Schüler in einer Brennpunktschule
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Eine Woche in einer Wiener Mittelschule mit einem Sozialarbeiter. Bei ihm laufen gravierende Probleme zusammen: Von schwerer Vernachlässigung, Armut, Handysucht bis Zwangsehe und Drop-Out ohne Abschluss. Ich habe nicht nur gelernt, wie man das Handy-Verbot umgeht.

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  • Sozialarbeit: An Schulen mit besonderen sozialen Herausforderungen (vulgo Brennpunktschulen) ist Sozialarbeit zentral. Besonders an städtischen Mittelschulen, die zu sozialen Auffangbecken geworden sind. Sozialarbeiter sind dort Vertrauensperson, Konfliktlöser, Ersatz-Elternteil. Das sind auch die Lehrer. Doch die sollten unterrichten. Eine Lehrerin drückt es in unserer Cover-Story so aus: „Bevor wir die Probleme einzelner Schüler nicht bearbeitet haben, ist an Unterricht nicht zu denken. Wir bräuchten in jeder Klasse einen Sozialarbeiter.“ In dieser Mittelschule kommt ein fixer Sozialarbeiter auf 17 Klassen. Das ist mehr als an vielen anderen Schulen.
     
  • „Chancen-Bonus“: Die Regierung gibt 400 Brennpunktschulen ab Herbst zusätzlich 65 Millionen, damit sie neue Lehrer, Sozialarbeiter oder Psychologen holen können. Dieser „Chancen-Bonus“ ist nicht nichts in Zeiten von Sparpaketen. Reicht das für eine Trendwende? Nein. Dafür bräuchte es eher 650 Millionen. Das zeigen Erfahrungen aus London, wo Schulen in Hotspots mit viel Geld sozial gedreht wurden. Dazu kommt: Es sind eigentlich nur 50 Millionen extra. 15 Millionen flossen unter dem Mascherl „100 Schulen, 1000 Chancen“ schon bisher an Standorte wie diese Mittelschule. Der Direktor holte sich damit zwei neue Lehrer. Die darf er jetzt behalten. Neues Personal bekommt er aber nicht.
  •  Durchmischung: Führt an einer gezielten Aufwertung von Brennpunktschulen ein Weg vorbei? Damit sie weniger oft die letzte Station vor dem AMS sind? Nein. Weil die einzige Alternative wäre, die Schulwelten besser zu durchmischen - damit die Stärkeren die Schwächeren mitziehen. Doch dieser Zug ist abgefahren. Die urbanen Schulwelten sind heillos geteilt. 

    Bildungsnahe Eltern haben gelernt, wo sie ihre Kinder hingeben, damit sie nicht die einzigen mit Deutsch als Erstsprache sind. Sie melden sich dafür notfalls um, weichen auf Privatschulen aus oder kutschieren die Kinder in der Früh quer durch die Stadt. Der Rest landet im Brennpunkt.

    Aus der FPÖ-Ecke tönt eine vermeintlich weitere Alternative: Remigration. Doch das ist eine Illusion. Das sind längst unsere Kinder, unsere Jugendlichen: Hier geboren oder viel zu lange hier, um sie irgendwohin ins Geburtsland ihrer Eltern zu deportieren. Abgesehen von der rechtsstaatlichen Dimension der blauen Pläne.
     
  • Kultur und Religion: Beides spielt eine zentrale Rolle – let’s face it. Ich konnte nicht glauben, wie sehr der Ramadan den Unterricht an dieser Schule mit 60 Prozent Muslimen zusätzlich erschwert. Einige Schüler waren ohne Nahrung, Wasser und Schlaf (gegessen wurde dann teils in der Nacht) so geschwächt, dass man ihnen – man verzeihe mir diese Überspitzung – gleich einen Monat frei hätte geben können. Aber das geht natürlich nicht. 

    Zu viele Eltern stellen ihre Religion und Familie absolut und verlassen sich darauf, dass sich um den Rest der Staat kümmert. Erlebt im Kammerl des Sozialarbeiters: Wenn Familienmitglieder sterben, lassen Schüler für Wochen oder gar Monate einfach alles liegen und stehen. Auch, wenn sie schulisch am Kipppunkt sind.

  • Neue Autorität: Lehrer, Direktoren, Sozialarbeiter, Jugend-Coaches fangen enorm viel auf. Das zeigte sich gerade in dieser Mittelschule. Doch an urbanen Pflichtschulen ist die Zahl an Kindern aus bildungsfernen, islamisch-konservativen Familien zu groß geworden. In so mancher Volksschulklasse stellen Syrer bereits die Mehrheit. An der Mittelschule ist es nur eine Frage der Zeit. Arabisch ist bereits die zweithäufigste Erstsprache hinter Türkisch – weit vor Deutsch. 

    Diesen Eltern muss der Staat mit einer neuen Autorität gegenübertreten, einer Autorität, die leistungsorientiert und säkular ist. Und zwar bei jeder staatlichen Leistung, die sie erhalten – angefangen vom Asylantrag, über den Mutter-Kind-Pass, den Kindergarten bis zur Schuleinschreibung. Einziges Ziel muss es sein: Die Kinder ins System zu holen und dabei alle sozialen und kulturellen Hürden aus dem Weg zu räumen. Dafür gilt es, auch Autoritäten in den Communities in die Pflicht zu nehmen.
     
  • Bonus-Punkt: Ich schulde Ihnen noch den Einblick, wie man das Handyverbot an Schulen umgeht. Man hat einfach mehrere Smartphones und gibt sein altes ab. Weitere „Learnings“ dieser Natur serviere ich Ihnen bei nächster Gelegenheit.
Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

Seit 2015 in der profil-Innenpolitik, davor bei Wiener Zeitung, Migrantenmagazin biber und KURIER. Seine Recherchen beschäftigen sich vor allem mit Zuwanderung, Bildung und Gesundheit.