Schulfusion in Wien Ottakring: Integration oder Flucht in die Privatschule?
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„Wenn Sie einen Dolmetscher benötigen …“ Seit Beginn des Schuljahres halten Eltern der Volksschule Julius-Meinl-Gasse gebannt Ausschau nach Signalen der Veränderung. Das Angebot an Eltern bei einem Info-Tag könnte so ein Signal sein. Zur Wahl stehen Sprachen wie Türkisch oder Arabisch.
Die Veränderung begann im Juni 2025, als die Zusammenlegung der Julius-Meinl-Gasse mit der Schule gegenüber verkündet wurde: der Odoakergasse.
Die Aufregung war groß und ist es bis heute. Die beiden denkmalgeschützten Gebäude auf dem Gelände der Kaffeerösterei Julius Meinl sind architektonisch zwar Geschwister und sogar durch einen Schulhof verbunden, sozial liegen aber Welten zwischen ihnen.
Ein Häuserblock, zwei Kulturen
Die Julius-Meinl-Gasse zog Sprösslinge aus bildungsnahen Familien an, die in schicken Wohnungen und Häusern Richtung Wienerwald wohnen; die im Alltag Deutsch sprechen oder mit weiteren Sprachen wie Italienisch, Griechisch, Polnisch aufwachsen. Die Odoakergasse besuchten vorwiegend Kinder von Migranten und Flüchtlingen, die sich in Gemeindebauten oder unsanierten Zinshäusern an der Grenze zum Cottage ansiedelten; die daheim vielerlei Sprachen sprechen, aber nur selten Deutsch.
Das Verhältnis zwischen einheimischen und zugewanderten, zwischen christlichen und muslimischen Kindern ist in den beiden Schulen praktisch spiegelverkehrt. Man könnte die Unterschiede auch am Verhältnis zwischen Karottensticks und Schoko-Cookies in den Jausenboxen vermessen; oder an der Zahl an deutschen Wörtern, die Kinder am ersten Schultag in ihrem Wortschatz haben.
In Wien verstehen 45 Prozent der Kinder zum Schulstart kaum Deutsch. Ein Wert, der in der Odoakergasse zum Teil deutlich überschritten wurde, während Kinder ohne Deutschkenntnisse in der Julius-Meinl-Gasse die Ausnahme blieben.
Schulhof Julius-Meinl-Gasse
© Alexandra Unger
Schulhof Julius-Meinl-Gasse
Sinnbild für getrennte Wiener Schulwelten
Dieser Startnachteil ist in vier Jahren Volksschule kaum aufzuholen, wie der Schulatlas der Statistik Austria verdeutlicht. Darin wird grafisch dargestellt, in welche weiterführenden Schulen Volksschulabsolventen wechseln. Von der Julius-Meinl-Gasse führt im Schuljahr 2023/24 ein fetter Pfeil ins nächstgelegene Gymnasium, von der Odoakergasse ein ebensolcher in die Mittelschule.
Die beiden Schulen in Ottakring standen sinnbildlich für die Trennung in bürgerliche Schulen und Standorte mit besonderen Herausforderungen, vulgo „Brennpunktschulen“. Die Trennung verläuft längst nicht mehr nur zwischen traditionellen Ausländerbezirken und Inländerbezirken, sondern quer durch Grätzeln und teilweise sogar Häuserblocks, wie hier im oberen Ottakring.
Ist mehr Durchmischung noch möglich?
Diese schulischen Realitäten sind das Gegenteil jener Durchmischung, auf die das Rote Wien immer so stolz war; und das Gegenteil von gelungener Integration, wie Bildungsexperten beklagen.
Das macht die Zusammenlegung von Julius-Meinl-Gasse und Odoakergasse so spannend. Was passiert, wenn zwei grundverschiedene Schulen zusammengeführt werden? Ist eine stärkere Durchmischung die Folge, von der bildungsferne Kinder profitieren, weil sie von stärkeren Schülern mitgezogen werden? Oder flüchten Kinder aus bildungsnahen Milieus – anstatt Zugpferde zu sein – in die nächste Privatschule?
„Als die Zusammenlegung nur eineinhalb Wochen vor den Sommerferien verkündet wurde, fühlten sich viele Eltern in der Julius-Meinl-Gasse völlig überrumpelt“, erinnert sich Benjamin Horeth. Er ist seit zwei Jahren Obmann des Elternvereins, der nun mit der früheren Odoakergasse fusioniert wurde. „Eltern hatten zu Beginn teils banale Sorgen, etwa ob die gemeinsame Schule Odoakergasse heißt und Kinder nach der 4. Klasse dann schwerer ins Wunsch-gymnasium kommen“, spielt er auf die unterschiedliche Gymnasialquote der beiden Schulen an.
Als die Zusammenlegung kurz vor den Sommerferien verkündet wurde, fühlten sich die Eltern völlig überrumpelt.
Benjamin Horeth, Obmann Elternverein
Die Angst vor dem Niveau-Absturz
Am meisten Angst hatten Eltern aber davor, dass das Niveau in den Klassen deutlich im absinkt, wenn ihre Kinder mit zu vielen Schülern „von drüben“ zusammengewürfelt werden.
Als Name durchgesetzt hat sich Julius-Meinl-Schule. Absolventen der früheren Odoakergasse können so vom guten Image profitieren, das man bisher mit diesem Namen verband. Die Frage ist nur, ob dieses Image so bleibt. Die frühere Direktorin pflegte es gezielt. Ihr Credo war: Ihr müsst nicht in die Privatschule, es gibt im Bezirk die Julius-Meinl-Gasse. Sie nutzte die Spielräume bei der Schülerselektion, die früher noch größer waren.
Durch Mundpropaganda avancierte ihr Haus zur Wunschschule vieler Eltern aus dem Ottakringer Bildungsbürgertum, auch in Abgrenzung zur Odoakergasse. Ihr Nachfolger Adi Solly weiß um die Befindlichkeiten, die aus diesem System erwachsen sind. Deswegen versucht er, den Eltern die Angst vor dem Niveau-Limbo zu nehmen.
Julius-Meinl-Gasse
Denkmalgeschützt und vom Schwestergebäude in der Odoakergasse, auf der anderen Seite des Schulhofs, kaum zu unterscheiden.
Österreichische Lösung
„Kinder können, unterstützt durch die Eltern, bei der Einschreibung weiterhin Wunschklasse und Freunde angeben. Dadurch ergibt sich eine erste Einteilung der Klassen. Darüber hinaus achten wir darauf, dass es in den Klassen eine homogene Aufteilung gibt. Kinder mit besonderen Begabungen lernen gemeinsam, Kinder mit besonderen Bedürfnissen bekommen spezielle Förderangebote.“
So erklärt der Direktor die Folgen der Zusammenlegung auch ganz offiziell auf der Website der Schule.
Der wohl informierte und organisierte Teil der Elternschaft wird genau wissen, für welche Lehrer die Kinder anzumelden sind, damit sie mit Freunden in die Wunschklassen kommen.
Wird hier eine Chance verpasst?
Man könnte das alles als pragmatische, ja österreichische Lösung sehen. Aber auch als Absage an eine stärkere Durchmischung und Integration, die Wien so dringend bräuchte. Denn die Milieus bleiben so weiter unter sich.
Solly war ab 2008 Direktor der Odoakergasse. Als die Direktorin der Julius-Meinl-Gasse in Pension ging, fand sich keine Nachfolge. 2023 sprang Solly provisorisch ein. Durch die Zusammenlegung wurde ein Direktorenposten schließlich eingespart. Das Nachfolgeproblem war gelöst.
Solly ist nun offiziell Direktor für alle 500 Schülerinnen und Schüler. Als solcher führt er einen weiteren Grund an, der gegen eine starke Durchmischung der beiden Häuser spricht. „Die Ressourcen für Deutschförderung oder Inklusion sind zweckgebunden. Deswegen muss ich sie in gewissen Klassen weiterhin bündeln.“
Warum Reißverschlussprinzip nicht leistbar ist
Natürlich könne er die Schüler auch 50:50 mischen, sagt Solly. „Dann bräuchte es aber die Zusage aus dem Bildungsministerium, dass jede Klasse die Ressourcen von zwei Lehrern bekommt.“
Zwei Lehrer für zwei Geschwindigkeiten innerhalb einer Klasse: Das wäre das logische Durchmischungskonzept in einer Zuwanderungsmetropole wie Wien. Aber dafür fehlen Lehrer, Geld und Offenheit. Das weiß Direktor Solly.
Auch in der Julius-Meinl-Gasse gab es schon bisher eine Handvoll Kinder pro Klasse, die zu Beginn noch wenig Deutsch konnten und die dank des sprachlichen Umfeldes rasch aufholten, darunter auch Flüchtlinge. „Drei bis fünf Kinder pro Klasse sind ideal“, definiert Solly eine gut funktionierende Durchmischungsquote.
Neue Tiernamen statt alter Stereotype
Aber diese idealen Quoten wären selbst bei einer konsequenten Durchmischung aller Schulen quer durch die Bezirke nicht mehr realistisch. Dafür ist in Wien die Zahl von Kindern, die mit wenig Deutsch starten, zu stark angewachsen. Sie werden auch in der neuen Julius-Meinl-Gasse im Klassenverbund bleiben, aber nicht mehr in der „Odoakergasse“, sondern im „Haus der Pandas“.
Das Gebäude gegenüber sollen Lehrer und Eltern künftig „Haus der Frösche“ nennen, nach den Jugendstil-Froschbrunnen in jedem Stockwerk. Damit die alten Barrieren im Kopf sprachlich abgebaut werden.
Die Eltern aus der Sphäre der Julius-Meinl-Gasse scheinen vorerst besänftigt. Manche überlegten im ersten Fusionsschock, Geschwisterkinder lieber fürs Josefinum anzumelden, eine katholische Privatschule im 14. Bezirk. Elternvertreter Horeth erzählt von einer Familie, die sich im Sommer doch noch umentschied.
Nachfrage bei der neuen Direktorin des Josefinums, Elisabeth Riss: Sie hat bisher keine Abwanderungswelle aus der Julius-Meinl-Gasse registriert.
Odoakergasse
Denkmalgeschützt, und vom Schwestergebäude in der Julius-Meinl-Gasse, auf der anderen Seite des Schulhofs, kaum zu unterscheiden.
Die Begegnungszonen von morgen
Auch wenn die zwei Schulen nicht durchgemischt werden, so steigt zumindest die Durchlässigkeit. Denn Solly kann Schülerinnen und Schüler, die beim Deutschlernen rasch Fortschritte erzielen, leichter in eine Klasse mit bildungsnahen Kindern verlegen, um sie dort weiter zu fördern und fordern. Früher hätte es dafür einen komplizierten Schulwechsel von der Odoakergasse in die Julius-Meinl-Gasse gebraucht.
Eine fruchtbare Begegnungszone der Zukunft könnte auch die Nachmittagsbetreuung sein. Doch dem steht das Konzept des Horts entgegen. Der wurde schon bisher vorwiegend von Kindern aus der Julius-Meinl-Gasse in Anspruch genommen. Das liegt an den Kosten von 300 Euro pro Monat. Und an der Zugangsbeschränkung: Beide Eltern müssen arbeiten. In traditionellen Zuwandererfamilien sind die Mütter oft daheim und holen ihre Kinder schon zu Mittag ab.
Ganztagsschule für Eltern ein „No-Go“
In einer Ganztagsschule wäre das nicht mehr möglich. Wien baut seine Pflichtschulen sukzessive in diese Richtung um. Wann ist es in der Julius Meinl-Gasse so weit? Kinder, deren Eltern selbst zu wenig Deutsch können, um sie ausreichend zu unterstützen, würden stark von einer Ganztagsschule profitieren.
Doch eine Ganztagsschule könnte die bildungsnahen Familien, die man am Standort ja halten will, vertreiben. „Eine Ganztagsschule ist für Eltern ein No-Go“, hat Benjamin Horeth auf Tagen der offenen Tür immer wieder zu hören bekommen.
Viele Eltern würden sich ganz bewusst für die Halbtagsschule mit Hort entscheiden, wegen der flexiblen Abholzeiten und der Ferienbetreuung im Sommer – auch wenn das mehr kostet.
Der Umbau in eine Ganztagsschule ist teuer, baulich aufwendig und dürfte hier in Ottakring noch länger nicht spruchreif sein. Vielleicht schafft es die Schule bis dahin, ihr Potenzial als Ort der verschiedenen Kulturen, Religionen, Sprachen und Geschwindigkeiten zu entfalten und ein ganz neues Image aufzubauen – jenseits der alten Zuschreibungen.
Der verzauberte Schulhof
Was schon jetzt verlässlich verbindet, ist der Sport. Das weiß Solly als Fußballtrainer der „Mini-Pandas“ des Wiener Sport-Clubs nur zu gut. Deswegen gibt es an seiner Schule gemeinsame Fußballturniere für Burschen und Mädchen mit gemischten Teams.
Und auch gefeiert wird ab sofort gemeinsam. Zum „Winterzauber“, dem traditionellen Weihnachtsfest der Julius-Meinl-Gasse, waren heuer erstmals Eltern und Kinder aus beiden Häusern geladen.
Das scheint angekommen zu sein. Nicht wenige Mütter trugen Kopftuch. Die Kinder boten abwechselnd ihre geprobten Lieder dar. Ob gerade Pandas oder Frösche sangen, war weder hörbar, noch spielte es eine Rolle.
Clemens Neuhold
ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.