Christian Stocker: Ein Fliegenfischer als Kanzler
Wenn es einen österreichischen Politiker gibt, der 2025 seine politische und persönliche Integrität aufs Spiel gesetzt hat, dann ist es Christian Stocker. Sein Aufstieg zum Bundeskanzler ist Ausdruck der politischen Flexibilität der Österreichischen Volkspartei – paradoxerweise war Stockers Vorgehen bei den Koalitionsverhandlungen mit der FPÖ aber auch so etwas wie die letzte Hoffnung der Schwarzen. Und offenbar tatsächlich der einzig verbliebene Weg für die Republik, Herbert Kickls Aufstieg ins Kanzleramt zu stoppen.
Am Zenit seiner politischen Macht übt Christian Stocker derzeit zwei Knochenjobs aus, um die ihn kaum jemand beneidet: Seine schwarz-rot-pinke Koalition ist ein Wackelturm und der ÖVP-Chefposten traditionell ein Schleudersitz. Stocker ruht dabei dennoch auf bemerkenswert unaufgeregte Weise in sich.
Würde man den 65-jährigen Niederösterreicher allein nach seinem Hobby, dem Fliegenfischen, beurteilen, könnte man meinen, Stocker sei einer, der keiner Fliege etwas anhaben könnte. Als der Jurist nach der Nationalratswahl 2024 als möglicher Justizminister gehandelt wurde, wich er aus: Es gebe bereits genug geeignete Kandidatinnen und Kandidaten; er selbst freue sich wieder darauf, mehr Zeit für sein Privatleben zu haben.
Gleichzeitig war Stocker, zuletzt ÖVP-Generalsekretär, jahrelang auch ein schwarzer Scharfmacher, der sich auf politische Kontrahenten und Andersdenkende stürzte, um sie mit halbrichtigen und teils auch falschen Behauptungen niederzuringen, was etwa auch profil nach einer Recherche über Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner erlebte.
Herr Kickl, es will Sie niemand in diesem Haus.
Dezember 2024
Es ist sicherlich nicht verkehrt, Christian Stocker einen treuen Parteisoldaten zu nennen; vielleicht ist der Fliegenfischer, der gern auch Saxofon spielt, aber mehr so etwas wie ihr Haus- und Hofanwalt, der sich auch nicht zu schade ist, die Drecksarbeit zu erledigen. Und, wenn nötig, öffentlich Wort zu brechen. Man könnte das kaltschnäuzig nennen. In der Art, wie Stocker es anstellt, könnte man aber auch „bella figura“ erahnen: etwa im vergangenen Frühjahr, als die Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und Neos platzten.
Der damalige schwarze Bundeskanzler Karl Nehammer, ein Boxer, dem das Pokerface nicht gegeben ist, zog sich zurück, denn er hatte geschworen, keine Koalition mit Herbert Kickl einzugehen. Im Dezember des Vorjahres hatte auch Stocker im Parlament noch Sätze gesagt wie: „Herr Kickl, es will Sie niemand in diesem Haus.“ Als es dann darum ging, sich vor die Kameras zu stellen und nun doch, gegen alle Ankündigungen und Beteuerungen, den Beginn von Koalitionsverhandlungen mit der FPÖ anzukündigen, sagte Stocker den bemerkenswerten Satz: „Mein Gemüt ist gut gekühlt.“
Stockers blaues Manöver ging jedenfalls glimpflich aus. Dass sich die Freiheitlichen unter Herbert Kickl in ihren Forderungen derart unnachgiebig zeigten, spielte Stocker in die Hände. Mit freundlichem Lächeln, hinter dem sich radikaler Pragmatismus verbarg, saß er die Sache aus. Am Ende schließlich brachte er Kickl so weit, die Verhandlungen selbst aufzukündigen, und verhinderte somit den ersten blauen Kanzler. Somit war der Weg für einen neuen Anlauf für eine Dreierkoalition möglich, die Stocker innerhalb kürzester Zeit besiegelte.
Seither regiert er als einer der wohl unaufgeregtesten und unauffälligsten Bundeskanzler der Zweiten Republik. Die Bühne überlässt er seinen Ministerinnen und Ministern – so sehr, dass selbst die Bevölkerung nicht so recht weiß, was sie von ihm halten soll. Seine Beliebtheitswerte haben keine Ausschläge, weder nach oben noch nach unten. Auch wenn seine Regierung eine Law-and-Order-Politik fährt, nimmt nicht einmal der linke Rand der SPÖ ihm das übel. Er kann auch mit dem roten Vizekanzler besser, als dies irgendwer vorab vermutet hätte. Und Stocker scheint derzeit auch nicht daran zu denken, einen weiteren Tanz mit den Blauen zu wagen – aber bei ihm kann man nie wissen. Nicht einmal, ob er bei der nächsten Wahl antritt oder sich doch ganz dem Fliegenfischen hingibt.