„Bolsonaro“, hallen die Sprechchöre durch den Saal. „Viele von Ihnen schauen mich jetzt sicher an und denken, Sie kennen mich doch von irgendwoher“, sagt Flávio Bolsonaro und erntet ein Lachen des Publikums. Der Rechtspopulist sieht seinem Vater, Brasiliens Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Der Rechtspopulist steht in Dallas, Texas, auf der Bühne der Conservative Political Action Conference (CPAC), die den Republikanern des US-Präsidenten Donald Trump nahesteht.
Er ist hier, um sich des Rückhalts von Trumps Basis zu versichern. Auf Bildschirmen flimmern Bilder, die Jair Bolsonaro und Trump zusammen zeigen. „Mein Vater ist im Gefängnis – genau wie Donald Trump es wäre, wenn ihr ihn nicht gerettet hättet“, sagt Flávio Bolsonaro, während er sich mit beiden Händen an das Rednerpult klammert.
Mein Vater ist im Gefängnis – genau wie Donald Trump es wäre, wenn ihr ihn nicht gerettet hättet.
Flávio Bolsonaro
Präsidentschaftskandidat in Brasilien
Zu 27 Jahren Haft wurde Jair Bolsonaro, der aktuell unter Hausarrest steht, verurteilt. Er hatte 2022 versucht zu putschen, als sein politischer Erzfeind, der Sozialist Lula da Silva, die Wahlen knapp gewann.
Bolsonaro kann wegen seiner Haftstrafe nicht mehr kandidieren – jetzt soll der Sohn, der sich selbst „Bolsonaro 2.0“ nennt, sein Erbe antreten. Am Samstag wird er offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Liberalen Partei, dem politischen Vehikel der Bolsonaros, ernannt.
Der 45-Jährige hofft, Südamerikas mächtigste Linksregierung zu stürzen. Die Sozialisten des Kontinents straucheln derzeit überall: Allein in diesem Jahr übernahmen in Peru und im bevölkerungsreichen Kolumbien Rechtsaußenkandidaten die Macht – eine rechtspopulistische Welle schwappt über Lateinamerika.
Das liegt an der teils gemischten Bilanz der lange regierenden Linksregierungen, aber auch an Trump: Mit Geldspritzen, Strafzöllen und Drohungen beeinflusst er Wahlen. In Extremfällen entschied Trumps Einmischung sogar den Wahlsieger. Kein Wunder, dass Flávio Bolsonaro um die Gunst des US-Präsidenten buhlt.
Kann Flávio Bolsonaro in die Schuhe seines Vaters schlüpfen? Oder geht die sich anbahnende US-Einmischung womöglich sogar nach hinten los?
Im Dienst des Vaters
Flávio Bolsonaro fristete lange ein Leben im Schatten seines Vaters. Geboren 1981 in einem Militärkrankenhaus in Rio de Janeiro – sein Vater war zu diesem Zeitpunkt ein Fallschirmjäger in Brasiliens Militär –, wurde Flávio Bolsonaro von seiner Familie auf eine Reihe von Privatschulen geschickt und studierte schließlich Jus. Kommilitonen erinnern sich an einen „fleißigen“ und „ehrgeizigen“ Studenten, der später ein Faible für teure Autos entwickelte.
Wollte Putschen: Jair Bolsonaro sitzt im Hausarrest.
2000 verschaffte ihm sein Vater dann den ersten Job in der Politik: Der junge Bolsonaro arbeitete als Assistent der „Brasilianischen Fortschrittspartei“ (PPB), der damaligen Partei seines Vaters, in Brasiliens Parlament. Bolsonaro senior beschäftigte wiederholt Familienangehörige während seiner Zeit als Parlamentarier, bis ein Gericht diese Praxis verbot.
2002 kandidierte Flávio Bolsonaro selbst für die PPB und zog ins Parlament ein. Es ist eine steile politische Karriere, die ohne seinen Vater unmöglich gewesen wäre. Der junge Bolsonaro tingelt fortan durch Brasiliens Universum an christlichen, rechtsliberalen und marktradikalen Parteien, oft seinem Vater folgend, der sich wiederholt mit Parteigefährten überwarf. Neun Parteien durchwanderte Jair Bolsonaro im Lauf seiner Politkarriere.
Der junge Bolsonaro, der ein Buch mit dem Titel „Mythos oder Legende“ über seinen Vater schrieb, vergöttert den Ex-Präsidenten regelrecht: „Ich vergleiche mich nicht mit meinem Vater. Stellen Sie sich vor, der Sohn von Pelé (brasilianische Fußballlegende, Anm.) würde sich mit Pelé vergleichen? Das ist unvergleichbar, unmöglich“, sagte Flávio Bolsonaro der brasilianischen Zeitung „O Tempo“ und fügte hinzu: „Ich werde ihn immer bewundern.“ Wenn der Präsidentschaftskandidat die Wahlen gewinnt, plant er den Familienpatriarchen zu begnadigen.
Ich werde ihn (Jair Bolsonaro, Anm.) immer bewundern.
Flávio Bolsonaro
Rechtspopulist
Bolsonaro senior mag in seinem Anwesen unter Hausarrest stehen, doch hinter den Kulissen zieht der kränkliche Ex-Präsident nach wie vor die Fäden. Sein Familienclan gilt als mächtigste Gruppe in Brasiliens gespaltenem rechten Lager: Ein Bruder Flávio Bolsonaros, Carlos (der seines aggressiven Auftretenswegen den Spitznamen „Pitbull“ trägt“), ist als Wahlkampfstratege der Familie bekannt.
Von links nach rechts: Jair Bolsonaro, Carlos, Flávio, Renan und Michelle
Jair Bolsonaros 27 Jahre jüngere neue Ehefrau (und Stiefmutter Flávio Bolsonaros) Michelle war bis vor Kurzem die Frauensprecherin der Liberalen Partei. Flávio Bolsonaros jüngster Bruder Eduardo wiederum koordinierte die Beziehungen zu Trump.
Der Freund im Norden
Es hätte ein Handelskrieg werden können, als Trump 2025 die US-Pläne von Zöllen in der Höhe von 50 Prozent auf brasilianische Güter enthüllte. Damit sollte Jair Bolsonaro freigepresst werden. Er hatte 2022 eine Wahlniederlage nicht akzeptiert und seine Anhänger zu Ausschreitungen angestachelt, bei denen zwei Menschen starben. Dafür wurde er verurteilt. Eduardo Bolsonaro, der in den USA lebt und dort bei US-Behörden lobbyiert, war wohl eine treibende Kraft hinter den Zöllen. Der Oberste Gerichtshof Brasiliens verurteilte den Parlamentarier zu vier Jahren Haft, weil er das Verfahren gegen seinen Vater zu beeinflussen versucht hatte.
Am Mittwoch erhöhten frisch von Trump verabschiedete Zölle in Höhe von 25 Prozent den Druck auf Brasilien.
„Die USA wollen eine wirtschaftliche und politische Dominanz über die gesamte westliche Hemisphäre herstellen“, sagt der Lateinamerika-Experte Tobias Lambert gegenüber profil. Der deutsche Journalist hat das Buch „Zurück in den Hinterhof“ über die neue US-Lateinamerikapolitik geschrieben. Er zählt auf, um was es den USA dabei besonders geht: Rohstoffe, Eindämmung der Migration Richtung US und das Zurückdrängen von Ländern wie China aus der Region. Hier eine Auswahl wo und mit welchen Mitteln sich Trump einmischte:
Im Juni gewann hier der von Trump unterstützte Kandidat Abelardo de la Espriella – der letzte Sieg eines Rechtspopulisten in Südamerika. Dank der Republikanerin María Elvira Salazar, eine „enge Freundin“ Espriellas, hat er einen direkten Draht ins Weiße Haus. Trump drohte Espriellas sozialistischem Vorgänger mit Strafzöllen und Militärschlägen.
Die USA will sich den Panamakanal zurückholen – notfalls militärisch, so Trump. Hier geht es den USA um China, das in Panama erhebliche Summen investiert. Unter US-Druck kündigte Panama 2025 seine Teilnahme an Chinas Wirtschaftsprojekt „Neue Seidenstraße“.
Im Jänner kidnappte die USA völkerrechtswidrig den linksautoritären Staatschef Nicolás Maduro. Washington fädelte einen Deal mit Vizepräsidentin Delcy Rodríguez ein: Die USA übernahmen die Kontrolle über die venezolanischen Erdölexporte (siehe Grafik rechts). Rodríguez wurde zur Marionette Trumps: Sie verhaftete auf US-Druck Maduro-Loyalisten und lässt sich von den USA sogar Postenbestellungen absegnen.
Seinen Sieg bei den Kongresswahlen 2025 verdankte Argentiniens rechtslibertärer Präsident Javier Milei wohl Trump: Im Fall eines Sieges Mileis versprach dieser dem praktisch vor der Pleite stehenden Argentinien eine Finanzspritze von 20 Milliarden US-Dollar.
Krankenhäuser ohne Strom und knapp werdende Lebensmittel:Kuba steht am Rand des Zusammenbruches – Folge einer sechsmonatigen Erdölblockade durch die USA. Sie soll die kommunistische Regierung in Havanna zu Fall bringen. Während Verhandlungen stagnieren, arbeitet das Pentagon Pläne für mögliche Militärschläge aus, so der US-Sender CBS.
Brasilien ist eines der letzten Widerstandsnester in Südamerika, die Trump trotzen. Das 200-Millionen-Land hat einen entscheidenden Vorteil: Es sitzt auf dem zweitgrößten Vorkommen Seltener Erden. Ein Handelskrieg würde auch erhebliche Nachteile für die USA bedeuten.
Trump sitzt dank der US-Wirtschaftsmacht am längeren Hebel. Seine Zölle können erheblichen Schaden anrichten.
Tobias Lambert
Lateinamerika-Experte
Andere ebenfalls von Sozialisten regierte Länder, die traditionell mit Trump verfehdet sind, wie Mexiko, das stark von der US-Wirtschaft abhängig ist, hätten sich den USA weitgehend untergeordnet, sagt Lambert: „Trump sitzt dank der US-Wirtschaftsmacht am längeren Hebel. Seine Zölle können erheblichen Schaden anrichten.“
Doch die jüngsten Zölle stießen in Brasilien nicht auf Gegenliebe: Rund die Hälfte der Brasilianer gibt in Umfragen Flávio Bolsonaro die Schuld an dem Handelskonflikt, Präsident Lula bezeichnete ihn als „Verräter“. Flávio Bolsonaro ruderte darauf zurück und bat Trump, die Zölle zu verschieben. Ohne Erfolg.
Der Mann ohne Nachnamen
In Brasiliens Medien tritt Flávio Bolsonaro mittlerweile meist als „Flávio“ auf. Den skandalumwitterten Nachnamen seiner Familie lässt er bevorzugt weg. Seine Ehefrau, die Zahnärztin Fernanda Figueira, mit der er zwei Kinder hat, behauptete in einem Wahlkampfvideo sogar, sie habe ihn zu einem „gemäßigten Bolsonaro umerzogen“.
Ein Teil Brasiliens verehrt Jair Bolsonaro nach wie vor.
Flávio versucht den Spagat zwischen der Bolsonaro-Basis, die den Familienvater Jair noch immer verehrt, und skeptischen Mitte-Rechts-Wählern. Ihm hängt die lange Liste der Skandale der „Jair-Ära“ nach, seien es Korruption und Nepotismus oder auch Rechtsstreitigkeiten Jair Bolsonaros mit seiner Exfrau. Auch die Gefahren der Coronapandemie spielte Bolsonaro senior in seiner Amtszeit herunter – 700.000 Brasilianer starben damals. Flávio Bolsonaro sagte mittlerweile in einem Social-Media-Video, er sei „der Bolsonaro, der geimpft wurde“.
Ich bin der Bolsonaro, der geimpft wurde.
Flávio Bolsonaro
Rechtspopulist
Für Teile Brasiliens gelten die Bolsonaros dennoch als unwählbar.
Flávio hat längst eine eigene Liste an Skandalen. Der schwerwiegendste: Der junge Bolsonaro soll enge Kontakte zum mutmaßlichen Großbetrüger Daniel Vorcaro unterhalten haben. Gegen Vorcaro, den Flávio Bolsonaro laut Berichten brasilianischer Medien um Geld für einen Film über seinen Vater bat, läuft ein Korruptionsverfahren. Und dann ist da noch die Affäre um ein mittlerweile verkauftes Schokoladengeschäft Flávio Bolsonaros, über das veruntreutes Geld gewaschen worden sein soll.
Der „Verteidiger von Recht und Ordnung“
Einen Skandal lösten auch Flávios Kontakte zum Bruderpaar Domingos und Chiquinho Brazão aus. Die zwei Unternehmer hatten 2018 einen Auftragsmord an einer Linkspolitikerin in Auftrag gegeben, deren Aktivismus die Immobiliengeschäfte der Brüder bedrohte. Die Brüder wurden im Mai zu einer Haftstrafe von je 76 Jahren verurteilt.
Der Fall kratzt am Image von Flávio Bolsonaro als „Verteidiger von Recht und Ordnung“, wie er sich gerne inszeniert. Er steht der Militärpolizei, die (oft mit extremer Gewalt) den Krieg gegen Drogenbanden in Brasiliens Favelas führt, und der Waffenlobby im Land nahe. Flávio Bolsonaro trägt selbst mitunter eine Waffe mit sich: 2016 lieferten er und sein Bodyguard sich ein Feuergefecht mit Autodieben in Rio de Janeiro. Danach posierte er vor der mit Schusslöchern übersäten Windschutzscheibe seines Autos.
Die Familienfehde
Auch im Bolsonaro-Clan rumort es: Michelle Bolsonaro, die aktuelle Ehefrau von Jair Bolsonaro, die gute Beziehungen zur christlich-fundamentalistischen Rechten Brasiliens unterhält, deutete öffentlich an, ihr Stiefsohn würde sich auf wilden Partys mit Prostituierten herumtreiben.
Gottesfürchtig: Michelle Bolsonaro (rechts) gilt als die Stimme der evangelikalen Christen in Brasilien.
Ergebnis aller Skandale: Flávio Bolsonaro, der eine Zeit lang Lula in den Umfragen überholt hatte, liegt aktuell auf Platz zwei. Aber es ist eine Aufholjagd, die er noch gewinnen könnte, wenn es ihm gelingt, in der zweiten Wahlrunde die Stimmen der Mitte-Rechts-Kandidaten aufzusaugen.
Und da ist ja noch Trump, der vor Kurzem zwei brasilianische Drogenbanden als „Terrorgruppen“ einstufen ließ. Es ist eine Drohgebärde an Lula: Immerhin hatten die USA Ähnliches getan, bevor sie im Jänner Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro entführten. Niemand weiß, wie weit Trump zu gehen bereit ist, um seinen Verbündeten Flávio Bolsonaro zu stützen.
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Raphael Bossniak
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.