Bankomatsprenger gefasst, Beute verschwunden – Haftstrafen einkalkuliert?
Rund 669.000 Euro hielt eine Bande sogenannter Bankomatsprenger nach nur zwei Überfällen in den Händen – rund 273.000 Euro in Gänserndorf, rund 396.000 Euro in Neusiedl am See.
Beim dritten geplanten Coup in Oberösterreich observierte die Polizei die Verdächtigen bereits. Nun sitzen fünf von ihnen in Untersuchungshaft. Bald werden sie sich vor Gericht verantworten müssen.
profil liegen die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Korneuburg und die Ermittlungsakten vor. Was daraus hervorgeht: Das schnelle Geld dürfte der Hauptanreiz für die gefährlichen, aber penibel geplanten Raubtouren der Gruppierungen aus den Niederlanden sein. Längere Haftstrafen werden bei diesen Summen auch schon einmal einkalkuliert.
Obwohl die Verdächtigen auf der Flucht einen Teil des Geldes zurücklassen mussten, dürfte ihre Ausbeute enorm sein. Für die österreichischen Banken sind die Scheine wohl für immer verloren. Die niederländische Polizei beobachtete einen der Verdächtigen nach den ersten beiden Sprengungen in Österreich mit einer schwarzen Sporttasche an seiner Adresse in der Stadt ’s-Hertogenbosch – das war wohl die letzte Spur.
Laut Rechtsanwalt Michael Ofner, der eine der angeklagten Personen vertritt, drohen den mutmaßlichen Bankomatsprengern bis zu zehn Jahre Haft. Angeklagt sind sie wegen krimineller Vereinigung, gewerbsmäßigen Diebstahls und vorsätzlicher Gefährdung durch Sprengmittel.
Es handelt ich bei den Verdächtigen – drei Niederländer, ein Rumäne und ein Deutscher im Alter zwischen 19 und 43 Jahren – um Personen, die sich mit Minijobs durchschlugen oder arbeitslos waren. Drei der Angeklagten sind vorbestraft – unter anderem wegen Drogenhandels, Diebstahls und Körperverletzung.
Die Ermittlungsakten zeigen, wie professionell die Gruppierung agierte: Die Filialen wurden mittels installierter Minikameras beobachtet, es wurden Garagen für Fluchtautos – bevorzugt 600-PS-starke Audi RS6 – und zur Sprengstoff-Herstellung gemietet. Mit gestohlenen Kennzeichen wurden falsche Spuren gelegt.
Und: Aus der jüngsten Anklage geht hervor, wie gefährlich die Sprengungen sind. Eine 50 Kilo schwere Tresortüre verfehlte einen Security nur knapp. Insgesamt richtete die mutmaßliche Bande in den Bankfoyers einen Schaden von rund 2,5 Millionen Euro an.
Wurden Banken sicherer?
Warum es Gruppierungen wie diese immer wieder auch nach Österreich zieht? Das liegt auch daran, dass in den Niederlanden bereits früh Maßnahmen ergriffen wurden, um Bankomaten sicherer zu machen. Wird der Bankomat beschädigt, verkleben die Scheine dort. Das sprach sich in der Szene herum. „Durch verstärkte Präventionsmaßnahmen der Banken in den Niederlanden verschoben die Täter ihren Aktionsraum nach Deutschland und in weiterer Folge nach Österreich“, teilt das Bundeskriminalamt mit. Seit 2023 hat es in Österreich 58 Bankomatsprengungen gegeben. 30 allein im Vorjahr.
In Deutschland sprachen Ermittler von einer Nähe der Banden zur sogenannten „Mocro-Mafia“. Der Begriff bezeichnet Tätergruppen aus den Niederlanden, die sich hauptsächlich aus Verdächtigen mit marokkanischer Migrationsgeschichte zusammensetzen. Anwalt Ofner meint, dass sich manche der Gruppierungen untereinander kennen würden und es Austausch über Fluchtfahrzeuge oder Sprengstoff, aber keine zentrale Führung gebe. Das bestätigt auch das Bundeskriminalamt: „Unsere Ermittlungen führten zu professionell agierenden Tätergruppen aus den Niederlanden. Dabei konnte festgestellt werden, dass sie grundsätzlich unabhängig voneinander agieren, jedoch auch teilweise Verbindungen bestehen.“
Die Gruppe scheiterte schließlich am 19. August 2025 in Hofkirchen in Oberösterreich an einem verschlossenen Tresorkern. Weil sie davor von einem Zeugen verpfiffen worden waren, wurden sie dabei von Ermittlern beobachtet und auf der Flucht festgenommen.
Das war einer der großen Erfolge der im März 2025 gegründeten „AG Bankomat“ des Bundeskriminalamts, die bisher 29 Verdächtige festnehmen konnte. Im Bundeskriminalamt spricht man mittlerweile von einem Rückgang der Taten, den man auf die eigene Arbeit, aber auch auf Maßnahmen der Banken zurückführt. Laut Bankenverband habe man etwa die Farbsysteme, die Geldscheine bei Angriffen einfärben, aufgerüstet, die Überwachung und den Austausch mit der Polizei ausgebaut. Weitere Maßnahmen wolle man aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgeben.
Dennoch gab auch heuer schon zwei Fälle – in Wien und in Niederösterreich. Diese Täter sind noch auf der Flucht – in beiden Fällen aber wohl ohne Beute.