Ein tropfender Wasserhahn und dumpfe Kopfschmerzen haben Ulviyya Guliyeva die halbe Nacht wachgehalten. Sie schlägt müde ihre Augen auf. Die 31-Jährige liegt in einer schmutzigen Gefängniszelle in Khatai, einem Industrieviertel in Aserbaidschans Hauptstadt Baku, ihre Jacke hat sie als Decke verwendet. Vor ihr steht eine blonde Frau Mitte 40 – eine Wahrsagerin, die gerade erst wegen mutmaßlichen Betrugs verhaftet wurde. „Was wird mit mir passieren?“, fragt die übermüdete Guliyeva ihre Zellenkollegin. „Sie werden dich wegsperren, wie all die anderen“, prophezeit die Wahrsagerin.
Guliyeva sitzt mit 6. Mai seit genau einem Jahr in Haft. Lange war sie das Gesicht der unabhängigen Presse in Aserbaidschan, berichtete aus Gerichtssälen über Prozesse gegen Oppositionelle und deren Hungerstreiks. Als ihre eigenen Kollegen und Freunde verhaftet wurden, schickte sie ihnen Essenspakete ins Gefängnis. Aber auch um sie selbst zog sich die Schlinge immer enger zusammen.
Sie werden dich wegsperren, wie all die anderen.
Wahrsagerin
profil lernte die Journalistin 2024 über die Social-Media-Plattform X kennen. Seit zehn Monaten schickt Guliyeva profil regelmäßig Briefe aus dem Gefängnis. Es sind die Tagebucheinträge einer verfolgten Journalistin.
19. Mai 2025, 13 Tage in Haft
Es ist nun 13 Tage her, seit ich verhaftet wurde, und am meisten vermisse ich meine Katzen, Məstan und Felicia. Ich habe hier keine Fotos, aber auf meinem Handgelenk sind Tattoos von ihnen. Ich hoffe, dass sie noch leben, wenn meine Haft um ist. Wenn ich sie vermisse, schaue ich mir die Tattoos an.
Hier kommt manchmal eine weiße Katze mit schwarzen Flecken ans Fenster, und ich reiche eine Wurst durch die Eisenstangen hindurch, um sie zu füttern. Als ich meine Mutter am Telefon fragte, ob sie mir Würstchen ins Gefängnis schicken könnte, antwortete sie: „Für dich oder für die Katze?“
Ramin ist Ulviyya Guliyevas Verlobte. Der Jus-Student hat sich in Guliyeva verliebt, weil sie eine mutige Frau ist, erzählt er profil. Kennengelernt haben sie sich bei einem Gerichtsprozess, über den Guliyeva berichtete – dann gingen die zwei auf ein erstes Date in eine Bowlinghalle. Das Paar zog kurz darauf in eine gemeinsame Zweizimmerwohnung, gegen die am 6. Mai 2025 Sicherheitskräfte treten und schlagen.
Über ihre Festnahme existiert ein von Guliyeva selbst verfasster, detaillierter Bericht, der online kursiert und profil vorliegt. Er deckt sich mit dem, was Ramin profil am Telefon erzählt.
Ramin ist an diesem 6. Mai alleine zu Hause. Polizisten haben Guliyeva kurz zuvor in einem Café verhaftet, durchsucht und sie schließlich zu ihrer Wohnung geführt. Ramin hört seine Verlobte schreien – bis ein Polizist ihr den Mund zuhält. Schließlich öffnet er die Tür, sieben Polizisten durchwühlen drei Stunden lang das Apartment. Das Paar beobachtet sie dabei.
Seit 2019 arbeitete Guliyeva für den US-Auslandssender „Voice of America“ (VoA), der vom US-Kongress finanziert wird. Doch US-Präsident Donald Trump kürzte dem Sender 2025 die Finanzierung, 1300 Journalisten wurden entlassen. Unter ihnen auch Guliyeva. Sie verlor dadurch den Schutz, den „VoA“-Journalisten normalerweise durch die US-Behörden genießen: Wer „VoA“-Reporter verhaftete, riskierte diplomatischen Druck durch die USA.
Alle anderen Journalisten saßen bereits hinter Gittern. Sie war die Letzte. Sie sah es kommen.
Ramin
Guliyevas Verlobter
„Als sie VoA schlossen, begann Ulviyya darüber zu sprechen, dass sie verhaftet werden könnte. Alle anderen Journalisten saßen bereits hinter Gittern. Sie war die Letzte. Sie sah es kommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie uns trennen würden“, erzählt Guliyevas 25-jähriger Verlobter.
Aserbaidschan ist neben Russland und Belarus eine der letzten Diktaturen Europas. Als die Sowjetunion zerbrach und Aserbaidschan 1991 unabhängig wurde, riss eine Clique rund um den einflussreichen Ex-KGB-Mann und Sowjetpolitiker Heydar Aliyev die Macht an sich. Sein Sohn Ilham Aliyev regiert das Land heute trotz demokratischer Fassade diktatorisch. Für unabhängige, kritische Medien gibt es im System Aliyev keinen Platz.
Ilham Aliyev regiert Aserbaidschan seit 2003 defacto diktatorisch.
„Und habt ihr mir noch kein Geld untergeschoben?“, fragt Guliyeva die Polizisten in ihrer Wohnung, als diese verschiedene beschlagnahmte Gegenstände in eine Liste eintragen. „Ich verstecke es jetzt – du wirst schon sehen“, raunt der Chefermittler.
Eine beliebte Taktik in Aserbaidschan ist es, Personen, die unter fingierten Gründen verhaftet werden sollen, hohe Geldsummen unterzuschieben. Guliyeva erzählt profil schon 2024 davon. „Gerade der Vorwurf von Finanzverbrechen ist eine Strategie, um Journalisten einzuschüchtern und zu diskreditieren“, sagte sie damals. Jetzt wurde dieselbe Taktik, von der sie damals gewarnt hatte, gegen sie selbst eingesetzt.
Die Hausdurchsuchung ist eigentlich schon beendet, als zwei Polizeibeamte noch einmal in das Schlafzimmer stürmen und aus einer Tasche einen mit einem Gummiband zusammengehaltenen Stapel Geld ziehen – „so dick wie ein Buch von Anton Tschechow“, wie sich Guliyeva später erinnert. Die Polizisten zählen, ohne auf Fingerabdrücke zu achten, das Geld: Es sind 6700 Euro. Die arbeitslose Guliyeva hat das Geld noch nie gesehen. Die Falle ist zugeschnappt.
Angeklagt wird Guliyeva in einem Prozess gegen das Onlinemedium „Meydan TV“, obwohl die Journalistin nie für die Nachrichtenseite gearbeitet hat. Die Regierung wirft dem Investigativmedium, das wiederholt über Korruption durch ranghohe Politiker berichtete, vor, in einen Geldschmuggelring verwickelt zu sein. „Meydan TV“ wird mittlerweile – nach mehreren Verhaftungen – vom Exil in Deutschland aus betrieben.
Bei ihren Verhören wurde Guliyeva mehrmals auf den Kopf geschlagen und an den Haaren gezogen, weil sie die Passwörter für ihre Handys und ihren Laptop nicht preisgab. Sie wurde mit einem Taser bedroht, zwei Polizeibeamte drohten, sie zu vergewaltigen. Tagelang hatte sie Kopfschmerzen, Nasenbluten und musste sich übergeben.
Schließlich wurde sie in das „Untersuchungshaftzentrum Baku“ gebracht. Im Dezember begann der Prozess gegen zwölf im Fall „Meydan TV“ angeklagte Journalisten – darunter Guliyeva.
24. Juni 2025, 49 Tage in Haft
Heute fand eine Anhörung zur Verlängerung meiner Untersuchungshaft statt. Sie führten mich aus dem Gerichtssaal hinaus und setzen mich in das Auto der Strafvollzugsbehörde. Wir fuhren los. Ich konnte meine Mutter sehen. „Bravo! Wir sind stolz auf dich!“, rief sie. Ich freute mich, aber zum ersten Mal war ich nicht wegen der Haft selbst beunruhigt, sondern darüber, was das alles meiner Mutter antut.
Geboren im Jahr 1993 im Bezirk Göyçay in Zentral-Aserbaidschan, verließ Guliyeva als Kind ihr Heimatland. Ihre Familie zog für einige Jahre in die russische Großstadt Tambow, weil ihr Vater, ein Obst- und Gemüsehändler, zu Hause keine Arbeit fand. Guliyevas Mutter arbeitete zuerst als Journalistin und dann als Schneiderin. „Ich war ein temperamentvolles Kind – jedes Mal, wenn etwas nicht gepasst hat, habe ich den Mund aufgemacht“, schreibt sie heute.
Ihr mittlerweile verstorbener Vater war ein cholerischer Mann, ihre Mutter dagegen vorsichtig und schüchtern. „Ich versuchte meinen Vater zu beschwichtigen, dass er seine Wut nicht an Unbeteiligten auslässt“, erzählt Guliyeva, „ich hatte keine Toleranz für Ungerechtigkeit.“
Ulviyya Guliyeva ist seit zehn Jahren Journalistin – ihr Job brachte sie schließlich ins Gefängnis.
Die junge Guliyeva, von ihren Freunden „Ulka“ genannt, versuchte aufzubegehren, trat mit 19 der Menschrechtsgruppe „N!DA“ bei. Bald kam es zu Verhaftungen. Sie besuchte die Gerichtsprozesse ihrer Mitaktivisten und fing an, darüber in den sozialen Medien zu schreiben. Sie wurde zur Journalistin.
Sie ist ein sehr prinzipientreuer Mensch – wenn sich Freunde gegen ihr Wertesystem stellten, brach sie mit ihnen.
Cavid Ağa
langjähriger Freund Guliyevas
2023 verschärfte sich die Lage in Aserbaidschan. Aliyevs Regime eroberte die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittene Region Bergkarabach – 100.000 dort lebende Armenier wurden vertrieben. Guliyeva war gegen den Krieg. „Sie ist ein sehr prinzipientreuer Mensch – wenn sich Freunde gegen ihr Wertesystem stellten, brach sie mit ihnen“, erzählt der im Exil in Warschau arbeitende Journalist Cavid Ağa, ein langjähriger Freund Guliyevas: „Sie verlor damals wegen des Krieges viele Freundschaften.“
Dem Siegestaumel folgte bald eine Verhaftungswelle, der schließlich auch Guliyeva zum Opfer fiel.
25 Journalisten sitzen aktuell in Gefängnissen Aserbaidschans, dessen Bevölkerung mit zehn Millionen Einwohnern etwas größer als die Österreichs ist. Zum Vergleich: In Russland befinden sich aktuell 49 Medienschaffende hinter Gittern, in Belarus 29.
„Bald wird es nichts mehr als staatliche Propaganda geben“, schrieb Guliyeva eineinhalb Monate vor ihrer Verhaftung im Onlinemedium „JAMnews“.
27. Juni 2025, 52 Tage in Haft
Es ist schwer, hier eine Friseurin zu finden. Seit ich 18 bin, trage ich einen Bob. Jetzt sind meine Haare schon über die Schultern gewachsen. Ich mag meine langen Haare nicht. Als ich mit meiner Zellengenossin sprach, erzählte sie, dass sie früher als Friseurin gearbeitet hatte. Ich war begeistert. Wir fanden eine Schere und schärften sie, indem wir sie an der Rückseite eines Tellers rieben. Endlich bekam ich meine Haare geschnitten. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so wohl in meiner Haut gefühlt.
Guliyeva harrt mit ihrer Mitgefangenen in einer sieben Meter langen Zelle aus. Sie sammeln Wasser in Flaschen, weil die Wasserhähne 15 Stunden am Tag außer Betrieb sind. Sie beschreibt genervt, wie ihre Zellengenossin sie vollquatscht und sie sich deshalb kaum auf das Lesen ihrer Bücher konzentrieren kann.
Doch auch das Gefängnis hält Guliyeva nicht von ihrer Arbeit als Journalistin ab. Über ihre Anwältin, Freunde und Familie schmuggelt sie Artikel an den Augen der Gefängniswärter vorbei – auch die Briefe an profil gelangen so nach draußen.
15. November 2025, 132 Tage in Haft
Mein Interview mit dem politischen Gefangenen (und Gewerkschafter, Anm.) Afiaddin Mammadov wurde veröffentlicht. Heute habe ich erfahren, dass Afiaddin in eine Strafzelle gesteckt wurde. Mit diesem Vorgehen geben die Behörden faktisch zu, dass wir politische Gefangene sind. Wenn wir nur Kriminelle wären, was wäre dann das Problem mit einem Interview?
Die Akten von politischen Gefangenen sind mit drei roten Streifen markiert. Sie hören unsere Telefonate ab und durchsuchen uns bei jeder Gelegenheit. Sie haben Angst, dass wir an die Öffentlichkeit gerichtete Briefe schreiben. Aber ich bin gut darin geworden, meine Briefe vor ihnen zu verstecken.
Für EU-Politiker war Aserbaidschan lange nur eine Randnotiz. Doch Russlands Angriff auf die Ukraine hat diese Einschätzung verändert. Die EU setzt auf den erdöl- und erdgasreichen Kaukasusstaat, um von fossilen Brennstoffen aus Russland unabhängiger zu werden. Aserbaidschan, das aktuell rund vier Prozent des von der EU benötigten Gases liefert, hatte sich 2022 verpflichtet, seine Gas-Exporte an Europa zu verdoppeln.
Die Kritik an aserbaidschanischen Menschenrechtsverletzungen wurde seither noch leiser als zuvor. Politische Gefangene, Oppositionelle und exilierte Journalisten fühlen sich von Europa in Stich gelassen.
26. Februar 2026, 296 Tage in Haft
Heute musste ich zum Leiter das Untersuchungshaftzentrums. Er drohte, meine Familie festzunehmen, wenn meine Freunde online veröffentlichte Videos mit meiner KI-Stimme nicht löschen.
Es hätte auch eine andere Option für mich gegeben: Ich hätte als staatliche Journalistin Fake News verbreiten können und hätte dafür eine großzügige Wohnung bekommen. Aber das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ich wollte nie als Handlager der Regierung gemütlich daheim sitzen. Zu Unrecht in Haft zu sein, ist wie Folter, aber ich werde mich nicht beugen. Mein Glaube, dass ich das Richtige getan habe, ist unerschüttert.
Einige Medienorganisationen, darunter der Dachverband der Journalisten-Gewerkschaften „Internationale Journalisten-Föderation“ und die „Safety of Journalists Platform“ des Europarates, setzten sich für die Freilassung Guliyevas ein. Drei Sonderberichterstatter der UN kritisierten in einem Brief Guliyevas Verhaftung. Europäische Politiker äußerten sich zu ihrem Fall bis jetzt nicht.
Fast 365 Tage sitzt Ulviyya Guliyeva in Haft. Sie wartet weiterhin auf ein Urteil.
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(profil.at, rsb)
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Raphael Bossniak
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.