Oppositioneller im Iran: „Die Leute des Regimes stehen an jeder Ecke“
Das Video stockt und flattert, die Übertragung wird immer wieder unterbrochen, doch am Ende gelingt es profil, fast eine Stunde mit Arash zu sprechen. Er lebt in der iranischen Hauptstadt Teheran, die seit vergangenem Wochenende von den USA und Israel bombardiert wird. Arash bezeichnet sich als Oppositionellen, als Gegner des Regimes. Dieses hat die Internetverbindung im Land gekappt, doch Arash weiß, wie man die Blockade umgeht.
Arash heißt eigentlich anders, und um ihn nicht zu gefährden, soll hier nicht viel über ihn verraten werden. Er ist Ende 40, Schriftsteller und steht seit Kriegsbeginn in regem Kontakt mit profil. Das Gespräch findet am vergangenen Mittwoch statt, zugeschaltet ist auch ein Übersetzer, ein Exiliraner aus Wien.
Wir schreiben einander seit dem Wochenende, aber es ist das erste Mal, dass wir wirklich sprechen können. Wie geht es Ihnen?
Arash
Die letzten zwei Monate waren unglaublich schwer. Ich bin eigentlich nicht sehr politisch, ich befasse mich lieber mit Literatur. Aber es war unmöglich, sich aus den politischen Entwicklungen herauszuhalten. Bei der Niederschlagung der Proteste Anfang Jänner habe ich schreckliche Dinge gesehen. Das war Mord an den eigenen Leuten auf offener Straße. Es waren nicht nur die Revolutionsgarden, sondern auch andere, noch brutalere Einheiten. Sie haben den Menschen direkt zwischen die Augen oder ins Herz geschossen. Ich sah mit an, wie Leute, die schwer verletzt auf der Straße lagen, mit einem Schuss in den Kopf hingerichtet wurden. Diese Leute waren auf der Straße, um gezielt zu töten.
Viele Exiliraner haben die US-israelischen Bombardements gefeiert. Wie ist die Stimmung in Teheran?
Arash
Hinter uns liegen zwei Monate der Trauer (nach der Niederschlagung der Proteste, Anm.). Man hat das überall gespürt. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Doch seit wir die Nachricht erhielten, dass (der Oberste Führer der Islamischen Republik, Anm.) Ali Chamenei getötet wurde, weine ich nicht mehr. Überall hört man wieder Menschen lachen. Sie sind schwer gezeichnet, aber sie leben wieder auf. Es war wie ein Erwachen. Der Sohn einer Bekannten wurde während der Proteste getötet. Als sie vom Tod Chameneis erfuhr, ging sie auf den Balkon, um laut zu schreien – diesmal aus Freude.
Das Regime schlug die Proteste brutal nieder und verschonte selbst Kinder nicht.
Seit Dienstag sind die Militärschläge noch einmal mehr geworden. Freuen sich die Menschen noch immer darüber oder ist die Situation mittlerweile zu bedrohlich?
Arash
Auch in der Nähe meines Hauses haben Raketen eingeschlagen. Meine Nachbarn sind froh, dass die Regierungsgebäude und Sicherheitseinrichtungen des Regimes vernichtet werden. Als das Revolutionsgericht bombardiert wurde, haben die Menschen das gefeiert. Sie haben zwar auch Angst, aber sie hoffen vor allem, dass das Regime stürzt.
US-Präsident Donald Trump scheint keine klaren Kriegsziele zu haben, die Aussagen aus dem Weißen Haus sind widersprüchlich. Was halten Sie davon, dass Trump das iranische Volk zu Beginn der Militäroffensive zum Aufstand gegen das Regime aufrief, um danach auf die Forderung eines Wechsels an der Spitze umzuschwenken?
Arash
Ein Regimewechsel ist nicht einfach. Die Anhänger des Regimes bestehen aus zwei Gruppen: Die Ideologen, die aus ihrem Glauben heraus regimetreu sind, und die Nutznießer, die Gelder und Unterstützung bekommen – zum Beispiel Söldner. Die zweite Gruppe ist weitaus größer. In Teheran stehen die Leute des Regimes an jeder Ecke, sie fahren mit Lautsprechern und schweren Waffen durch die Straßen. Sie sind überall und kontrollieren die Menschen. So demonstriert das Regime, dass es Herr der Lage ist. Ich glaube kaum, dass die USA das Regime mit Luftschlägen besiegen können. Es kann nur über Bodentruppen zu Fall gebracht werden.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die USA Bodentruppen schicken. Ist es vorstellbar, dass die Menschen die Sache selbst in die Hand nehmen, wie Trump meinte, und das Regime stürzen?
Arash
Wir haben im Jänner gesehen, was geschah, nachdem Reza Pahlavi (der Sohn des 1979 aus dem Iran vertriebenen Schahs, Anm.) die Menschen zu Protesten aufgerufen hatte. Das Regime schlug sie brutal nieder und verschonte selbst Kinder nicht. Ich war bei zahlreichen Begräbnissen, darunter die Trauerfreier eines Künstlers, einer religiösen Mutter und sogar eines Mitglieds der (regimetreuen, Anm.) Basij-Miliz. Die Menschen jetzt noch einmal zum Aufstand zu drängen ist ein Verbrechen, das man nicht rechtfertigen kann. Die Regierung betont, dass jede Präsenz auf der Straße Konsequenzen hat. Jeder Verdächtiger wird als israelischer Spion behandelt.
Worauf hoffen Sie – und wovor fürchten Sie sich?
Arash
Wir wissen, dass Trump mit den Kurden im Iran gesprochen hat und beabsichtigt, bewaffnete Kurden in den Iran einzuschleusen (um die iranischen Streitkräfte in einer Bodenoffensive zu bekämpfen, Anm.). Das könnte der Beginn eines Bürgerkrieges sein. Wenn ein solcher in Kurdistan beginnt, würde er sich rasch auf die Region Belutschistan und von dort aus weiter ausbreiten. Die Integrität des Landes wäre gefährdet und der Iran könnte in einzelne Teile zerfallen. Diese Entwicklung ist sehr gefährlich. Wir haben große Angst davor.
Ich habe mein ganzes Leben auf Veränderungen gewartet. Viele haben sich über den Tod Chameneis gefreut und auf der Straße getanzt, aber viele Menschen waren sehr traurig darüber. Wir wollten das nicht. Wir wollten, dass Chamenei vor Gericht kommt und sich für seine Menschenrechtsverletzungen verantworten muss. Während der letzten Protestwelle sind sogar Kinder verschwunden, sie wurden gefoltert und getötet. Die Täter müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden.