Häusern und lädt sie auf Twitter hoch. Ihr Tag beginnt mit einer Recherche in den sozialen Medien, Avdeeva versucht sich ein Bild davon zu machen, was in der Nacht geschehen ist. Gegen Mittag verlässt sie das Haus und besucht die Orte, die getroffen wurden. Rund zweieinhalb Kilometer sind es von ihrer Wohnung bis ins Zentrum der Stadt. Der historische Kern liegt in Schutt und Asche, die Straßen sind mit Trümmern übersät.

Mehr als 600.000 Einwohner haben die 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt bereits verlassen, Familien mit Kindern sieht man dieser Tage kaum. Geblieben sind die Alten – und Leute wie Avdeeva, Erwachsene, die allein unterwegs sind. „Charkiw ist menschenleer“, sagt sie. Oft treffe sie lange überhaupt niemanden, wenn doch, dann suche sie das Gespräch. Sie sei immer auf der Suche nach Leuten wie ihr, Zivilisten, die Informationen sammeln.

In den Gassen und Straßen der Stadt bewegt sich Avdeeva schnell, am späten Nachmittag ist sie wieder zu Hause. Es gilt, keine unnötigen Risiken einzugehen, nicht zu lange draußen zu bleiben. Ihre Wohnung liegt im Westen Charkiws, weit weg von den Stellungen der Russen im Norden und Nordosten, es sei vergleichsweise sicher hier. Über den Westen der Stadt läuft auch die Versorgung mit Lebensmitteln und humanitärer Hilfe.

Die Vororte im Norden und Osten sowie das Zentrum seien schon zu Beginn der Invasion dem Erdboden gleichgemacht worden, sagt Avdeeva. Wird ein Gebäude getroffen, fallen oft im ganzen Viertel Strom und Gas aus, die Menschen können nicht mehr kochen und heizen. „Das ist schlimm, denn es ist ein kalter Frühling.“ In den Nächten sanken die Temperaturen zuletzt auf bis zu minus 15 Grad.

„Alte Menschen“, sagt Avdeeva, „leiden am meisten.“ Vielen sei der Weg zu den Geschäften und Ausgabestellen für Nahrungsmittel zu weit. Freiwillige helfen aus, indem sie die Alten versorgen, andere bringen Tee und Töpfe mit warmem Essen in die Schutzräume. Wer noch in der Stadt ist, verbringt die meiste Zeit unter der Erde. In Kellern und Metro-Stationen suchen die Menschen Schutz vor Artillerieangriffen, ihre Handys laden sie über Generatoren auf.

Bisher hatte Avdeeva Glück. Internet, Strom und Gas funktionieren. Fallen Bomben vom Himmel, verschanzt sie sich im Inneren der Wohnung, wo es keine Fenster gibt. „Ich hoffe, dass ich dort sicher bin“, sagt sie. Richtig überzeugt klingt das allerdings nicht. Manche Raketen schlagen regelrechte Löcher in den Boden, Avdeeva hat Bilder davon gesehen. „Ich werde wohl früher oder später in die Metro gehen“, sagt sie, ganz in der Nähe sei eine Station.

Vor wenigen Tagen war sie in der Leichenhalle, 30 bis 50 Tote würden jeden Tag dorthin gebracht. Laut offiziellen Angaben wurden bisher mindestens 500 Einwohner Charkiws getötet, Avdeeva glaubt, dass es in Wahrheit jedoch noch viel mehr sind. 

Die Kapazitäten der Leichenhalle seien nicht ausreichend, den Angehörigen würde lediglich der Totenschein ausgestellt, Untersuchungen gebe es kaum.

„Ich habe keine Angst“, sagt Avdeeva. Es sei eher ein Gefühl der ständigen Bedrohung, die Gewissheit, dass man sich nie entspannen kann, immer auf der Hut sein muss. Nach dem Video-Gespräch mit profil macht sich Avdeeva wieder auf den Weg. In der Nacht soll es mehrere Tote gegeben haben. Am Nachmittag postet sie ein Video von sich in der zerstörten Innenstadt. „Die Russen setzen Clusterbomben in Charkiw ein“, sagt sie, „sie zerstören Wohngegenden und das historische Zentrum.“

Fliehen will Marina Avdeeva erst, wenn russische Soldaten die Stadt einnehmen. Anfang März waren Putins Truppen von mehreren Seiten bis nach Charkiw vorgestoßen, konnten aber zurückgeschlagen werden. Avdeeva hofft, dass es nicht noch einmal so weit kommt.