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Ausland
03/25/2022

Vier Wochen Krieg: Unser neues Leben im geopolitischen Wahnsinn

Krieg, Flucht, Energieversorgung, Neutralität, Geopolitik: Wie der Ukraine-Krieg unser Leben beeinflusst.

von Sebastian Pumberger

Der Ukraine-Krieg geht nun ins zweite Monat. Vier Wochen Leid, Zerstörung, Sterben und Flucht. Und dazu: Sorge um die Energieversorgung, Produktionsengpässe in manchen Industrie-Zweigen. Millionen Flüchtlinge in ganz Europa. Mein Kollege Gernot Bauer hat kurz vor Kriegsbeginn eine sehr treffende Einordnung zum Umgang mit der Ukraine-Krise geschrieben, Zeit für einen näheren Blick darauf, wie vier Wochen Krieg unser Leben verändert haben.

Der Westen gibt sich geschlossen, reicht das? Beim gestrigen Gipfel zwischen USA und EU-27 wurde der Zusammenhalt betont. Die westlichen Staaten mahnen zur Einheit, sehen aber die Grenze dort, wo sie selbst in den Krieg eintreten könnten, oder wo ihr Handeln als Kriegseintritt gelesen werden könnte. Waffenlieferungen an sich ja. Kampfjets? Schwierig. Flugverbotszone? Nein. Keiner will einen größeren Krieg. Die Frage bleibt: Was kann man der Ukraine zumuten? Oder wie es mein Kollege Robert Treichler in seinem Leitartikel formuliert: Tun wir genug?

Österreich erlebt sein Neutralitäts-Erweckungs-Erlebnis. Die heimische Politik tut sich in dieser Zeit schwer. Sie verurteilt klar die Aggression Russlands, zieht bei den EU-Maßnahmen mit. Kann sich aber von dem Neutralitätsbild nicht lösen. Österreich hat hier ein Problem, wir haben uns zu lang auf einem gemütlichen Standpunkt ausgeruht, die militärische Neutralität zu einem politikfolkloristischen Faktotum aufgebaut. Wie der Opfer-Mythos ist diese “immerwährende Neutralität” überhöht und verfremdet worden. Dem Realitäts-Check im Krieg hält dieses Bild nicht Stand. Man muss sie jetzt nicht gleich abschaffen - sollte jedoch endlich ein realistisches Bild zeichnen, und nicht erneut zu einer Instrumentalisierung ausholen. Das gilt auch, wenn es um die Einladung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu einer Rede per Video im Nationalrat geht. Oder wenn die Erhöhung des Bundesheer-Budgets als Neutralitätspaket angepriesen wird. Für Österreich bleibt die Frage: Sind wir sicher, weil wir neutral sind oder sicher, weil von Nato-Staaten und der Schweiz umgeben?

Die Energie-Versorgung mit fossilen Brennstoffen macht uns abhängig. 80 Prozent des heimischen Gases stammt aus Russland. Die OMV hat in den vergangenen Jahren weiter in Russland und North Stream 2 investiert. Milliarden müssen nun abgeschrieben werden, der ehemalige OMV-Chef Gerhard Roiss geht mit seinem Nachfolger und der Politik im profil-Interview hart ins Gericht. Ein schneller Wechsel weg vom russischen Gas geht nicht ohne Kompromisse, die alternativen Lieferländer sind weitgehend autokratische Staaten mit ebenso fragwürdigen politischen Positionen. Langfristig machen uns erneuerbare Energien vielleicht unabhängiger, helfen die Klimakrise einzudämmen. Kurzfristig bleibt die Sorge um Energieversorgung und Teuerung. Seit dieser Woche fordert Russland Gas-Zahlungen in Rubel. Das macht nicht unbedingt Hoffnung. Doch was sind wir an Komfort-Verlust und wirtschaftlichen Beschränkungen bereit zu akzeptieren, um uns unabhängig zu machen vom Kriegsherrn Putin?

Ukrainische Flüchtlinge werden Europa die nächsten Jahre prägen. Bei all den Sorgen zu Energie, Neutralität und Geopolitik, sollten wir nicht die direkt Betroffenen vergessen: Bis zu diesem Tag haben mehr als 3,6 Millionen Menschen die Ukraine verlassen, mehr als die Hälfte befinden sich im benachbarten Polen. Und weitere Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. Sie lassen Verwandte, Freunde, Ehepartner, Söhne und Väter zurück. Ihr ganzes Leben, ihr Zuhause. Und kommen in einer Zukunft an, die ungewiss bleibt. Wie lange wird dieser Krieg dauern? Wird man je zurückkehren können - und wollen? Die EU hat sich - im Gegensatz zum Ex-Mitglied Großbritannien übrigens - für eine breite und unbürokratische Aufnahme entschlossen und ermöglicht soziale Versorgung und Zugang zum Arbeitsmarkt. Tausende Kinder sind bereits in heimischen Schulen. Ukrainische Flüchtlinge werden unsere Gesellschaft mitprägen. Soviel darf ich verraten: Ihr Schicksal wird eines der Hauptthemen im neuen profil, ab morgen als E-Paper, ab Sonntag gedruckt - und kontinuierlich auf profil.at!

Der Krieg geht weiter. Auch wenn wir manchmal wegschauen wollen. Es ist einer der eindrucksvollsten Texte der letzten Tage: Die letzten internationalen Reporter in Mariupol, jener belagerten, ausgebombten, zerstörten Stadt am Asowschen Meer, schildern ihre letzten Tage bevor sie von ukrainischen Streitkräften aus der Stadt gebracht werden. Es ist ein beklemmender Bericht der AP-Reporter. 

Kein Mensch verdient solch ein Unheil. Und das Unheil ist mannigfaltig in den letzten Wochen. Auch wenn es uns manchmal schwerfällt, wir dürfen nicht das Interesse verlieren am Schicksal der Menschen in der Ukraine. profil hat diese Woche sechs Menschen porträtiert, die uns den Kriegsalltag in ihrem Land schildern. Es sind kämpferische, wütende, fordernde Stimmen, die einen Alltag aus der andauernden Hölle beschreiben. Es ist auch unsere neue Realität.

Sebastian Pumberger