© Ina Breust

Prozessbeginn
07/21/2020

Nebenklägerin Feist: "Ich will dem Täter gegenübertreten"

profil-Mitarbeiterin Christina Feist, die sich beim Anschlag von Halle in der Synagoge aufhielt, über ihre Erwartungen und Enttäuschungen als Nebenklägerin.

"Überlegen Sie sich, was Sie von diesem Prozess erwarten", sagte mir die Anwältin bei einem unserer ersten Telefonate Anfang März. Gemeinsam mit anderen Anwälten vertritt sie die Nebenklage im Prozess um den Täter von Halle. Bald nach unserem Telefonat wurden in Frankreich, wo ich wohne, die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie umgesetzt. Der Lockdown begann.

Ich fand Zeit und Ruhe, über den Prozess nachzudenken. Was konnte ich mir tatsächlich erhoffen? Für mich stellt der Prozess den letzten Schritt in der Bewältigung meines Traumas dar, das ich durch den Anschlag auf die Synagoge in Halle erlitten habe. Es ist mir wichtig, bis zum Ende dabei zu sein, in dem Wissen, dass ich alles mir Mögliche getan habe, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Ich möchte selbst aussagen, um auf die Bedeutung dieses Anschlags als Symptom des tief sitzenden Antisemitismus in Deutschland hinzuweisen. Auch wenn der Täter schuldig gesprochen wird, möchte ich dabei sein, um dieses Kapitel endlich abschließen und über das Trauma von Halle hinwegkommen zu können.

Anfangs war ich davon ausgegangen, dass das Gericht selbstverständlich auf die Bedürfnisse von uns Betroffenen Rücksicht nehmen würde, etwa bei der Wahl des Prozesstermins. Auch dass wir Nebenkläger, die außerhalb der eigenen Zeugenaussage am Prozess teilnehmen wollen, die Reisekosten von der Bundesrepublik Deutschland ersetzt bekommen würden, hatte ich als gegeben angenommen. Das Bundesministerium für Justiz entschied aber erst eine Woche vor Prozessbeginn, die Reisekosten der Nebenkläger, die außerhalb der eigenen Zeugenaussage am Prozess teilnehmen wollen, mit einmaligen Pauschalbeträgen zu übernehmen. Ob die Höhe der jeweiligen Pauschalbeträge, die mit etwaigen finanziellen Unterstützungsleistungen von gemeinnützigen Organisationen gegengerechnet werden sollen, ausreicht, um die gesamten Reisekosten zu decken, hängt von Flug- und Bahnpreisen ab und wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.

In der Nebenklage geht es unter anderem um die aus unserer Sicht unsensible und unzureichende Arbeit der Polizei am Tag des Attentats selbst, auch um die Versäumnisse hinsichtlich der Prävention antisemitischer Übergriffe im Allgemeinen - und schließlich um die Frage, wie es überhaupt unbemerkt zu einer Radikalisierung des Täters kommen konnte.

Schon deshalb erwartete ich, dass Gericht und Bundesrepublik uns Nebenklägern entgegenkommen würden, um ein Zeichen des Respekts und der Anerkennung unseres Schmerzes zu setzen. Wie sich jedoch zeigte, war ich wohl sehr naiv.

Wir hatten die vorsitzende Richterin um einen Prozesstermin im Herbst gebeten. Damit sollten sowohl die Unterbrechung während der Sommerpause vermieden als auch die Schwierigkeiten der Anreise wegen der Pandemie verringert werden. Die Richterin hatte uns zugesichert, unsere Wünsche ernst zu nehmen, entschied sich dann jedoch für einen Prozessbeginn im Juli. Das erfuhren wir nicht von ihr, sondern aus den Medien. So werde ich meine Anwältin erst zu Prozessbeginn persönlich kennenlernen können.

Das Vertrauen in sämtliche deutsche Autoritäten-Polizei, Justiz, Regierung-habe ich in den Monaten seit dem Attentat verloren.

Die Bundesrepublik fühlt sich anscheinend nicht zuständig, uns die Teilnahme am gesamten Prozess zu ermöglichen, und die vorsitzende Richterin scheint das zu tun, was für sie am angenehmsten ist. Beide Beobachtungen fügen sich in das Bild Deutschlands, das ich in den vergangenen drei Jahren gewonnen habe. Nach außen hin vermittelt man gerne den Eindruck einer geläuterten Nation, die aus der Vergangenheit gelernt hat und nun den mahnenden Zeigefinger erhebt. Geht es aber um den Blick nach innen, will plötzlich niemand mehr wahrhaben, dass es sich bei Antisemitismus um ein flächendeckendes, zutiefst in der deutschen Gesellschaft verankertes Phänomen handelt. Das zeigt sich auch am Beispiel Magdeburg, der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, rund eine Autostunde von Halle entfernt, wo der Prozess um den rechtsradikalisierten Täter stattfinden wird. In Sachsen-Anhalt sitzt die rechtsradikale AfD als zweitstärkste Partei im Landtag. Im berühmten Magdeburger Dom hängt seit jeher völlig unkommentiert die sogenannte "Judensau", eine antisemitische Darstellung aus dem Mittelalter, und die Vorhalle des Doms wird von Ecclesia und Synagoga, einer weiteren das Judentum verhöhnenden Darstellung, geziert.

Weithin unkommentiert blieb auch der Fluchtversuch, den der Täter, der uns alle, die wir am 9. Oktober 2019 in der Synagoge waren, töten wollte, Ende Mai aus seiner Untersuchungshaft unternahm. Zehn Minuten war er dabei unbeaufsichtigt. Gröberes Aufsehen scheint der Vorfall, von dem wir erst Tage später und über den Medienbericht eines Lokalblatts erfuhren, nicht erregt zu haben. Damit bestätigt sich ein Stück weit meine dunkle Vermutung, dass Antisemitismus und die Gefahr rechtsradikaler Ideologie und Gewalt in ihrer Tragweite in Deutschland schlichtweg nicht verstanden werden - oder, schlimmer noch, zwar erkannt, aber nicht ernst genommen werden.

Was bleibt also, nachdem meine Erwartungen schon vor Prozessauftakt enttäuscht wurden? An meiner Anfang März bereits getroffenen Entscheidung, beim Prozess aussagen zu wollen, hat sich nichts geändert, ganz im Gegenteil: Mein Bedürfnis, dem Täter vor Gericht gegenüberzutreten, hat sich nach den Ereignissen der vergangenen Wochen noch verstärkt. Ich möchte ihm - wie auch mir selbst - beweisen, dass ich mich nicht unterkriegen lasse, in der Hoffnung, dieses traumatische Kapitel endlich abzuschließen und hinter mir lassen zu können.

Beim Gedanken an den bevorstehenden Prozess wird mir allerdings auch ziemlich unwohl. Meiner Befürchtung, dass der Anschlag auf die Synagoge in Halle als Einzelfall bagatellisiert und dann rasch vergessen wird, wie so viele andere antisemitische Ereignisse in der deutschen Geschichte, steht nur ein kleiner Hoffnungsschimmer gegenüber, dass es diesmal doch endlich anders wird. Um ehrlich zu sein, halte ich meine Hoffnung, dass auf empörte "Nie wieder!"-Rufe langfristige Veränderungen folgen, aber auch für naiv. In der Bekämpfung von Antisemitismus wie auch im Prozess um einen rechtsradikalen Täter scheint die Mehrheit in Deutschland letztlich doch nur das zu tun, was ihr am besten passt. Sich mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren und der unbequemen Realität der Gegenwart ins Auge zu blicken, gehört wohl leider nicht dazu.

Seit einiger Zeit denke ich über mögliche Übergriffe und antisemitische Protestmärsche während des Prozesses nach. Dass unsere Wohnadressen möglicherweise an rechtsradikale Gruppierungen durchsickern könnten, macht mir Angst. Mein Sicherheitsgefühl in Deutschland wurde mir mit dem Anschlag auf die Synagoge genommen, das Vertrauen in sämtliche deutsche Autoritäten - Polizei, Justiz, Regierung - habe ich in den Monaten seither auch verloren. Und so mischt sich in meine Angst auch Zorn, weil ich mir eine Zukunft in Deutschland unter diesen Umständen nicht vorstellen kann.

profil-Mitarbeiterin Christina Feist am Bahnhof in Halle

Christina Feist
Die profil-Mitarbeiterin hofft, dass der Prozess der letzte Schritt bei der Bewältigung des Traumas sein wird, das der Überfall auf die Synagoge in Halle bei ihr auslöste.