Auf der Straße: Ein Poster von drei Männern vor einem Bergpanorama, davor fährt ein Mann auf einem Moped
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

„Für den Sturz des Regimes bräuchte es eine bewaffnete Gruppe“

Arash, ein Regimegegner aus Teheran, berichtet vom Leben mitten im Krieg.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Arash hat viel zu tun in diesen Tagen. Die meisten Menschen im Iran haben kein Internet, doch der Endvierziger weiß, wie man die Sperren des Regimes umgeht. Er hilft dabei, Verwandte und Freunde im Ausland zu kontaktieren. Die Sorge der Exil-Iraner um ihre im Land verbliebenen Angehörigen ist groß.

Zwischendurch findet Arash Zeit, auf Fragen zu antworten, die profil über einen sicheren Kanal an sein Handy schickt. profil ist seit Kriegsbeginn in Kontakt mit Arash, der eigentlich anders heißt. Um ihn nicht in Gefahr zu bringen, soll nicht viel über ihn verraten werden. Der Schriftsteller lebt in der iranischen Hauptstadt Teheran und bezeichnet sich als Regimegegner. Unter dem Titel „Brief aus Teheran“ wird profil seine Nachrichten künftig zusammenfassen.

„Die Unterstützer der Islamischen Republik weinen vor Freude“

Schwarzer Regen geht über Teheran nieder. „Gestern Nacht wurden drei Öllager angegriffen“, schreibt Arash am vergangenen Sonntag. „Heute hat es geregnet, und alles hat sich schwarz gefärbt. Das ist eine Umweltkatastrophe!“ Er schickt ein Video von einer gigantischen dunklen Wolke über der Stadt, am Boden schwarze Lacken.

Alle haben Angst, dass die USA und Israel ein Abkommen mit dem Regime schließen.

Nach fast zwei Wochen Krieg sind die Angriffe Israels und der USA für Hauptstadtbewohner wie Arash beinahe zum Alltag geworden. Wie viele Oppositionelle hat der Endvierziger die Angriffe auf das Regime anfangs begrüßt. Mittlerweile macht er sich aber auch Sorgen. „Alle haben Angst, dass die USA und Israel ein Abkommen mit dem Regime schließen“, sagt Arash in einer Sprachnachricht, „und wir mit einer brutalen, geschwächten Regierung zurückzubleiben, die nur noch auf Rache aus ist.“ 

Kurz zuvor hatte das Regime bekanntgegeben, wer Ali Chamenei als Oberster Führer des Landes ersetzen soll: dessen Sohn Mojtaba. „Die Unterstützer der Islamischen Republik weinen vor Freude“, sagt Arash. Die Ernennung Mojtabas habe die Moral seiner Anhänger gestärkt. „Sie schwenken Flaggen und fahren mit Wagenkolonnen durch die Straßen. Dabei skandieren sie Parolen, um die Menschen zu erschrecken und ihnen zu zeigen: Wir sind noch am Leben.“

Von oben seien dann die Gegenstimmen zu hören: Hinter Vorhängen versteckt rufen Regimegegner ihre eigenen Botschaften hinaus in die Straßenschluchten.

„Die Menschen sind wütend, dass das Regime immer noch steht und seine Truppen auf die Straße schicken kann, um die Bevölkerung einzuschüchtern“, sagt Arash. Sie hofften, dass der Krieg mit dem Sturz des Regimes enden würde. 

„Die Erde bebte wie verrückt“

„Es geht mir gut“, schreibt Arash am vergangenen Mittwoch. In der Nacht wurde Teheran schwer bombardiert. „Die Erde bebte wie verrückt, in einigen Vierteln fiel der Strom aus.“ Heute sei es ähnlich, im Fokus der Angriffe stünden die Köpfe der Revolutionsgarden.

Israels Premier Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump haben das iranische Volk dazu aufgerufen, das Regime zu stürzen. profil fragt Arash, ob die verschiedenen Oppositionsgruppen im Untergrund versuchen, sich zu organisieren. Es gebe keine organisierte Opposition im Land, sagt er. „In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden alle zivilen Bewegungen ausgelöscht. Selbst spontan vom Volk ins Leben gerufene Bürgerbewegungen wurden zerschlagen.“ Das Regime habe sogar die Selbsthilfegruppe für Drogenabhängige gesprengt und die Organisatoren verhaftet. „Die Führung“, sagt Arash, „sieht jegliche zivilgesellschaftliche Bemühung als Bedrohung“. Fast alle Menschenrechtsaktivisten wurden vertrieben, eingesperrt oder ermordet, und wer noch im Land ist, wird ständig verhaftet und verhört.

Eine Menge an Männern, mitten drin das Konterfei Khameneis
Bild anzeigen

Jedes Amt im Staat, jede Stelle sei von Regimetreuen besetzt, und die sogenannten Reformisten, die als weniger radikal gelten, seien Teil des Systems, sagt Arash. Ethnische Gruppen wie die Kurden könnten höchstens einzelne Städte und Provinzen erobern. Und die iranischen Volksmujaheddin (oppositionelle Organisation mit antiklerikaler Ausrichtung, Anm.) hätten weder ausreichend Unterstützung, noch die Stärke, das Regime zu ersetzen. 

Bewaffnete Kräfte seien auf den Straßen Teherans und anderer Großstädte unterwegs, sagt Arash, damit sich dort kein spontaner Widerstand formieren kann. „Für den Sturz des Regimes bräuchte es eine bewaffnete Gruppe, die sich gegen die Streitkräfte der Islamischen Republik durchsetzen kann“, sagt Arash. 

Doch im Gegensatz zu den Mullahs und deren Unterstützer seien Irans Oppositionelle nicht bewaffnet.

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.